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Die Neuerfindung des Omnibus

Im Januar wird in Deutschland der Fernbusmarkt freigegeben. Dann kann jeder ein Busgewerbe auf deutschen Fernstrecken ohne Sondererlaubnis betreiben. Ein Gesetz von 1931, das die Deutsche Bahn vor Konkurrenz schützen sollte, ist dann weitgehend abgeschafft. Zahlreiche Unternehmen wollen das nutzen – darunter Start-ups wie Flixbus, MeinFernbus.de und der Traditionsanbieter Deutsche Touring, der bislang nur außerdeutsche Strecken anbot.

Die drei Deinbus.de-Gründer v.l.n.r. Alexander Kuhr, Christian Janisch und Ingo Mayr-Knoch.
Die drei Deinbus.de-Gründer v.l.n.r. Alexander Kuhr, Christian Janisch und Ingo Mayr-Knoch. Pressebild

Solange wollten die drei Gründer von Deinbus.de nicht warten. Als Studenten gründeten sie bereits 2009 das Unternehmen Deinbus.de – damals noch unter dem Namen Yourbus. Der Trick: Sie deklarierten die Busfahrten als Fahrgemeinschaften. Erst wenn sich genug Mitfahrer auf einer Strecke fanden, wurde der Bus gemietet. Der Mut hat sich gelohnt: Heute ist Deinbus.de Marktführer. Eine Klage der Deutschen Bahn, die einen Verstoß gegen die Genehmigungspflicht sah, wurde im März 2011 abgeschmettert. Nach und nach holte sich Deinbus.de immer mehr Sondererlaubnisse für feste Strecken.

Pressebild

Derzeit werden jeden Tag mehrere hundert Menschen mit elf Bussen befördert – überwiegend von Frankfurt am Main und Freiburg aus in andere deutsche Städte. Die Preise sind abhängig von der Nachfrage und beginnen bei 9 Euro pro Fahrt.

Vernetzer von Busunternehmen

„Wir haben, glaube ich, schon den First-Mover-Vorteil, man kennt uns. Wir sind die Pioniere im Fernbus-Sektor", sagt Christian Janisch, der das Unternehmen zusammen mit seinen Freunden Alexander Kuhr und Ingo Mayr-Knoch gegründet hat. Mit nur 28 Jahren ist Janisch sogar der Älteste in dem Dreiergespann. Dabei stellt Deinbus.de Busse nicht selbst zur Verfügung, sondern arbeitet mit sechs mittelständischen Unternehmen zusammen. „Wir sind ein Vernetzer von sehr starken Mittelständlern", beschreibt Janisch das Konzept. „Und mit diesen starken Mittelständlern werden wir in der Lage sein, sehr schnell zu wachsen. "

Derzeit führt Deinbus.de Gespräche mit weiteren Busunternehmen, um das Streckennetz ab Januar auszuweiten. „Das Interesse in der Busbranche ist – spätestens seit jetzt die Politik bekannt gegeben hat, dass das Gesetz liberalisiert wird – enorm." Auch mit dem neuen Gesetz bleiben allerdings Beschränkungen. Der Nahverkehr wird auch dann noch durch eine Grenze von 50 Kilometern oder einer Stunde Fahrzeit geschützt, die von den Fernbussen bei einer Städtefahrt nicht unterschritten werden darf. „Wenn wir zum Beispiel von Frankfurt über Köln nach Düsseldorf fahren wollen, dürfen wir niemanden von Köln nach Düsseldorf mitnehmen", sagt Janisch. „Das ist natürlich weiterhin ziemlich absurd."

Deutsche-Bahn-Klage ein Glücksfall

Für dieses Jahr ist das Unternehmen laut Janisch „nah dran an den schwarzen Zahlen" und beschäftigt 13 Mitarbeiter. So gut lief es aber nicht immer für Deinbus.de. Der wirtschaftliche Durchbruch ist der Idee erst mit einer Klage der Deutschen Bahn gelungen, für die das Start-up heute geradezu dankbar ist. „Ohne diese Klage gäbe es uns mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr", sagt Janisch. „Wir haben das mit großer Euphorie im Jahre 2009 gestartet. Dann wurde es aber immer schwerer und irgendwann war die Luft auch ein bisschen raus", berichtet er vom schwierigen Anfang des Unternehmens. „Zum Glück hat uns dann die Bahn verklagt, und damit war ein Moment gekommen, an dem wir gesagt haben: Tod oder Weltmeister." Was folgte, war eine bundesweite Berichterstattung, die Deinbus.de bekannt gemacht hat. „Die Bahn hat uns da einen Gefallen getan und sich sehr wahrscheinlich nicht".

Auf eine Berufung gegen das Urteil verzichtete das Staatsunternehmen, „weil die anstehende Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes auch im Bereich Fernbus neue Rahmenbedingungen schaffen würde. Ein paralleles Gerichtsverfahren dazu hielten wir für wenig sinnvoll", sagte ein Bahnsprecher dem Wall Street Journal Deutschland.

Studie sieht Potential für deutschen Fernbusmarkt

Der Fernbusmarkt könnte damit ab Januar eine deutlich größere Rolle in Deutschland spielen. 2008 berechnete die TU Dresden in einem Szenario, wie sich eine Deregulierung des Fernbuslinienverkehrs in Deutschland auswirken würde. Demnach erhalten Fernbusse bei einer Strecke von 300 Kilometern in einem Szenario mit „realistischer Nutzdichte des Fernlinienbusverkehrs" künftig einen stolzen Anteil von 5,3 Prozent. Dieser würde vor allem auf Kosten des Individualverkehrs mit Pkws gehen, so die Studie – die Bahn hat also gar nicht so viel zu befürchten.

Der Fernbus wäre damit nach Pkw und Bahn noch vor dem Flugzeug der drittwichtigste Verkehrsträger bei einer Strecke von 300 Kilometern in Deutschland. Das zumindest schlossen die Forscher aus der Befragung von 1200 Deutschen. Vor allem Geringverdiener würden von den Angeboten Gebrauch machen, während Business-Reisende auch in Zukunft wohl lieber auf die schnellere und bequemere Bahn setzten.

Auf die Idee, in den Fernbus-Markt einzusteigen, kamen die Gründer als Studenten der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Alle drei hatten Fernbusse im Ausland kennen- und schätzen gelernt. Dabei finanzierte sich das Unternehmen aus eigener Tasche und durch die Ausgabe von Genussscheinen. Die Genussrechte können ab 500 Euro gezeichnet werden. Wer investiert, geht ins Risiko: Die Genussscheine nehmen an der Entwicklung des Eigenkapitals teil, im schlimmsten Fall bis zum Totalverlust. Die Genussrechte werden für fünf Jahre gezeichnet – macht das Unternehmen in dieser Zeit Gewinn, wird das Kapital mit mindestens acht Prozent verzinst.

Kritik an Venture-Capital-Szene

„Das Schöne ist, dass uns das sehr unabhängig von der einen oder anderen Heuschrecke macht, die wir erleben durften", sagt Janisch. Mit der Risikokapitalbranche haben die jungen Unternehmen nämlich schlechte Erfahrungen gemacht. „Das sind Jäger, die suchen nach dem nächsten Facebook oder Twitter, das Wachstumsraten verspricht, die höchstens ein feuchter Traum sind", sagt er. „Wenn man ein klassisches Old-Economy-Geschäft hat, das solide und relativ risikoarm ist, mit Wachstumsraten, die auch der schwäbischen Hausfrau zu vermitteln sind, dann kommt man bei denen gar nicht durch. Die erwarten Skalierungen kann man einfach nicht bieten, wenn man mit Bussen fährt."

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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