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Portal gegen das große Handy-Horten

83 Millionen alte Handys lagen laut einer Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom schon Ende 2011 in deutschen Haushalten ungenutzt herum – mehr als es Bundesbürger gibt. Dieses Jahr fällt die Zahl noch höher aus, heißt es vom Branchenverband – genau Zahlen werden kommende Woche veröffentlicht. Damit übertreffen die Deutschen die Briten, bei denen laut einer Umfrage des Smartphone-Sicherheitsspezialisten Lookout 28 Millionen Handys ungenutzt versauern.

Wirkaufens.de kauft alte Elektronikgeräte auf.
Wirkaufens.de kauft alte Elektronikgeräte auf. Screenshot Wirkaufens.de

Der in der Lookout-Umfrage am häufigsten angegebene Grund für die Sammelwut bei Handys: Die Kunden wissen nicht, wohin damit. Ein altes Gerät bei Ebay zu versteigern, lohnt häufig den Aufwand nicht. Eine einfach Alternative will das Onlineportal Wirkaufens.de aus Frankfurt an der Oder anbieten. „Bei uns ist es deutlich einfacher, schneller und sicherer, ein Altgerät zu verkaufen", wirbt Unternehmensgründer und Geschäftsführer Christian Wolf für sein Konzept.

Wirkaufens.de kauft alles

Das Prinzip des Portals spiegelt schon der Unternehmensname wider: Wirkaufens.de kauft jedes alte Elektronikgerät an und übernimmt auch die Versandkosten. Geld gibt es dabei immer – vom symbolischen Betrag plus Versandkosten bei sehr alten Geräten bis zu hohen Beträgen bei teuren Smartphones, Tablets, Digitalkameras oder Fernsehern in gutem Zustand. Dazu muss der Nutzer nur wenige Angaben zum Gerät machen - wie Name und Zustand in einer Maske eingeben. Das soll in zwei Minuten erledigt sein, verspricht Wolf. Danach wird ein Festpreis angeboten, der nach Angaben des Geschäftsführers nach spätestens sieben Tagen auch ausgezahlt wird. Derzeit schlägt man nach eigenen Angaben im Monat etwa 15.000 Geräte auf diese Weise um.

Doch nicht nur Bequemlichkeit hält Besitzer von Altgeräten vom Verkauf bei Ebay und Co. ab. Ebenfalls ein in der Lookout-Umfrage häufig genannter Grund, warum sich die Handybesitzer kaum von ihren nicht mehr genutzten Geräten trennen wollen, ist die Sorge um persönliche Daten. Auch hier verspricht Wirkaufens.de Abhilfe. Die Daten würden vor dem Verkauf durch ein vom Bundesamt für Sicherheit (BSI) geprüftes Verfahren vollständig und sicher gelöscht, sagt Geschäftsführer Wolf. Dabei setzt Wirkaufens.de auf Programme des finnischen Softwareherstellers Blancco.

Wirkaufens.de-Gründer Christian Wolf.
Wirkaufens.de-Gründer Christian Wolf. Pressebild

Wirkaufens.de prüft die Geräte und verkauft sie an Privatkunden weiter. Dabei wird ein Jahr Garantie gewährt. Auch das bei kommerziellen Anbietern vorgeschriebene Rückgaberecht beim Online-Verkauf von 14 Tagen ist vorhanden. Der Vorteil für den Kunden ist in erster Linie, dass er sich den Stress spart, der mit einer Online-Auktion beispielsweise bei Ebay verbunden ist: Fotos machen, Angebotsbeschreibung ausfüllen, Fragen von möglichen Kunden beantworten. „Keine Anrufe, keine Mails – Sie müssen auch niemanden zu Hause empfangen, weil er zum Beispiel Versandkosten sparen will", sagt Wolf. „Sie gehen einfach zur Post oder lassen das Gerät zu Hause abholen – das ist wirklich der einfachste Weg, den man sich denken kann."

Die Bequemlichkeit hat natürlich ihren Preis: Auf Ebay machen Nutzer in der Regel höhere Gewinne mit ihren Altgeräten als bei Wirkaufens.de. Nach Angaben von Wolf verkauft sein Unternehmen die Produkte knapp über 30 Prozent über dem Einkaufspreis weiter – und das unter anderem auch bei Ebay und Amazon. Dabei könne Wirkaufens.de allerdings durch die Garantie, die technische Überprüfung der Geräte und die Tatsache, dass es sich um ein vertrauenswürdiges Unternehmen mit vielen Bewertungen und Rückgaberecht handelt, deutlich höhere Preise erzielen, als ein Privatverkäufer. Die Geräte seien darüber hinaus gereinigt, neu verpackt und durch möglicherweise zuvor fehlendes Zubehör ergänzt worden. Für diese Sicherheit seien die Kunden bereit, 15 bis 20 Prozent mehr zu bezahlen, sagt Wolf.

„Ich war zu faul für Ebay"

Auf die Idee ist der Unternehmer gekommen, als er noch bei der Deutschen Telekom in den Telekom Labs gearbeitet hatte. Damals füllte sich seine Schublade mit Handy-Testgeräten. „Ich wusste, da liegen etwa 1.000 Euro", sagt Wolf. Doch nach einem 12-Stunden-Tag hatte er weder Zeit noch Lust, die Geräte einzeln bei Ebay einzustellen. „Ich war einfach zu faul, das alles auf Ebay zu verkaufen. Ich wollte mir den Stress nicht antun."

Sein Geschäft floriert vor allem im Januar. Elektronikgeräte sind beliebte Geschenke zu Weihnachten – und im Januar werden darum viele Altgeräte verkauft. Doch auch wenn neue Geräte auf den Markt kommen, kann Wolf sich freuen. „Dadurch, dass Apple dieses Jahr sogar drei neue Modelle herausgebracht hat, ist der Markt ziemlich heiß gelaufen", sagt Wolf. Handys werden auf seiner Plattform am häufigsten angekauft. „Jeder hat eins, etwa alle zwei Jahre wird gewechselt", berichtet der Gründer. Tablets sind jetzt schon die zweitstärkste Kategorie. Außerdem sind hochwertige Spiegelreflex-Digitalkameras und Notebooks sehr beliebt.

Für die Preisfindung wertet Wirkaufens.de die Preise zahlreicher Portale aus ganz Europa aus, auf denen gebrauchte Elektronikprodukte verkauft werden. „Mit einer statistischen Methode können wir dann unseren wahrscheinlichen Verkaufspreis ermitteln", erklärt der Geschäftsführer.

Millionen eingesammelt

Investoren finden das Geschäft spannend – trotz des relativ aufwendigen Geschäfts. „Insgesamt ist es ein hoher siebenstelliger Betrag gewesen, der investiert wurde", sagt Wolf. Der mit Abstand größte Geldgeber ist der französische Risikokapitalgeber Ventech. Außerdem haben mehrere Fonds von Brandenburg Capital im Besitz des Landes Brandenburg, Pressedruck Augsburg und Point Nine Capital von Team Europe investiert. Hinter Team Europe steht im Wesentlichen Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski. „Das ist eigentlich mein Lieblingsinvestor", sagt Wolf. „Weil sie sehr aktiv sind und auch über das Geld hinaus sehr viel Unterstützung bieten."

Doch warum stecken die Investoren eine Millionensumme in ein Geschäft, das derart aufwendig ist und keine Traummargen verspricht? „Das Interessante ist, dass es wirklich ein gigantisch großer Markt ist", sagt Wolf. „In Deutschland allein liegen rund 80 Millionen alte Handys in den Schubladen und jedes Jahr kommen etwa 10 bis 12 Millionen dazu." Gleichzeitig gäbe es durch Smartphones einen Trend zu hochwertigeren und langlebigeren Geräten.

Entsprechend ist das Unternehmen in Deutschland auch nicht mehr alleine auf dem Markt. „Die größten Konkurrenten sind Rebuy und Momox", sagt Wolf. Beide seien aus den Bereichen Bücher beziehungsweise Computerspiele gekommen. Da das Geschäft aber recht komplex sei und viele verschiedene Kompetenzen benötige, könne es gut gegenüber Neuankömmlingen verteidigt werden.

Von Ebay bis zum Recycling

Damit Wirkaufens.de das Versprechen des Namens auch einlösen kann, werden die Geräte auf ganz verschiedenen Märkten verkauft. Etwa ein Drittel bis 40 Prozent der aufgekauften Geräte geht in den regulären Verkauf an Privatkunden in Deutschland. „Andere wiederum verkaufen wir an Großhändler oder andere Wiederaufbereiter, die in Ländern wie der Ukraine, Rumänien oder Lettland sitzen", erklärt Wolf. Dort werden auch solche Geräte verkauft, für die sich in Deutschland nur noch schwer zahlende Kunden finden lassen. Der kleine Rest der Geräte, der auch dort nicht mehr verkäuflich ist, wird recycelt. „Das ist nicht unser Kerngeschäft, wir sind kein Recycler", sagt Wolf. „Wir machen das einfach, um ein Angebot für jedes Gerät machen zu können". Für ein „Schrottgerät" oder ein sehr altes Gerät würden Kunden so zumindest noch einen symbolischen Preis bekommen.

Insbesondere die Sorge um Daten beim Wiederverkauf alter Geräte lässt Wirkaufens.de auch für Unternehmenskunden attraktiv werden. „Wir haben schon einige große Kunden wie große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder Beratungsgesellschaften und auch Dax-Unternehmen gehabt", sagt Wolf. Derzeit kämen aber grob geschätzt nur 5 bis 10 Prozent der Geräte von Firmenkunden. „Das Firmenkundengeschäft ist aktuell eher ein Zubrot." Kerngeschäft ist aber der Privatkunde, wie beispielsweise auch die derzeit bei ProSieben geschalteten Werbespots deutlich machen. Einen hohen siebenstelligen Betrag hat sich das Unternehmen die Werbung kosten lassen.

Noch ist das Unternehmen nicht profitabel. Eigentlich plante Geschäftsführer Wolf, in diesem Jahr schwarze Zahlen zu schreiben. „Wir sind kurz davor", sagt er. „Meine Prophezeiung ist einige Monate danebengegangen. Aber wir sind jetzt schon auf einem guten Weg dahin." Immerhin habe sich aber der Umsatz seit 2009 jedes Jahr in etwa verdreifacht. „Das ist dieses Jahr auch wieder gelungen und im kommenden Jahr wollen wir es noch einmal schaffen."

Dann allerdings erwartet Wolf langsam eine Sättigung im deutschen Markt, weshalb er bereits jetzt die Internationalisierung des Geschäfts vorantreibt. Künftig will das Unternehmen in die wichtigste Märkte Europas expandieren. „Wir haben uns schon die Rechte an den jeweiligen Übersetzungen von ‚Wirkaufens' gesichert", sagt Wolf. Schon jetzt stellt das Unternehmen ein, um sich für den Boom nach Weihnachten vorzubereiten. In der vergangenen Woche hat das Unternehmen auf 75 Mitarbeiter aufgestockt.

„Auch das Management verstärken wir gerade im Rahmen der Internationalisierung. Wir werden die Hundertergrenze bis Mitte nächsten Jahres locker hinter uns gelassen haben."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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