SOFIA—Bulgarien, der ärmste Mitgliedstaat der Europäischen Union, will den Euro nicht mehr. Die Krisenstimmung in der Eurozone und die eigene, erstaunlich stabile Finanzlage haben die Euphorie im Land für den Beitritt zur Währungsunion verblassen lassen.

Ein bulgarisches Kind vor seinem Haus in Sofia: Bulgarien ist das ärmste EU-Land, hat aber seinen Haushalt recht gut im Griff. Associated Press

Die Stimmung im Volk und innerhalb der Regierung sei gekippt, sagte der bulgarische Finanzminister Simeon Djankov am Montag in der Hauptstadt Sofia. „Ich sehe momentan keinerlei Vorteile aus dem Beitritt zur Eurozone, nur Kosten", sagte er und fügte hinzu: „Die Öffentlichkeit will wissen, wen wir retten müssten, wenn wir beitreten würden. Für uns ist das zu riskant, und es ist außerdem nicht klar, wie die Spielregeln aussehen."

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy (r) begrüßt den bulgarischen Ministerpräsidenten Boyko Borisov im Juli in Brüssel. Agence France-Presse/Getty Images

Bulgarien galt als langjähriger Anwärter auf einen Beitritt zur Währungsunion, aber es ist nicht das einzige osteuropäische Land, das sich zunehmend von der Eurozone distanziert. Auch Litauen will nach Aussage seines Ministerpräsidenten Andrius Kubilius den Euro nur noch, wenn „Europa bereit ist". Und Lettlands Ministerpräsident Valdis Dombrovskis erklärte jüngst, seine Regierung werde im Frühjahr 2013 über eine mögliche Mitgliedschaft entscheiden. Zuvor hieß es stets, Lettland wolle auf jeden Fall im Jahr 2014 beitreten.

Im Vergleich zu anderen Ländern hat Bulgarien die Krise in der Eurozone bisher extrem gut gemeistert. Das Land ist stark vom Handel mit größeren EU-Staaten wie Deutschland abhängig. Es kürzte aber Löhne und Renten und schaffte es so, sein Haushaltsdefizit im vergangenen Jahr auf 2,1 Prozent der Wirtschaftsleistung zu kürzen. Bulgarien hat seine Währung an den Euro gekoppelt, was die Wirtschaft stabilisiert und die Regierung zu geradliniger Politik zwingt. Nach drei Jahren strikter Finanzdisziplin erfüllt das Land nun alle Kriterien, um am europäischen Wechselkursmechanismus teilnehmen zu dürfen – die letzte Stufe vor einer offiziellen Aufnahme in die Währungsunion.

Im vergangenen Jahr wuchs Bulgariens Wirtschaft um bescheidene 1,7 Prozent; in diesem Jahr soll sich das Wachstum laut Europäischer Bank für Wiederaufbau und Entwicklung auf 1,2 Prozent verlangsamen. Die Regierung selbst geht von einer Rate um 1,5 Prozent aus. Sie warnt aber vor bis zu fünf Jahren des „Nullwachstums", sollte sich Deutschland mit seinem strikten Sparkurs innerhalb der Eurzone durchsetzen.

Zwar stieg die Arbeitslosenrate in Bulgarien jüngst auf mehr als 12 Prozent. Aber das ist immerhin nur halb so viel wie in Spanien oder Griechenland. Nach wie vor investieren auch Russen viel Geld in die bulgarischen Ferienresorts am Schwarzen Meer. Bulgarien hatte bisher keine Probleme, Anleger anzulocken. Während angeschlagene Euro-Staaten von den Kapitalmärkten so gut wie abgeschnitten sind, gelang es Bulgarien im Juli eine Euromarkt-Anleihe mit fünfjähriger Laufzeit in Höhe von 950 Millionen Euro zu platzieren. Die Auktion war sogar überzeichnet.

In den vergangenen Monaten verschlechterte sich die Wirtschaftslage in Bulgarien allerdings, weil sich das Land den Problemen in den Nachbarstaaten kaum entziehen kann. So stürzte Rumänien im Norden in eine politische Krise. Serbien und Mazedonien im Osten sind auf internationale Finanzhilfen angewiesen. Griechenland im Süden ist ohnehin seit Monaten der Krisenmeister. Und in der Türkei im Südosten schwächelt plötzlich die Wirtschaft nach einer Wachstumsrate von 9 Prozent im vergangenen Jahr, was den zwischenstaatlichen Handel abrupt hat einbrechen lassen.

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