Thomas Sedran verbreitete auf der Jubiläumsfeier in Rüsselsheim gute Laune. Reuters/Ralph Orlowski

RÜSSELSHEIM – Auf die Idee, dass Opel in Schwierigkeiten steckt, konnte man kaum kommen, wenn man Interimschef Thomas Sedran auf den Jubiläumsfeierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der Traditionsmarke beobachtete. Der stets fröhliche Schwabe sprühte vor Zuversicht, begrüßte Journalisten und zahlreiche Gäste betont locker und persönlich mit Handschlag. Nur am Rande ging er auf die Probleme des Unternehmens ein – und gab sich trotz der prekären Situation optimistisch.

„Ja, derzeit befinden wir uns in einem Tal. Ohne Frage", sagte der Opel Strategievorstand auf der Geburtstagsfeier seines Unternehmens. „Zu einem großen Teil verursacht durch die aktuelle Wirtschaftslage in Südeuropa und der Eurozone, aber auch durch eigene Fehler", gestand der 47-Jährige unumwunden ein. „Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Anstrengungen der letzten Monate sehe ich uns aber auf einem sehr guten Weg, dass wir mit harter Arbeit wieder neue Höhen erklimmen werden".

Sedran zog im April in die Chefetage von Opel ein und leitet seit Mitte Juli kommissarisch die Geschicke des hessischen Traditionsunternehmens. Er hat nicht weniger als eine Mammutaufgabe vor sich: den kriselnden Autobauer in extrem schwierigen Zeiten in ruhigere Fahrwasser zu bringen. Erfahrung für diesen schwierigen Job hat er reichlich – der ausgewiesene Branchenfachmann ist mittlerweile seit weit mehr als 20 Jahren in der Autoindustrie unterwegs.

Sedran gilt als Sanierungsexperte

Nach seiner Promotion arbeitete Sedran bei der Unternehmensberatung Roland Berger und wechselte anschließend zu den Sanierungsexperten von AlixPartners. Dort war der gebürtige Augsburger für die europäische Automobilindustrie verantwortlich und gehörte zu dem Team, das die Opel-Mutter General Motors GM +0,24% General Motors Co. U.S.: NYSE $33,71 +0,08 +0,24% 16 Sept. 2014 16:02 Volumen (​15 Min. verzögert) : 10,94 Mio. NACHBÖRSLICH $33,70 -0,01 -0,03% 16 Sept. 2014 18:46 Volumen (​15 Min. verzögert) : 144.961 KGV 12,98 Marktkapitalisierung 53,97 Milliarden $ Dividendenrendite 3,56% Umsatz/Mitarbeiter 714.726 $ durch die Chapter-Eleven-Insolvenz führte. Aus dieser Zeit kennt er die Führungsriege und Gedankengänge des Giganten aus Detroit ganz genau. Eine Bindung zu GM-Vize und Opel-Aufsichtsratschef Steve Girsky entstand. Und dieser ist es, der für den US-Konzern die Probleme der Amerikaner in Europa in den Griff bekommen soll.

150 Jahre Opel - die Modelle von Adam bis Zafira

Kurze Zeit später wurde Sedran mit der Aufgabe betraut, Saab SAAB-B.SK -0,38% Saab AB Series B Sweden: Stockholm kr185,40 -0,70 -0,38% 16 Sept. 2014 17:30 Volumen (​15 Min. verzögert) : 92.358 KGV 22,47 Marktkapitalisierung 20,31 Milliarden kr Dividendenrendite 2,43% Umsatz/Mitarbeiter 1.624.750 kr wieder auf die Beine zu bringen. Letztlich gelang das, was viele nicht für möglich gehalten hatten: Es fand sich ein Käufer für die Schweden. Ab 2009 beschäftigte er sich zudem intensiv mit Opel und kennt das Unternehmen aus dem Effeff.

Der Ökonom gilt als Sanierungsexperte, kennt sich aber auch in der Technikwelt aus. Und er scheut es nicht, sich Hilfe zu holen für die Bereiche, in denen es Bessere gibt. So berief er – kurz nachdem er Karl-Friedrich Stracke zumindest vorübergehend an der Spitze von Opel ablöste – Michael Ableson zum Entwicklungsvorstand. Der 50-Jährige ist GM-Veteran und war zuletzt für die Kompaktfahrzeuge des gesamten Konzerns verantwortlich. Er gilt als Techniker und Produktmann durch und durch.

Auf dem Jubiläumsfest wurde einmal mehr deutlich: Der passionierte Tennisspieler Thomas Sedran findet sich auf den unterschiedlichsten Bühnen zurecht. Ob bei öffentlichen Auftritten mit hochrangigen Politikern oder mit dem neuen Markenbotschafter Jürgen Klopp – auch wenn er wenig überraschend im offenen Schlagabtausch mit dem Fußballhelden nicht immer die Nase vorn hatte.

Einschnitte wohl unvermeidlich

Hinter den Kulissen stimmte die Chemie jedoch - und das ist es wohl, was in Opels Situation zählt. Den viel bachteten Sponsoring-Deal mit dem deutschen Meister Borussia Dortmund hat Sedran in wenigen Wochen auf dem kurzen Dienstweg mit Klopp und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke festgezurrt. Mit der Partnerschaft soll das ramponierte Image der Marke mit dem Blitz aufgebessert werden. Schaut man sich die jüngere Historie des Revierklubs an, ist die Botschaft klar: der BVB hat das geschafft, was Opel noch vor sich hat – einer prekären Situation entfliehen und wieder zurück in Richtung europäischer Spitze kommen.

Interaktive Grafik

Auch mit den Arbeitnehmern und ihren Vertretern kommt der sympathische und unprätentiöse Sedran gut zurecht – obwohl die Zeiten extrem schwierig sind und Einschnitte wohl unvermeidlich. Mit einigen langjährigen Opelanern ist er sogar per Du; Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug lobte ihn mehrfach in den höchsten Tönen. Auch der oberste Arbeitnehmervertreter wollte das Jubiläum am Stammsitz in Rüsselsheim nicht mit den Problemen des Unternehmens überlagert wissen: „Wir hätten uns natürlich eine bessere Zeit gewünscht, diesen Geburtstag zu feiern", sagte er. Trotzdem wolle man sich Stolz und Freude nicht nehmen lassen, und stattdessen einfach nur feiern.

Klar ist aber auch: Obwohl Sedran Experte ist und sowohl in Detroit als auch in Rüsselsheim gut vernetzt, wird es der Schwabe in den kommenden Monaten nicht leicht haben. Denn es gibt einige Baustellen, die Opel adressieren muss, schließlich läuft es in Europa wegen der Schuldenkrise immer schlechter. Und dort verkauft Opel nun mal das Gros seiner Autos. Im bisherigen Jahresverlauf sank der Absatz der Rüsselsheimer und der britischen Schwester und Vauxhall laut Daten des europäischen Herstellerverbandes um gut 15 Prozent - weit mehr als das Doppelte des Marktrückgangs.

Neues Image soll aufgebaut werden

Mit milliardenschweren Investitionen und gleichzeitigen Sparmaßnahmen will Sedran Opel in einem extrem schwierigen Marktumfeld wieder auf Kurs bringen. Opels Antwort auf die Krise soll eine Produktoffensive sein: 23 neue Modellen und 13 neue, sparsame Motoren sollen bis 2016 auf dem Markt kommen. Den Anfang machen das kompakte SUV Mokka sowie der Lifestyle-Kleinwagen Adam, der kommende Woche auf dem Pariser Autosalon seine Weltpremiere feiert. Die Jubiläumsgäste in Rüsselsheim konnten am Samstag schon einen ersten Blick auf den Wagen erhaschen.

Die größten Baustellen bei Opel

Beiden Fahrzeugsegmenten sagen Experten in den nächsten Jahren großes Wachstumspotenzial voraus. Zudem will Opel die Palette um einen kleinen Stadtflitzer erweitern und wieder ein Cabrio auf dem Markt bringen. Das Image soll unter anderem mit dem Fußball-Sponsoring wieder aufgebaut werden. Außerdem führte Opel jüngst eine Geld-zurück-Garantie ein, mit dem Kunden für die Marke gewonnen werden sollen. Käufer können ihr Fahrzeug innerhalb von 30 Tagen oder bis zu einer Laufleistung von 3.000 Kilometern zurückgeben und müssen dabei nur eine Nutzungspauschale entrichten.

Teil des Zehnjahres-Plans „Drive Opel 2022", der gerade mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt wird, sind allerdings auch Sparmaßnahmen, daraus macht Sedran zu keiner Zeit einen Hehl. Sein Ziel ist es, die Organisation schlanker und beweglicher aufzustellen. Auch an der Kostenschraube dürfte deshalb gedreht werden. In Rüsselsheim sagte er am Samstag, der Langfristplan basiere auf drei Säulen: der Wachstumsoffensive sowie einer Senkung der Produkt- und der Fixkosten.

Da Opel massive Überkapazitäten hat, könnte das Werk in Bochum nach 2016 geschlossen werden. Dort fertigen momentan noch gut 3.000 Arbeiter den Familenvan Zafira. Kurzfristig hat Opel schon Maßnahmen ergriffen, um sich Linderung zu verschaffen: Rund 10.000 Angestellte in Deutschland arbeiten kurz, in Eisenach soll die Nachtschicht zumindest vorübergehend gestrichen werden. Darüber, wie es mittelfristig weitergehen könnte, wird momentan mit den Arbeitnehmern verhandelt; erste Details hierzu könnte es mit Bekanntgabe der Quartalszahlen von GM Ende Oktober geben.

Experten bleiben skeptisch

Sedran betont aber stets, dass es ihm nicht nur um offensichtliche Sparmaßahmen wie Personalabbau geht. Er will tief in die Produkte eintauchen und dort erhebliche Potenziale auftun. Nach seiner Einschätzung wurden aufgrund globaler Vorgaben bei GM jahrelang Opels gebaut, die höhere Anforderungen erfüllen als sie müssten. Höhere Vorgaben sogar, als die deutschen Oberklassehersteller erfüllen. Und das ist teuer; entsprechend viel Luft nach oben sieht der Manager in diesem Bereich.

Experten sind trotz der Bemühungen Sedrans skeptisch, was die Erfolgsaussichten für die Opel-Sanierung angeht: „Ich sehe Opel nicht aus der Abwärtsspirale herauskommen", sagt beispielsweise Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Zuletzt hatte bereits die US-Investmentbank Morgan Stanley mit der These für Aufregung gesorgt, dass eine Trennung von Opel für GM das Beste wäre, weil die Deutschen das größte Risiko für die Finanzlage der Amerikaner seien. Der Automobilgigant aus Detroit stellte sich jedoch demonstrativ vor seine hessische Tochter.

„Die Lösungsansätze von GM sind zu amerikanisch", moniert Jürgen Pieper. „In Deutschland kann man nur erfolgreich sein, wenn man Anbieter von qualitativ hochwertigen Premiumprodukten ist. Wenn man diesen Weg nicht gehen will, gibt es auch meiner Sicht keine guten Alternativen. Denn für das Volumensegment sind hierzulande die Kosten zu hoch und es fehlt Opel an Exportmöglichkeiten". Opel-Chef Sedran sieht die Weichen für die Zukunft dagegen gestellt: Mit den neuen Modellen sei der Startschuss für die nächsten 150 Jahre Opel gegeben.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com