Im Rennen auf dem lukrativen Smartphone-Markt scheinen Kunden und Anwendungsentwickler nur noch auf zwei Pferde zu setzen. Das iPhone von Apple liegt bei den Lieblingsgeräten weit an der Spitze. Unter den Betriebssystemen hat Android von Google die Nase vorn. Hersteller wie Samsung und Motorola setzen es ein. Aus dem harten Wettbewerb ausgeschieden ist Palm. Der Blackberry ist ins Straucheln gekommen.

Der Bildschirm des Lumia 900 ist deutlich größer als beim iPhone, aber das Handy ist nicht so groß und unförmig wie zuletzt einige Android-Modelle. Nokia

Nun wollen zwei ehemalige Smartphone-Vollblüter das enge Favoritenfeld aufmischen. Microsoft und Nokia haben sich zusammengetan, um wieder an die Spitze vorzustoßen. Dort waren sie schon einmal, bevor das iPhone die Konkurrenz aufrollte. Bis jetzt hat das Betriebssystem Windows Phone von Microsoft keinen großen Anklang bei Käufern und App-Entwicklern gefunden. Mit dem „Lumia 900" soll sich das nun ändern. Am 8. April werden Nokia und die US-Telekomgesellschaft AT&T mit dem Verkauf des ersten hochwertigen Windows-Phone-LTE-Modells der vierten Generation beginnen.

Das Lumia 900 sieht anders aus als andere Smartphones. Die robuste, handfeste Platte ist mit blauem – ja, blauem – Kunststoff mit abgerundeten Kanten eingefasst. Wem das zu bunt ist: Das Telefon ist auch in Schwarz zu haben. Und wer noch ein paar Wochen abwarten kann, kann es dann auch in Weiß erstehen. Der große, dünne, helle Bildschirm scheint aufzuliegen statt ins Gehäuse eingelassen zu sein.

Für eine nicht näher bestimmte "begrenzte Zeit" soll das Gerät nur 100 Dollar kosten. Die Modelle der meisten anderen Hersteller im oberen Segment kosten üblicherweise um die 200 Dollar. Den Schnäppchenpreis kann sich aber nur sichern, wer einen Zweijahresvertrag mit AT&T abschließt. Die Gebühren dafür belaufen sich auf 80 Dollar im Monat für stark begrenzte Datenmengen und Sprachminuten. SMS können allerdings unbegrenzt verschickt werden.

Windows-Phone-Software so gut wie noch nie

Ich habe das Lumia 900 getestet und muss sagen: Die attraktive Windows-Phone-Software war noch nie so gut untergebracht. Aber an andere Smartphone-Konkurrenten reicht das Gerät immer noch nicht heran.

Der Bildschirm ist mit 4,3 Zoll geräumig. Viel größer als beim iPhone. Das Telefon selbst ist auch größer als ein iPhone. Aber es ist nicht so groß und unförmig wie einige der jüngsten Android-Modelle. Es liegt bequem in der Hand und stört auch in der Hosentasche nicht.

In meinen Tests erreichte das Smartphone Download-Geschwindigkeiten von 10 bis 15 Megabits pro Sekunde in einem LTE-Netz. Das ist schneller als die meisten Internetverbindungen zu Hause. Die Stimmübertragung war klar und zuverlässig. Die Kamera verfügt über eine Auflösung von acht Megapixeln.

Zudem bietet das Lumia 900 die drei größten Vorzüge der Windows-Phone-Plattform: eine attraktive, profilierte Benutzeroberfläche, die auf Kacheln basiert, eine Mobilversion des Spielenetzwerks Xbox Live von Microsoft und eine mobile Version von Microsoft Office. Damit können Dokumente bearbeitet, mit dem PC oder dem Mac geteilt oder extern in der Cloud gelagert werden.

Allerdings ist der Gesamteindruck, den das Lumia 900 bei mir hinterlässt, recht gemischt. Abgesehen von dem Fall, dass Sie ein glühender Windows-Phone-Anhänger sind, oder dass Sie nicht mehr als 100 Dollar für ein Smartphone hinblättern wollen, würde ich dem Lumia 900 nicht den Vorzug vor dem iPhone 4S geben. Oder vor einem erstklassigen Android-Gerät aus der Galaxy S II-Serie von Samsung.

Enttäuscht haben mich die Akkulaufzeit, der Browser und die Qualität der Fotos.

Vergleichsweise wenig Apps für Windows Phone

Außerdem steht Ihnen auf der Windows-Plattform nur ein Bruchteil der Anwendungen Dritter zur Verfügung, die bei der Konkurrenz zu haben sind. Rund 70.000 Apps sind hier erhältlich. Beim iPhone sind es fast 600.000 und mehr als 450.000 bei Android.

Auch bei den Inhalten schneidet das Gerät schlechter ab. TV-Sendungen oder Filme kann man zum Beispiel gar nicht direkt über das Telefon beziehen und weit weniger Apps für Magazine und Zeitungen.

Und wenn Ihnen LTE wichtig ist – meiner Meinung nach das einzig wahre 4G-Netz in den USA -, dann sollten Sie bedenken, dass AT&T diesen Dienst nur in 31 Märkten anbietet. Verizon beliefert dagegen 203 Märkte. Wie andere AT&T-Geräte liefert auch das Lumia an den meisten Orten nur eine verlangsamte 4G-Version ab. Eigentlich wird ohnehin nur eine aufgemotzte 3G-Variante angeboten.

Die Windows-Phone-Software selbst hat sich bei diesem neuen Gerät nicht verändert. Statt mehrerer Seiten mit Symbolen wie bei iPhone und Android weist es eine Laufleiste von Kacheln auf, die verschiedene Informationsbereiche abdecken. Und es finden sich immer noch „Knotenpunkte". Dort werden Informationen verknüpft, wie etwa Kontakte und die Anzeige neuer Einträge in sozialen Medien von Ihren Bekannten.

Trotz der Nachteile - teilweise muss man lange scrollen, um an Apps zu kommen - bietet das System weiterhin eine erfrischende Abwechslung zur Aufmachung der dominierenden Rivalen.

Mein größtes Problem hatte ich mit dem Web-Browser, einer mobilen Variante des Internet Explorer. Im Januar hatte ich denselben Browser schon einmal auf einen Nokia Windows-Einsteigergerät getestet. Damals funktionierte er sowohl im Mobilnetz als auch auf meinem WLAN-Netz einwandfrei. Auf LTE lief das Lumia 900 zwar reibungslos. Es kam aber häufig ins Stocken, wenn es in meinem schnellen WLAN-Netz zuhause Websites wiedergeben sollte.

Um sicherzustellen, dass mein WLAN nicht defekt war, probierte ich einige derselben Websites auf dem gleichen Platz mit einem iPhone, einem Android-Gerät und sogar mit einem älteren Samsung Windows-Telefon aus. Alle funktionierten bestens. Nokia konnte keine Erklärung für das Problem liefern.

Akkuleistung enttäuschend

Wenn ich nicht allzu häufig von dem Telefon Gebrauch machte, reichte die Batterie für einen Tag. Bei verstärkter Nutzung ließ die Leistung schneller nach, der Akku war am späten Nachmittag fast leer. Das heißt, ich hatte viele E-Mails verschickt, häufig im Web gesucht, für eine Stunde lang via Netflix eine Fernsehsendung laufen lassen, und eine Stunde lang telefoniert. Besonders schnell war der Akku erschöpft, wenn ich dabei die meiste Zeit LTE nutzte.

Das Telefon arbeitet reibungslos und schnell, die Videowiedergabe ist tadellos, auch wenn das Lumia 900 einen Single Core-Prozessor enthält. Die meisten anderen hochwertigen Telefongeräte verfügen über einen Dual Core-Prozessor.

Die Bildschirmauflösung von 800 x 480 Pixel ist niedriger als beim iPhone. In meinen Augen ist die Wiedergabe generell weniger scharf als bei den Apple-Geräten. Die Bildschirmsicht im Freien war ein bisschen, aber nicht dramatisch besser als bei den meisten anderen Geräten, die ich getestet habe.

Die Kamera verfügt zwar über die gleiche Auflösung wie beim neuen iPhone. Meine Testfotos, die ich von der gleichen Szenerie geschossen habe, gerieten aber gleichwohl deutlich schlechter. Ich empfinde die Farben als übersättigt, den Details fehlte die Schärfe.

Probleme gab es auch bei der Synchronisierung. Die Mac-Version der Synchronisationssoftware für das Windows Phone von Microsoft erkannte das Lumia 900 nicht, die PC-Version allerdings schon. Außerdem ist der Knopf zum An- und Ausschalten nicht gekennzeichnet, er ist nicht leicht vom Kamera-Knopf zu unterscheiden.

Alles in allem lässt sich sagen: Das Lumia 900 ist eine Überlegung wert, wenn Sie nach einem hochwertigen Smartphone um die 100 Dollar Ausschau halten. Oder wenn Sie ein Windows-Phone-Fan sind, der auf bessere Hardware gewartet hat. Seine Hauptkonkurrenten schlägt es nicht. Dafür hatte das Gerät einfach zu viele Nachteile.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de