Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem neuen Gedicht schwere Vorwürfe gegen den Staat Israel erhoben. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schreibt Grass. Zudem kritisiert der Schriftsteller die deutsche Außenpolitik - vor allem für den Export deutscher U-Boote. Selten sorgte ein Gedicht für so viel Aufmerksamkeit wie dieses lyrische Werk zum Atomkonflikt mit dem Iran.

Günter Grass im Oktober 2009. dapd

Der Text wurde unter dem Titel "Was gesagt werden muss" in den jeweiligen Mittwoch-Ausgaben der "Süddeutschen Zeitung" und von "La Repubblica" veröffentlicht. In dem Gedicht heißt es weiter zu Israel, das Land habe "ein wachsend nukleares Potential verfügbar", das jedoch geheim gehalten und nicht kontrolliert werde.

Hat Iran eine Atombombe?

Zudem stellt Grass infrage, ob Iran tatsächlich über eine Atombombe verfügt. Der Bau einer solchen Waffe werde nur "vermutet". In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Position Deutschlands: "Mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert", schreibt Grass, solle ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden, "dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist".

Schon kurz nach der Veröffentlichung stießen die Verszeilen größtenteils auf Empörung. Die Bundeskanzlerin blieb indes demonstrativ gelassen. "Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst, und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Ohne Grass beim Namen zu nennen, warnte jedoch Außenminister Guido Westerwelle (FDP), die Gefahren des iranischen Atomprogramms dürften nicht verharmlost werden. Der Schriftsteller selbst lehnte eine Rechtfertigung vorerst ab.

Das Gedicht von Günter Grass

Was gesagt werden muss

Israels Botschaft in Berlin wies die Anwürfe zurück: Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt werde, sagte der Gesandte Emmanuel Nahshon. Die Israelis wollten in Frieden mit den Nachbarn in der Region leben. Sein Land sei "nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist", betonte Nahshon.

Auch das "American Jewish Committee" zeigte sich "entsetzt über Günter Grass' neuerlichen Versuch, Israel zu delegitimieren". Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, nannte das Gedicht ein "Hasspamphlet". Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, warf dem Schriftsteller ein "durchschaubares Schmierentheater" vor.

Publizist Broder nennt den Dichter Antisemiten

Der Publizist Henryk M. Broder nannte Grass in einem Beitrag für die Tageszeitung "Die Welt" einen "Prototyp des gebildeten Antisemiten". Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zog es vor, zu dem Gedicht zu schweigen: "Ich werde mich nicht über Grass äußern", sagte er der Nachrichtenagentur dapd.

Die Debatte erreichte auch den Bundestag: Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, distanzierte sich klar von dem jüngsten Werk des Schriftstellers. Der CDU-Politiker betonte in der "Mitteldeutschen Zeitung" (Donnerstagausgabe), die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch.

Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck sagte, man müsse Israel vor einem unüberlegten Militärschlag gegen den Iran warnen - "denunzieren muss man den israelischen Staat dafür nicht". SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles empfand das Gedicht als "irritierend und unangemessen". Der Abgeordnete Wolfgang Gehrcke (Linke) vertrat hingegen die Meinung, Grass habe "den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde".

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