Die Sonne geht unter. Sie kommt aber wieder. Das könnte sie von deutschen Solarunternehmen unterscheiden. dapd

FRANKFURT - Die deutsche Solarbranche blickt auf eine Horrorwoche zurück. Der einstige Branchenführer Q-Cells hat Insolvenz angemeldet, mit Phoenix Solar PS4.XE -2,24% Phoenix Solar AG Germany: Xetra 2,05 -0,05 -2,24% 24 Okt. 2014 10:38 Volumen (​15 Min. verzögert) : 75 KGV N/A Marktkapitalisierung 16,18 Millionen € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 533.830 € steckt ein weiteres Unternehmen in ernsthaften Problemen und beim Pleitekonzern Solar Millennium sorgte Ex-Chef Utz Claassen mit einer abstrusen Klage einmal mehr für unschöne Schlagzeilen.

Es ist lange her, dass sich Mitarbeiter und Investoren der gebeutelten Branche über positive Nachrichten freuen durften. An jedem Tiefpunkt hoffen die Betroffenen, dass es schlimmer nicht kommen kann. Doch statt einer Wende zum Besseren folgte bisher stets der nächste Zwischenschritt auf dem langen Weg nach unten. Es sieht düster aus für die deutschen Solarunternehmen. Allein in mancher Nische könnte der eine oder andere überleben.

Solar Millennium und Solon im Dezember, Scheuten Solar im Februar, Solarhybrid und Odersun im März, jetzt Q-Cells – die Liste der insolventen Unternehmen wird immer länger. „Momentan ist kein deutsches Solarunternehmen profitabel. Der Ausleseprozess hat begonnen", kommentierte vor kurzem ein Frankfurter Branchenanalyst die stattfindende Konsolidierung.

Marktbeobachter hatten die Selektion nach Schwäche schon länger erwartet. Zu sehr sind die Preise für Solartechnik eingebrochen, seit Hersteller aus Asien und da speziell aus China mit ihren gewachsenen Produktionskapazitäten – und staatlichen Subventionen - in den Markt drängen. Q-Cells-Chef Nedim Cen beklagte eine Halbierung der Preise für Solarzellen und –module. Bei diesem Tempo können alle Sparmaßnahmen den Blutverlust nur bremsen, stoppen können sie ihn nicht.

"Made in Germany" zieht nicht

Die Konkurrenz aus China ist so erdrückend, dass auf dem weltweiten Solarmarkt zunehmend weniger Platz für die einstigen Platzhirsche aus Deutschland ist. Und das, obwohl der Markt als Ganzes nach wie vor wächst. Gravierend dabei ist die Tatsache, dass das von den Konzernen proklamierte Gütesiegel „Made in Germany" bei den Kunden beim Autokauf und im Maschinenbau Eindruck macht, bei elektrotechnischer Massenware dagegen kaum.

Weil das so ist, ruhen die Hoffnungen der Branche seit einiger Zeit vor allem auf den Maschinenbauern. Als die Zellhersteller und Modulproduzenten schon längst unter der chinesischen Konkurrenz ächzten, verwiesen die Anlagenbauer immer darauf, dass auch die Asiaten ihre Produktionstechnik für ihre Fabriken bräuchten.

Doch die Deutschen schwächeln auch hier. Bei Roth & Rau R8R.FF -3,97% Roth & Rau AG Germany: Frankfurt 4,60 -0,19 -3,97% 23 Okt. 2014 12:04 Volumen (​15 Min. verzögert) : 990 KGV N/A Marktkapitalisierung 77,63 Millionen € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 89.724 € brach der Umsatz 2011 um fast 30 Prozent ein, der Verlust betrug 122 Millionen Euro. Kein Wunder, dass der Schweizer Konzern Meyer Burger, MBTN.EB -2,12% Meyer Burger Technology AG Switzerland: SWX CHF8,30 -0,18 -2,12% 24 Okt. 2014 12:04 Volumen (​15 Min. verzögert) : 188.581 KGV N/A Marktkapitalisierung 780,26 Millionen CHF Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 135.472 CHF der die Sachsen für über 300 Millionen Euro übernommen hatte, auf einen Beherrschungsvertrag verzichtete. Das befreit Meyer Burger von der Pflicht, Verluste auszugleichen.

Nachdenklich: Nedim Cen. dapd

Selbst bei Centrotherm, einem Hersteller von Maschinen für Zell- und Modulproduktion, der in den vergangenen Jahren stets profitabel arbeitete, ist die Marktschwäche angekommen. Defizitäre Hersteller sind schlechte Kunden, musste man in Blaubeuren erfahren. Bestellungen wurden nicht abgenommen oder verschoben, Abschreibungen sorgten 2011 für einen Verlust, obwohl der Umsatz um zwölf Prozent gestiegen war. Schlimmer noch: Es kommen kaum noch neue Aufträge herein. Im vierten Quartal summierten sich die neuen Orders auf gerade einmal 13 Millionen Euro. Mit radikalen Maßnahmen versucht Centrotherm gegenzusteuern: 400 der rund 2.000 Mitarbeiter müssen als Folge des Nachfrageeinbruchs gehen.

Die Flucht in andere Branchen

Katharina Cholewa, Analystin bei der WestLB, bescheinigt dem Unternehmen dennoch eine gute Perspektive. "Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Centrotherm als Maschinenbauer die derzeitige Krise der Solarbranche übersteht", sagt sie und verweist auf die gute Finanzierungssituation des Konzerns. Centrotherm weist eine Eigenkapitalquote von über 40 Prozent auf. Das Unternehmen will nun verstärkt in den Halbleiterbereich gehen, um die Abhängigkeit vom Solarsektor zu reduzieren.

Die Flucht aus der Branche als Ausweg - so weit ist es bei SMA Solar Technology S92.XE +1,43% SMA Solar Technology AG Germany: Xetra 19,88 +0,28 +1,43% 24 Okt. 2014 11:57 Volumen (​15 Min. verzögert) : 9.648 KGV N/A Marktkapitalisierung 733,38 Millionen € Dividendenrendite 3,02% Umsatz/Mitarbeiter 129.497 € noch nicht. SMA gilt im darbenden Sektor als rühmliche Ausnahme. Das Unternehmen ist weltweit Marktführer im Segment der Wechselrichter. Diese Anlagen wandeln den Gleichstrom, den Photovoltaikanlagen produzieren, in Wechselstrom um. "Hier spielt der Technologie-Anteil eine viel größere Rolle als bei Wafern und Modulen", sagt Stefan Freudenreich von Equinet. Anlagen von SMA erreichten eine höhere Effizienz als die Produkte asiatischer Konkurrenten. "Ein effektiverer Wechselrichter hebelt die Rendite, die die Solaranlage abwirft", erläutert der Analyst.

Dem Preisdruck können sich die Kasseler trotzdem nicht entziehen. 2011 ging der Umsatz um über zwölf Prozent zurück, der Gewinn sank um mehr als die Hälfte. Aber immerhin schreibt SMA noch schwarze Zahlen. Und das soll auch in diesem Jahr so sein, auch wenn weitere Einbußen angekündigt sind.

Ein Vorteil ist es da, dass die Bilanz der Hessen mit einer Eigenkapitalquote von fast 60 Prozent gesund ist. Die Bemühungen großer Konzerne wie Siemens, SIE.XE -0,06% Siemens AG Germany: Xetra 86,59 -0,05 -0,06% 24 Okt. 2014 12:04 Volumen (​15 Min. verzögert) : 724.795 KGV 14,83 Marktkapitalisierung 77,48 Milliarden € Dividendenrendite 3,46% Umsatz/Mitarbeiter 202.135 € ABB, ABBN.VX -0,83% ABB Ltd. Switzerland: SWX Europe CHF20,29 -0,17 -0,83% 24 Okt. 2014 12:03 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,68 Mio. KGV 21,06 Marktkapitalisierung 46,87 Milliarden CHF Dividendenrendite 3,45% Umsatz/Mitarbeiter 249.457 CHF General Electric GE +0,99% General Electric Co. U.S.: NYSE $25,44 +0,25 +0,99% 23 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 30,54 Mio. NACHBÖRSLICH $25,50 +0,06 +0,24% 23 Okt. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 425.139 KGV 17,37 Marktkapitalisierung 252,75 Milliarden $ Dividendenrendite 3,46% Umsatz/Mitarbeiter 472.932 $ und Bosch, die in dem Bereich punkten wollen, sieht der Analyst deshalb nicht als große Gefahr für das Unternehmen. „Ich habe keinen Zweifel, dass SMA die Marktbereinigung überlebt", ist sich Freudenreich sicher.

Von Börsenlieblingen zum Pennystocks

Am Aktienmarkt wird diese Zuversicht offenbar geteilt. Zwar ist auch die SMA-Aktie heute rund 70 Prozent weniger wert als zur Zeit der größten Euphorie. Der Börsenwert liegt aber immer noch über einer Milliarde Euro. Davon können Zell- und Modulproduzenten und Solarpark-Entwickler nur träumen. Einstige Börsenlieblinge werden heute nur noch zu Restwerten gehandelt: Aktien von Q-Cells kosten 15 Cent, Solon 12 Cent, Solar Millennium 11 Cent.

Auch Unternehmen wie Conergy und Phoenix Solar sind zu so genannten Pennystocks verkommen. Das zeigt, wie wenig Vertrauen die Anleger in die Sanierungsbemühungen der beiden Unternehmen haben. Die Gläubiger von Conergy haben das Unternehmen mittlerweile übernommen, der Komponentenhändler Phoenix verhandelt gerade mit seinen Banken und hat eben noch einmal weiteren Aufschub bekommen. Bereits einen Schritt weiter ist der Solarmodulhersteller Sunways. Er hat sich in die Arme der Chinesen von LDK Solar geworfen.

Bleiben noch die beiden großen Player Solarworld und Bosch. Letzterer hat allein 2011 eine halbe Milliarde Euro an Abschreibungen vornehmen müssen. Doch als Sparte des weltgrößten Autozulieferers hat Bosch die nötige Finanzkraft, um die Schwächephase der Branche zu überstehen. „Sie scheinen wild entschlossen, Verluste hinzunehmen, um am Ende übrigzubleiben", meint der Frankfurter Branchenkenner.

Nachdenklich: Frank Asbeck. dapd

Bei Solarworld sieht das schon anders aus. Der Bonner Konzern ist mit seinem schillernden Gründer und Vorstandschef Frank Asbeck sowie Werbeträgern wie Lukas Podolski oder Larry Hagman in der Öffentlichkeit so präsent wie kein anderes Solarunternehmen. Und lange Zeit schien Solarworld das Patent auf ein erfolgreiches Geschäftsmodell gepachtet zu haben. Mit der Bewirtschaftung der kompletten Wertschöpfungskette vom Silizium bis zum Modul machte Asbeck sieben Jahre lang Gewinne. "Um mit dieser Strategie erfolgreich zu sein, muss man auf allen Stufen technologisch vorn dabei sein", sagt Analyst Freudenreich.

"Das Geschäft bricht vollkommen weg"

Das gelingt jedoch immer weniger. "Vor allem bei den Wafern bricht das Geschäft bei Solarworld vollkommen weg", sagt der Analyst. Die Bonner, die 2011 zum ersten Mal seit sieben Jahren rote Zahlen erwirtschafteten, müssen aufpassen, dass sie nicht in den Abwärtsstrudel geraten.

Zwar verweist Asbeck auf die vorhandene Liquidität von über 500 Millionen Euro und die langen Rückzahlungsfristen der Unternehmensanleihen. Doch die Investoren glauben eher nicht daran, ihr Geld wiederzusehen. Die in den vergangenen beiden Jahren begebenen Anleihen, die 2016 und 2017 fällig werden, handeln derzeit lediglich mit rund 35 Prozent ihres Nominalwerts. In den nächsten drei Jahren müssen laut Geschäftsbericht rund 700 Millionen Euro getilgt werden, dabei wird wohl auch dieses Jahr mit Verlust gewirtschaftet.

Knapp die Hälfte der gut 1,2 Milliarden Euro Finanzschulden von Solarworld hängt dabei an der Erfüllung bestimmter Ergebnisziele. "Covenants" heißen diese Klauseln in Kreditverträgen und Anleihekonditionen, die Grenzwerte für die Unternehmensergebnisse vorschreiben. Laut Freudenreich darf bei Solarworld die Nettoverschuldung nicht mehr als das 3,25-fache des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen betragen, sonst dürfen die Gläubiger die sofortige Rückzahlung verlangen. Er hat mit der aktuellen Bilanz einen Wert von knapp unter drei berechnet – viel Luft ist da nicht mehr.

Solarworld selbst schreibt im Geschäftsbericht, dass eine „erhöhte Gefahr" bestehe, „dass die Kennzahlen überschritten werden". Problematisch ist dabei die Kettenreaktion. Sollte der Fall eintreten, könnten aller Voraussicht nach auch die Anleihegläubiger von Solarworld auf sofortige Rückzahlung pochen. "Es geht um Sein oder Nicht-Sein, nun auch für Solarworld", sagte ein Analyst einer deutschen Bank bereits im November beim ersten Quartalsverlust seit langer Zeit.

Die ausländische Konkurrenz hat die Deutschen schon seit einiger Zeit abgeschrieben. Der Weltmarktführer Suntech, natürlich aus China, prophezeite schon 2010, dass in zehn Jahren durchaus noch einer der Wettbewerber aus Europa kommen könnte. Behalten die Chinesen Recht, war die jüngste Horrorwoche mit Sicherheit nicht die letzte.

Kontakt zum Autor: benjamin.krieger@dowjones.com und martin.rapp@dowjones.com