China erlebt seine schwerste Führungskrise seit mehreren Jahrzehnten. Der charismatische Bo Xilai, noch vor wenigen Monaten als aufstrebender Stern an Chinas Polithimmel gehandelt, wurde am Dienstagabend von allen seinen Parteiämtern entfernt. Seine Frau wurde als Verdächtige im Todesfall eines britischen Geschäftsmannes verhaftet.

Gu Kailai, Ehefrau des ehemaligen Spitzenfunktionärs Bo Xilai, sitzt in Haft. CFP

Die Möglichkeit eines Mordprozesses gegen das einstige chinesische Power-Paar, beide Kinder von Revolutionshelden, lässt tiefe Risse in der sorgsam konstruierten Fassade des politischen Peking erscheinen. Der erhoffte geräuschlose Übergang auf die neue Führungsgeneration im Herbst ist damit wohl unmöglich geworden.

Bo war bereits als Parteichef der Millionenstadt Chonqing im vergangenen Monat abgesetzt worden. Am Dienstag berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, er sei nun „schwerer disziplinarischer Vergehen" verdächtig und sei sowohl aus dem 25-köpfigen Politbüro als auch aus dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei entfernt worden.

Seine Frau Gu Kailai wird zusammen mit einer Hausangestellten von der Polizei festgehalten. Es geht um den Fall des tot aufgefundenen Geschäftsmanns Neil Heywood. Xinhua meldete, die beiden seien „dringend verdächtig", den Briten absichtlich getötet zu haben. Zwischen Gu und Heywood habe es einen Streit „über wirtschaftliche Interessen" gegeben.

Heywood soll zum Beraterkreis Bos gehört haben. Das Wall Street Journal hatte berichtet, der Brite habe um sein Leben gefürchtet, nachdem er sich mit Gu überworfen habe. Die Ehefrau Bo Xilais sei überzeugt gewesen, jemand aus dem „inneren Zirkel" Bos habe sie verraten. Heywood, der mit einer Chinesin verheiratet war, arbeitete in Teilzeit für die britische Unternehmensberatung Haklyut, die von ehemaligen Spionen gegründet worden war.

Heywood galt als Vertrauter des Sohnes der beiden, Bo Guagua. Er soll dessen Erziehung in britischen Internaten organisiert haben. Bo Juniorist in Peking dafür bekannt, mit seinem roten Ferrari durch die Straßen zu rasen. Er studiert derzeit an der Eliteuniversität Harvard.

Chinesische Polizei ermittelt

In der vergangenen Woche hatte das Wall Street Journal aufgedeckt, dass Gu Kailai seit 20 Jahren in Geschäfte in China, den USA und Großbritannien verwickelt ist. Sie betreibt eine eigene Beraterfirma und ist an einer weiteren beteiligt. In den 1990er Jahren beriet sie ausländische Klienten, die in Chinas boomende Wirtschaft investieren wollten.

Als Heywood im November tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wurde, gaben die örtlichen Behörden als Todesursache zunächst „übermäßigen Alkoholkonsum" an und äscherten ihn ohne Autopsie ein.

Den britischen Behörden lag zu diesem Zeitpunkt noch kein Verdacht vor. Erst Mitte Februar seien Hinweise von in China lebenden Briten eingegangen. Laut Xinhua ermittelt nun auch die chinesische Polizei in dem Fall.

Der britische Außenminister William Hague zeigte sich darüber erfreut: „Ich habe vor einigen Wochen beschlossen, dass wir die chinesischen Behörden bitten sollten, den Tod von Herrn Heywood zu untersuchen. Daher begrüße ich natürlich die Ankündigung", sagte er dem Fernsehsender Sky News. „Wir werden die Ermittlungen aufmerksam verfolgen".

Hillary Clinton prüft persönlich

Auslöser des Skandals war Bos ehemaliger Polizeichef in Chongqing, Wang Lijun. Dieser hatte im amerikanischen Konsulat in Chengdu Schutz gesucht. Dort hatte er offenbar behauptet, Bo sei nach einem Streit mit Gu Kailai vergiftet worden. Er habe seine Beziehungen zu Bo, der als sein Förderer galt, daraufhin abgebrochen. Über den gegenwärtigen Aufenthaltsort Wangs ist nichts bekannt.

Das US-Außenministerium wollte sich am Dienstag nicht öffentlich zum Fall Bos äußern. Hinter verschlossenen Türen heißt es aber, der Fall werde im Weißen Haus und im Außenministerium auf höchster Ebene untersucht. Hillary Clinton persönlich prüfe die Berichte.

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China said that Bo Xilai has been suspended from his party positions and his wife is in custody as a suspect in the killing of British businessman Neil Heywood. Brookings Institution's Jonathan Pollack discusses on The News Hub. Photo: AP

Wang galt vor seiner Abkehr als rechte Hand Bos. Er setzte im Auftrag des Parteichefs die harte Linie gegen die organisierte Kriminalität in Chongqing durch. Er heilt sich mehr als 30 Stunden in dem Konsulat auf, verließ es dann aber nach US-Angaben „aus freiem Willen", nachdem ihm kein sofortiges Asyl gewährt wurde.

Welcher Disziplinarvergehen sich Bo Xilai genau schuldig gemacht haben soll, ließ Xinhua nicht verlauten. In der Vergangenheit wurden hochrangige Parteikader immer wieder von ihren Posten entfernt, so etwa der damalige Parteichef von Schanghai, Chen Liangyu. Er wurde 2008 wegen Bestechlichkeit und Machtmissbrauch zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Neu im Fall Bo ist aber, dass auch Angehörige und Ausländer in den Sog des Skandals geraten – von Mordvorwürfen ganz zu schweigen. Analysten sagen, dass die hohe Aufmerksamkeit, die der Fall auf den sozialen Netzwerken des Landes erregte, die Staatsführung zum Handeln gezwungen hat.

Harmonieprinzip missachtet

Politisch brisant ist der Vorgang, weil Bo ein prominenter Vertreter der „kleinen Prinzen" ist. Diese Politiker sind die direkten Nachfahren der Revolutionshelden und sind sowohl in der Partei als auch in der Wirtschaft Chinas gut vernetzt.

Bo galt auch als Hoffnungsträger der „neuen Linken". Seine neo-maoistischen Ideen machten ihn bei ärmeren Schichten beliebt, während er gleichzeitig die Macht der Staatsbetriebe förderte und um ausländische Investitionen warb. Diese Mischung ließ seine Beliebtheit in Chongqing steigen, beunruhigte aber die Parteiführung in Peking. Sie sah in ihm einen Rebell außer Kontrolle, der das Harmonieprinzip der kollektiven Führung missachtete.

Mit diesem drastischen Ende für Bos Karriere versucht die Partei nach Ansicht von Analysten, die eigenen Reihen zu schließen und die Reformkräfte zu stärken, die auf Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Freiheit drängen. Bis zuletzt sollen Bos Unterstützer aber für einen ehrenvolleren Abschied gekämpft haben.

„Alles deutet darauf hin, dass die Partei Bo endgültig absägt. Sonst würden die Details zu der Beziehung von ihm, seiner Frau und seinem Sohn zu Heywood nicht in die Öffentlichkeit geraten", sagt China-Experte Jonas Parello-Plesner vom European Council on Foreign Relations.

Kinder von Generalen

Der Skandal hat sich mittlerweile zur größten politischen Krise Chinas seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 ausgeweitet. Die Frage wird sein, ob die Führung jetzt wieder für Ruhe sorgen kann, oder ob Bos Unterstützer weiter kämpfen.

Öffentlich trat Bo zum letzten Mal Anfang März beim Nationalen Volkskongress in Peking auf. Bei einer Pressekonferenz beklagte er sich darüber, dass über ihn und seine Familie falsche Informationen verbreitet würden.

Am letzten Tag der jährlichen Parlamentssitzung hatte Ministerpräsident Wen Jiabao Bo indirekt scharf angegriffen. Nur einen Tag später wurde bekannt, dass er als Parteisekretär von Chongqing abgesetzt wurde.

Bo ist Sohn des in China immer noch verehrten Revolutionsgenerals Bo Yibo. Sein Schwiegervater war Gu Jingsheng, ebenfalls ein General, der für seinen Einsatz im Kampf gegen die Japaner 1943 berühmt wurde.

—Mitarbeit: Jay Solomon, Cassell Bryan-Low und Jennifer Levitz

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