DOW JONES, A NEWS CORP COMPANY
Sections
  • Today's Paper
  • SHOW ALL SECTIONS HIDE ALL SECTIONS
    HIDE ALL SECTIONS
Aim higher, reach further.
Get the Wall Street Journal $12 for 12 weeks. Subscribe Now

Reputami liefert den gläsernen Gast

Wer Informationen über Menschen erhebt und auswertet, ist böse. Zumindest in den Augen der deutschen Öffentlichkeit gilt dieser einfache Schluss: NSA, Facebook, Google – Datenkrake.

Die Gründer von Reputami verdienen genau damit ihr Geld: Ihr Programm sammelt für Hotels und Restaurants Daten über Kunden. Wenn der Gast die Einrichtung betritt, sieht der Betreiber auf einen Blick alle Spuren, die der im Netz hinterlassen hat. Und durch eine ganz neue Funktion kann der Gastronom schon im Vorfeld suchen, wer in den kommenden Tagen in sein Etablissement kommt. Ist ein Meinungsbildner dabei, auf den die Leute in sozialen Medien hören? Was mag er gerne, worauf reagiert er allergisch?

Oliver Twardowski ist einer von zwei Gründern des Kölner Start-ups. Der 30-Jährige nennt sich den „Innenminister" von Reputami, zuständig fürs Programmieren, das Produktmanagement und die Steuerung des zehn Mitarbeiter starken Teams – Außenminister ist der 39-jährige Mitgründer Ali Saffari.

Die Timeline-Funktion von Reputami erlaubt dem Gastronom, die Bewertungen für sein Lokal auf einen Blick zu sehen - mitsamt dem Einfluss, den das Programm dem Gast beimisst.
Die Timeline-Funktion von Reputami erlaubt dem Gastronom, die Bewertungen für sein Lokal auf einen Blick zu sehen - mitsamt dem Einfluss, den das Programm dem Gast beimisst. Reputami

Twardowski ist ständig auf diversen sozialen Netzwerken unterwegs. „Ich bin zu tief in der Sache drin, um das aus Sicht der Öffentlichkeit beurteilen zu können", sagt er. Wenn er entscheiden will, ob eine Funktion kritisch ist, greift er zu einem Trick: „Ich frage mich einfach: Was denkt meine Mutter darüber?" Wenn die imaginäre Mutter gegen das Feature ist, dann dürfte es auch den Hoteliers und der Öffentlichkeit nicht schmecken – also fliegt es raus.

So war es zum Beispiel bei der so genannten Kickback-Funktion: Da haben Twardowski und sein Team überlegt, ob Gäste, die sich über das Standort-Netzwerk Foursquare bei einem Hotel oder Restaurant einloggen, über Twitter begrüßt werden sollen. Das hätte Twardowskis Mutter nicht gefallen. „Man stelle sich vor, die Frau des Gastes sieht es, aber soll es nicht sehen – mit dieser Funktion hätten wir Ehen zerstören können."

So ist die Frage nach einem potenziellen Image-Schaden der wichtigste Bremsklotz für Twardowski und Saffari. Handfeste rechtliche Probleme dagegen gibt es nur selten. „Alles, was bei Google möglich ist, dürfen wir rein rechtlich gesehen auch automatisieren", sagt Twardowski. „Man muss nur bestimmte Rahmenbedingungen beachten – Bewegungsprofile etwa sind nicht erlaubt." Wenn doch mal eine juristische Frage offen ist, dann lassen die beiden sich ein Gutachten vom Anwalt erstellen.

Die Reputami-Gründer Ali Saffari und Oliver Twardowski.
Die Reputami-Gründer Ali Saffari und Oliver Twardowski. Reputami

„Es ist eine sehr spannende Zeit, was die Wahrnehmung von Daten im Internet angeht", sagt Twardowski. „Früher hatte jeder seine Nummer und Adresse in einem öffentlichen Buch in der Telefonzelle hängen. Wäre das jetzt frei verfügbar, wäre das ein Skandal. Aber das wird auch wieder abebben", sagt er. „Bei uns entscheidet jeder selbst, was er preisgibt. Nur, wenn der Kunde Informationen von sich online stellt, können wir aktiv werden."

Die Informationen über den digitalen Gast sind das Alleinstellungsmerkmal von Reputami, sagt Twardowski. Abgesehen davon bietet Reputami seinen Kunden vor allem die Sammlung, Aufbereitung und Analyse von Online-Bewertungen, so wie es die Wettbewerber Trust You aus München oder Review Pro aus Spanien auch tun. Fast alle Kunden von Reputami kommen aus Hotellerie und Gastronomie, weil für solche Betriebe Bewertungen weitaus wichtiger sind als etwa für Einzelhändler.

Ein Algorithmus lässt die Beiträge auf dem Bildschirm des Nutzers in einer Timeline zusammenfließen, ähnlich wie bei Facebook. Die Nutzer können sich eine Themenanalyse erstellen lassen. „So kann zum Beispiel ein Manager einer Hotelkette sehen, dass die Kunden seinen Service super finden, aber Probleme mit dem Internet haben", sagt Twardowski. „Dann kann er schauen, in welchen Hotels diese Probleme am schlimmsten sind." Die Kosten für das Programm liegen zwischen 15 Euro und 59 Euro im Monat pro Einrichtung – Dienstleistungen drum herum kosten extra. Zu Umsatz und Gewinn des Unternehmens wollen sich die Gründer nicht äußern. Zu Umsatz und Gewinn des 2012 gegründeten Unternehmens wollen sich die Gründer nicht äußern.

Das eigentliche Ziel von Reputami ist trotz der modernen Methoden ein ganz altmodisches: Mit den bereitgestellten Informationen bekommen die Gastronomen die Möglichkeit, sich auf den Gast einzustellen. „Ihm wird jeder Wunsch von der Nasenspitze abgelesen", schwärmt Twardowski. „So bekommt er das Stammgast-Gefühl – auch wenn er noch nie in dem Laden war."

Kontakt zum Autor: florian.bamberg@wsj.com

Advertisement

Popular on WSJ