Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Mitte, im Juli, widersetzt sich einem Sturz der Hamas in Gazastreifen. Getty Images

TEL AVIV—Nach dem Ende des Konfliktes zwischen Israel und der Hamas 2009 wetterte Benjamin Netanjahu gegen die israelische Regierung, dass diese der islamistischen Bewegung nicht auch die Macht über den Gazastreifen genommen habe.

Im Wahlkampf hatte Netanjahu versprochen, was den damaligen Spitzenkandidaten bis heute verfolgt, dass er als israelischer Regierungschef das Militär anweisen werde, den Job zu Ende zu bringen: „Wir werden die israelische Armee nicht stoppen."

Aber der inzwischen am zweitlängsten dienende israelische Ministerpräsident hat genau das getan.

Als er erstmals Anführer einer militärischen Bodenoffensive war, entschied sich Netanjahu dafür, lediglich die meisten geheimen Tunnel der Hamas und deren militärische Infrastruktur weitgehend zu zerstören.

Seine frühere Härte gegen den Terror ist verflogen

Mit dieser Entscheidung stellte er sich gegen die israelische Öffentlichkeit und politische Verbündete, die sich für einen Machtwechsel im Gazastreifen aussprechen. Dass Netanjahu die Islamisten lieber eindämmen will, steht in starkem Kontrast zu dem kraftmeiernden Gerede, das seinen politischen Aufstieg begleitet hatte. Dafür muss er nun ertragen, von den Hardlinern in seiner Regierungskoalition regelmäßig eigene Zitate vorgehalten zu bekommen.

Mit seiner Strategie, zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren einen Waffenstillstand mit der Hamas zu erreichen, steht der Führer, der immer hart gegen den Terror vorgehen wollte, jetzt zwischen allen Stühlen.

Außenminister Avigdor Lieberman, Anführer von einer der beiden Rechts-Parteien in seiner Koalition, sagte in dieser Woche, dass im Falle eines Scheiterns der Waffenruhe mit der Hamas Schritte unternommen werden sollten, um sie militärisch zu besiegen. Wirtschaftsminister Naftali Bennett, der Chef des anderen Koalitionspartners, forderte gar ein Ende der Verhandlungen.

Und auch Mitglieder von Netanjahus Likud-Partei drängen ihn zu schärferen Sanktionen gegen die Hamas. „Ich dachte, wir sollten Defensive Shield im Gaza-Streifen wiederholen", sagte ein israelisches Kabinettsmitglied mit Blick auf die Offensive Israels im Jahre 2002, bei der einige Städte in der West Bank unter palästinischer Kontrolle wieder zurückerobert wurden. Auslöser waren damals die zahllosen Selbstmordanschläge in israelischen Städten.

Mark Regev, ein Sprecher von Netanjahu, sagte am Freitag, die Politik des Ministerpräsidenten gegenüber der Hamas sei konsequent.

Netanjahu vertraut jetzt den Ratschlägen seiner Militärs

Doch der israelische Regierungschef wird an seinen gut dokumentierten früheren Schriften und öffentlichen Aussagen gemessen.

„Wir haben es mit einem Mann zu tun, der in Büchern über den Terror geschrieben hat und wie man ihn bekämpft. Eines seiner wichtigsten Prinzipien war, dass man niemals mit Terroristen verhandeln sollte", sagte Aviv Bushinsky, der Netanjahus Sprecher in dessen erster Amtszeit war.

„Als er gewählt wurde, glaubten die Menschen wirklich, dass er im Falle eines realen Konfliktes mit der Hamas seine Sache durchzieht. Sie werden ihm nicht mehr glauben. Er hatte seine Chance", sagte Bushinsky.

Seit Beginn der jüngsten Militäroffensive gegen die Hamas scheint Netanjahu nun sehr den Einschätzungen ranghoher israelischer Armeeoffiziere zu vertrauen. Und die stellen in ihren geheimen Berichten fest, dass eine komplette Besetzung des Gazastreifens hohe Opfer auf beiden Seiten erfordern und die Armee auf Monate damit beschäftigen würde, kleine palästinensische Kampfzellen aufzuspüren. Hinzu käme die Verantwortung Israels, das Leben von 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen zu verwalten.

Erst in dieser Woche sagte ein ranghoher Offizier bei einem Vortrag in der südlichen Militärzentrale, dass die Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 beherrscht, als einzige Kraft in der Lage sei, Zehntausende von militärischen Aktionen in Gaza zu steuern.

Netanjahus Wandel begann nicht erst jetzt

Netanjahus Weigerung, ‚Hamastan' – wie er es nennt – plattzumachen, spiegele einen politische Führer wieder, der seit seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident von 1996 bis 1999 milder geworden ist, sagte Ari Shavit, ein israelischer Autor und Kolumnist für die liberale Zeitung Haaretz.

Früher hat er noch die Ermordung von Hamas-Politkern angeordnet: 1997 etwa die von Khaled Meshaal, heute Chef des Politbüros der Hamas, in Jordanien, was zu großen diplomatischen Problemen geführt hatte.

„Seit Netanjahu 2009 an die Macht zurückgekehrt ist, sehen wir einen anderen Netanjahu. In seiner ersten Amtszeit war er ideologischer, charismatischer, streitlustiger und arroganter", sagte Shavit. „Den unrealistischen und gefährlichen Ideen, den Gazastreifen zu erobern und die Hamas zu vernichten, ist er nicht erlegen. Israel hätte allen Grund gehabt, dieser Versuchung nachzugeben. Doch er hat sich als besonnen herausgestellt", fügte er hinzu.

Der taktische und strategische Wandel des israelischen Führers begann nicht erst mit der jüngsten Konfrontation, sondern schon 2011, als seine Regierung über den Austausch von mehr als 1.000 palästinensischen Gefangenen gegen die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Shalit verhandelte, der seit fünf Jahren von der Hamas gefangen gehalten wurde.

Ein Jahr später, nach einem achttätigen Luftkrieg, stimmte er einem vom ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi vermittelten Waffenstillstand mit der Hamas zu.

„Mursis Ägypten war wie der große Bruder der Hamas, und das musste man mit berücksichtigen", sagte Yaakov Amidror, der damals Netanjahus Nationaler Sicherheitsberater war. Unter den Mitarbeitern herrschte damals die Meinung vor, dass ein Versuch zur Beseitigung der Hamas die ägyptisch-israelischen Beziehungen gefährden würde, sagte Amidror.

Nur klare Siege sind gut, aber die gibt es wohl nicht mehr

Netanjahu ist sich auch bewusst, dass überwältigende Erfolge wie der israelische-arabische Krieg 1967 kaum noch erreicht werden können. Ergebnislose Kriege seien dagegen politisch riskant, sagen Beobachter. Die militärischen Offensiven Israels 1982 und 2006 im Libanon überschatteten die Regierungszeiten von Menachem Begin und Ehud Olmert.

„Es gibt kein ikonisches Bild des Sieges", sagte Michael Oren, ein früherer israelischer Botschafter in den USA, im Juli, bevor israelische Truppen in den Gazastreifen befehligt wurden. „Er weiß, dass es nur wenige bessere Wege gibt, eine politische Karriere zu beenden, als einen Krieg."

Indem er einen Waffenstillstand statt einen Sturz der Hamas anstrebt, erkennt Netanjahu die potenziellen Vorteile der diplomatischen Kooperation mit prowestlichen arabischen Regierungen wie denen in Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten an; aber auch der in Ramallah, dem Sitz von Machmud Abbas' palästinischer Autonomiebehörde in der West Bank.

Vielleicht ist es Netanjahus größte politische Herausforderung, die Zustimmung der israelischen Öffentlichkeit für einen langfristigen Waffenstillstand zu gewinnen, der etwas weniger sein wird als die komplette Demilitarisierung des Gazastreifens, den seine Regierung eigentlich fordert.

„Die Frage ist, wie der Waffenstillstand in Israel wahrgenommen wird", sagte Shlomo Avineri, ein früherer Abteilungsleiter im israelischen Außenministerium. Er wird ein geschwächter Ministerpräsident sein, meint Avineri, wenn dieser nur als Notlösung zwischen zwei Kriegen betrachtet wird.

„Wenn er die Hamas gestürzt hätte, dann wäre das etwas gewesen, für das ihn das Volk für immer in Erinnerung behalten hätte", sagte Bushinsky, der frühere Sprecher.

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