Eine Knobelaufgabe für Menschen mit Geschäftssinn: Wer kann sich vorstellen, worauf der Suchmaschinengigant Google GOOG +0,83% Google Inc. Cl C U.S.: Nasdaq $584,77 +4,82 +0,83% 17 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,68 Mio. NACHBÖRSLICH $585,15 +0,38 +0,06% 17 Sept. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 15.619 KGV N/A Marktkapitalisierung 395,26 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.321.030 $ mit der bisher größten Akquisition in der Firmengeschichte abzielt – der 12,5 Milliarden Dollar teuren Übernahme des einst großen, inzwischen aber wankenden Handyriesen Motorola Mobility MMI +0,43% Marcus & Millichap Inc. U.S.: NYSE $28,28 +0,12 +0,43% 17 Sept. 2014 16:02 Volumen (​15 Min. verzögert) : 71.115 NACHBÖRSLICH $28,28 0,00 % 17 Sept. 2014 16:30 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2 KGV 36,68 Marktkapitalisierung 1,03 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 276.974 $ ?

Angeblich will Google Motorola zu neuer Stärke auf dem Handy-Markt führen. Motorola-Geräte haben auf dem Smartphone-Markt einen Anteil von 4 Prozent. Reuters

Für den Suchmaschinengigant stellt der Fall Motorola eine der dornigsten strategischen und operativen Herausforderungen in der bislang 14-jährigen Unternehmensgeschichte dar. Seltsamerweise nehmen davon nur wenige Notiz.

Patente sind klar - doch was ist mit dem Rest?

Als der Deal im vergangenen August angekündigt wurde, konzentrierten sich die Investoren vor allem auf die Frage, inwiefern die rund 17.000 übernommenen Motorola-Patente das mobile Betriebssystem Android von Google vor juristischen Attacken schützen würde.

Doch was ist mit den rund 20.500 Motorola-Beschäftigten, die nun zum Google-Konzern gehören und in 92 größeren Niederlassungen in 97 Ländern arbeiten – von Horsham in Pennsylvania bis Jaguariuna in Brasilien? Was wird aus den Werken, die geringmargige Handys und Kabelfernsehboxen produzieren? Was kommt nach fünf Jahren Verlusten, die sich auf rund 5,3 Milliarden Dollar insgesamt belaufen?

Die Google-Aktie hat seit Jahresbeginn 3 Prozent ihres Wertes eingebüßt, während der Nasdaq-Index im gleichen Zeitraum rund 15 Prozent zugelegt hat. Da wäre es nur logisch, wenn Google sich von dieser Last befreien und auf seine Stärke besinnen würde – die weltweiten Suchangebote im Netz.

Es ist an der Zeit, dem Bauchgefühl nachzugehen und die Frage zu klären, ob Google tatsächlich ein Konzern werden will, der Geräte herstellt. In den vergangenen drei Wochen habe ich darüber mit etlichen Menschen bei Google und Motorola gesprochen, auch mit Personen von außerhalb.

Das beunruhigende Ergebnis der Befragung: Es glaubt anscheinend niemand, dass eine solche Entscheidung notwendig wäre. Vielmehr herrscht die großspurige Meinung vor, Google könne alles auf einmal sein: Ein Hardware-Konzern mit Software-Margen und zugleich ein neutraler Android-Anbieter, dem rein zufällig ein Handyhersteller namens Motorola zur Seite steht.

Verizon-Chef Lowell McAdam hat möglicherweise für die gesamte Technologie-Branche gesprochen, als er jüngst in einem Interview nur eine lauwarme Anerkennung für Google parat hatte: „Es ist nicht unlogisch", sagte er: „Ich glaube, es gibt ihnen die Möglichkeit, etwas mehr herauszuholen." Die direkten Wettbewerber äußerten sich nicht so milde, ein leitender Manager sprach unter der Hand von einem unverdaulichen Gewölle, das Google früher oder später wieder ausspeien müsse.

Gewölle oder nicht – Personen aus dem Umfeld von Google wissen zu berichten, dass der Suchmaschinenkonzern substanziell in Motorola investieren will. Deren Marktanteil bei den zunehmend gesuchten Smartphones liegt bei rund 4 Prozent. Das Ziel sei, wirklich innovative Geräte auf den Markt zu bringen. Allen bei Google sei bewusst, dass es dazu neben Geld auch Talent brauche.

Google-Chef Larry Page äußerte sich zu den Aussichten von Motorola erst in der vergangenen Woche einigermaßen überschwänglich. Er sei „sehr aufgeregt", was die Chancen angehe, schrieb er in einem Blog.

Gibt es bald verschiedenste Android-Varianten?

Für sich genommen scheint die Idee auch bestechend – Google hat die Möglichkeit, sich mit Apple AAPL +0,71% Apple Inc. U.S.: Nasdaq $101,58 +0,72 +0,71% 17 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 60,39 Mio. NACHBÖRSLICH $101,61 +0,03 +0,03% 17 Sept. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 533.645 KGV 16,30 Marktkapitalisierung 603,94 Milliarden $ Dividendenrendite 1,85% Umsatz/Mitarbeiter 2.214.380 $ ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das beste Smartphone zu liefern. Aber hier liegt auch das Problem. Google steht hinter Android, einem Handybetriebssystem, dessen Quelltext offen liegt und das von 55 Geräteherstellern weltweit genutzt wird. Will Google nun Motorola zu einem Wettbewerber aufbauen, kommt es entscheidend darauf an, die Android-Nutzer dabei nicht abzuschrecken.

Android steht für eine simple Geschäftsidee. Die Handyhersteller bekommen eine erstklassige Software, und Google integriert dabei seine Dienste. Google-Suchen und Google-Karten werden so auf 850.000 Handys eingesetzt, die täglich weltweit genutzt werden.

Nach Angaben der Research-Firma Bernstein wuchs das Geschäft mit der mobilen Suche im vergangenen Jahr um 144 Prozent. Bis 2016, so die Schätzung, könnte sich daraus ein 10 Milliarden Dollar schweres Geschäft ergeben. Das gilt allerdings nur, solange die Hersteller von Smartphones rund um den Globus Google vertrauen.

Andy Rubin, stellvertretender Chef für das Google-Mobilgeschäft, äußert sich denn auch anders als der Konzernchef. Die Begünstigung einzelner Kunden sei der Tod eines Unternehmens, sagte er im Februar zu Journalisten. Es werde deshalb zwischen Google und Motorola einen Schutzwall geben. Er wisse deshalb nicht, wie die Motorola-Handys der Zukunft aussähen.

Vielleicht ist Rubin bewusst, wie schnell sich die Bedingungen im Android-Kosmos ändern. So gibt es längst Zeichen dafür, dass bisherige Allianzen bröckeln.

Samsung Electronics 005930.SE -1,22% Samsung Electronics Co. Ltd. S. Korea: KRX KRW1.211.000 -15.000 -1,22% 18 Sept. 2014 12:20 Volumen (​20 Min. verzögert) : 110.127 KGV 6,31 Marktkapitalisierung 199.608,77 Milliarden KRW Dividendenrendite 0,08% Umsatz/Mitarbeiter N/A etwa ist gerade erst einer Allianz für mobile Werbung beigetreten, die direkt mit Google konkurriert. Amazon.com AMZN -1,15% Amazon.com Inc. U.S.: Nasdaq $324,00 -3,76 -1,15% 17 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,11 Mio. NACHBÖRSLICH $323,90 -0,10 -0,03% 17 Sept. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : KGV 830,77 Marktkapitalisierung 151,44 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 697.016 $ nutzt zwar Android, um damit den eReader Fire zu betreiben, doch hat der Konzern das Betriebssystem so sehr verändert, dass die meisten Nutzer nicht mehr erkennen können, welche Basis es hat.

Es ist zu erwarten, dass es in den nächsten Monaten etliche Berichte über Android-Umwandlungen zu lesen sein werden, denn die Handyhersteller arbeiten zunehmend an einer Abgrenzung ihrer Geräte.

Google drohen damit wahrhaft exotische Varianten des eigenen Betriebssystems, die am Ende auch den Einfluss des Suchmaschinenkonzerns bei Suchen im mobilen Internet oder bei der Handywerbung beschneiden könnten. Um einen Vergleich zu bemühen: Es zeichnet sich für Android eine vergleichbare Verwandlung ab, wie es sie vom Lateinischen ins Französische, ins Italienische und ins Spanische gegeben hat.

Personen, die damals die Übernahme eingefädelt haben, argumentieren dagegen, Motorola stelle eine konventionelle Absicherung für Google dar, sollte es in der Welt von Android zu einem Krieg der Produkte kommen. Doch das ist kaum die halbe Wahrheit. Tatsächlich muss Google seine Android-Basis im Mobilfunkgeschäft um jeden Preis in der jetzigen Breite verteidigen. Die Bruttomarge im Geschäft mit mobilen Suchen liegt nach Schätzung von Bernstein-Analyst Carlos Kirjner bei geschätzten 70 Prozent. Auch die operative Marge sei exzellent.

Erste Verkaufsgerüchte machen die Runde

Die Herstellung von Endgeräten – wie cool sie am Ende auch sein mögen – wird für Unternehmen, die nicht den Namen Apple tragen, bestenfalls ein profitables Unterfangen sein. Im vergangenen Jahr waren die operativen Margen von Motorola sogar negativ.

„Verglichen mit dem, was Google macht, steht das Smartphone-Geschäft nur für eine grauenhafte Wirtschaftlichkeit", sagt etwa Pierre Ferragu, der ebenfalls Analyst bei Bernstein ist. „Der Grund für den Kauf von Motorola war die Stärkung der Patente-Basis. Jetzt, wo man sie hat, besteht die Logik darin, den Rest wieder zu verkaufen." Dafür gibt es bereits erste Anzeichen. So gibt es Berichte, dass Google das Geschäft mit Set-Top-Boxen für Kabelfernsehen für einen Verkauf aufbereitet. Und aus Asien sind Gerüchte zu vernehmen, wonach Google das Handygeschäft von Motorola bereits dem chinesischen Konzern Huawei angeboten hat – zu einem hohen Preis.

Aus dem Umfeld von Google gibt es dazu allerdings ein klares Dementi.

Und das könnte für Google-Aktionäre die größte Bedrohung sein. Ein Konzern, der mit einer Suchmaschine zum Giganten geworden ist und nun glaubt, er könne gleichzeitig auch alles andere sein.

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