PEKING - Chinas Wirtschaftswachstum hat sich zu Jahresbeginn etwas stärker als erwartet abgeschwächt, was nach Einschätzung von Volkswirten weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen der Zentralbank nach sich ziehen wird. Die Ökonomen rechnen für dieses Jahr mit einer weiteren Reduzierung der Mindestreservesätze für Geschäftsbanken und wollen auch Leitzinssenkungen nicht ausschließen.

An den Kapitalmärkten wurden die chinesischen Wachstumszahlen trotz der Abkühlung wohl auch deshalb freundlich aufgenommen, weil dem Land die Umorientierung von Investitionen, Exporte und Immobilien auf den Konsum zu gelingen scheint. Der Tokioter Nikkei-Index legte um 1,2 Prozent zu, der Shanghai-Composite stieg um 0,4 Prozent und der koreanische Kospi um 1,1 Prozent.

Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im ersten Quartal 2012 gegenüber dem Vorjahresquartal um 8,1 Prozent gestiegen. Das war der schwächste BIP-Anstieg seit dem ersten Quartal 2009 und weniger als mit 8,3 Prozent erwartet. Im vierten Quartal 2011 hatte das BIP noch um 8,9 Prozent zugelegt. Die Abschwächung des Wachstums war also durchaus kräftig, auf der anderen Seite aber auch erwünscht: Ein Teil des Wachstum ging nämlich im überhitzten Immobiliensektor verloren, den die Regierung unter anderem über eine Kreditrationierung abzukühlen versucht hat.

Immobilienmarkt kühlt sich ab

Die Verkäufe von Wohneigentum sanken im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahresquartal um 15,5 Prozent. Ein Sprecher von China Vanke, Chinas nach Umsatz größtem Immobilienentwickler, sagte, das Unternehmen werde künftig mit Investitionen vorsichtiger umgehen: "Wenn es um neue Projekte geht, werden wir nach dem Prinzip vorgehen, dass es besser ist, eine Gelegenheit zu verpassen, als einen Fehler zu machen." Rückläufige Nettoexporte, ausgelöst vor allem von einer geringeren Nachfrage aus Europa, minderten das Wachstum um knapp einen Prozentpunkt.

Auch aufgrund der Immobilienflaute wächst Chinas Wirtschaft immer langsamer. AP/dapd

Der Anteil der Investitionen am Wirtschaftswachstum fiel von 54,2 auf 33,4 Prozent. Im Gegenzug erhöhte sich der Anteil des Konsums von 51,6 auf 76,0 Prozent. "Der private Konsum war mit einem Beitrag von 6,2 Prozentpunkten die wichtigste Wachstumsstütze im ersten Quartal", konstatierte UniCredit-Volkswirt Nikolaus Keis, der für die nächsten Monate mit einer Senkung der Mindestreservesätze für Geschäftsbanken um 100 bis 150 Basispunkte rechnet. Auch eine Reduzierung des Leitzinses und gezielte finanzpolitische Maßnahmen hält der UniCredit-Experte für Optionen.

Allianz-Volkswirt Georg Eder betonte, dass die Wachstumsabschwächung, soweit sie auf dem Immobilienmarkt stattgefunden habe, Teil notwendiger Anpassungsprozesse gewesen sei. Zusätzlich sei Chinas Wirtschaft von der schwachen weltwirtschaftliche Entwicklung sowie der Staatsschuldenkrise in der Eurozone belastet worden.

Eder rechnet damit, dass die chinesische Wirtschaft bereits im laufenden zweiten Quartal wieder stärker wachsen wird, was er auch als Erfolg der bereits ergriffenen politischen Maßnahmen bewerten würde. So habe nach der Senkung der Mindestreservesätze die Kreditvergabe im März wieder deutlich angezogen; erste Anzeichen für eine wachstumsfreundlichere Politik Pekings. Die Bank vergaben im vergangenen Monat Darlehen über 1,01 Billionen Yuan (etwa 121 Milliarden Euro). Im Februar waren es nur 710 Milliarden.

Auch Wang Tao, China-Ökonomin bei der UBS, sieht darin ein Anzeichen, dass das Wachstum im zweiten Quartal wieder anziehen könnte. In einer Mitteilung an ihre Kunden schreibt Wang, dass die Regierung im März bereits deutlich mehr in öffentliche Projekte investiert habe.

Die NordLB warnte in einer Stellungnahme jedoch davor, mit allzu expansiven geldpolitischen Impulsen der People's Bank of China zu rechnen, weil die im März von 3,2 auf 3,6 Prozent gestiegen Jahresteuerungsrate den geldpolitischen Spielraum einschränke. "Wir rechnen in der ersten Jahreshälfte mit weiteren Mindestreservesenkungen um insgesamt 100 Basispunkte, während die Leitzinsen nach unserer Einschätzung vorerst unangetastet bleiben werden", erläuterte die Bank.

Allerdings hat es die PBoC in der Vergangenheit wiederholt geschafft, die Finanzmärkte mit entschlossenen Maßnahmen zu überraschen. Das sollte auch dieses Mal nicht ausgeschlossen werden, denn nicht nur die Exporteure dieser Welt, auch China selbst braucht schon allein deshalb ein starkes Wirtschaftswachstum, um das starke Bevölkerungswachstum zu beherrschen und die Macht der Kommunistischen Partei zu sichern.

Zudem sind wegen fehlender marktwirtschaftlicher Steuerungsmechanismen in manchen Wirtschaftszweigen Überkapazitäten entstanden, die bei einem langsameren Wirtschaftswachstum sofort spürbar würden.

David Beatenbough, Vizepräsident des Maschinenbauers Guangxi LiuGong Machinery, 000528.SZ +1,00% Guangxi Liugong Machinery Co. Ltd. China: Shenzhen ¥7,07 +0,07 +1,00% 19 Sept. 2014 15:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 22,02 Mio. KGV 33,81 Marktkapitalisierung 7,96 Milliarden ¥ Dividendenrendite 3,54% Umsatz/Mitarbeiter 939.224 ¥ sagt, dass in der Industrie voller Überkapazitäten sei. Allein für Radlader gebe es über hundert Hersteller. "Die großen Akteure werden sich verstärken, und einige der kleinen werden verschwinden", erklärt er.

—Mitarbeit: Tom Orlik, Bob Davis, Andrew Galbraith, Esther Fung und James Glynn

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de