Die Deutschen sind sich einig: Atomkraft? Nein, danke. Fracking? Nicht mit uns. Verbrennung von Kohle? Schadet dem Klima. Deutschland, eines der leistungsfähigsten Industrieländer der Welt, legt einen der modernsten Kraftwerksparks der Welt still und stellt auf Erneuerbare Energien um. Weil sich das so gehört. Die Energiewende erfreut sich hoher gesellschaftlicher Zustimmung. Allerdings rücken Windräder, Solarparks und Biogasanlagen immer dichter an die Vorgärten der umweltbewussten Bürger heran. Und das gibt zunehmend Ärger.

Die Gegend um Mönchengladbach ist ein Laboratorium der Energieerzeugung. Auf engstem Raum stehen sich hier die alte und neue Energiewirtschaft gegenüber: Hier die riesigen Tagebaue, Kohlekraftwerke und Höchstspannungsleitungen, dort die raumgreifenden Windräder als Symbol der energetischen Wende. Bürgerinitiativen gibt es am Niederrhein reichlich: gegen Braunkohlentagebau, gegen Windräder, gegen die Durchleitung von Windstrom, gegen Biomassekraftwerke.

Ortstermin in Baum, einem zu Mönchengladbach gehörenden Dorf, zehn Kilometer vom Braunkohletagebau Garzweiler II entfernt. Hier hat sich eine Bürgerinitiative gegen den Bau von zwei Windrädern gebildet. Die gängigen Argumente von Windkraftgegner sind: Zu hoher Flächenverbrauch, Verschandelung der Landschaft, Gefährdung von Vögeln, unregelmäßiger Stromertrag. In Baum sorgt man sich auch über Infraschall.

„Deutschland ist das Land mit den meisten Windrädern, aber die Forschung auf diesem Gebiet ist bisher stiefmütterlich behandelt worden", sagte Paul Holgers, Sprecher der Bürgerinitiative „Windkraft mit Abstand". Er zitiert Studien über Schlaf- und Herzrhythmusstörungen als Folge niederfrequenter bis unhörbarer Schallwellen, die von den Windrädern ausgehen. Der Bereich von 0,7 Hertz steht im Verdacht, der Seekrankheit vergleichbare Irritationen des Gleichgewichtsgefühls auszulösen.

Proteste als Teil eines sozialen Wandels

Im benachbarten Wanlo steht seit Jahren ein Windpark, der mit leistungsfähigeren Anlagen aufgerüstet werden soll. Dagegen können die Anwohner nichts machen. Als Investoren vor drei Jahren allerdings auch noch eine Biogasanlage errichten wollten, stellten sich die Bürger quer – mit Erfolg. Außerdem hat RWE seine Planungen für den Tagebau Garzweiler II so korrigiert, dass Wanlo nun doch nicht „abgebaggert" wird.

Nach Einschätzung von Jan-Hendrick Kamlage, Wissenschaftler am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, sind die Proteste Teil eines sozialen Wandels, der seit den 1970er Jahren läuft. „Die Bürger sind kritischer und mündiger geworden, und vielleicht sind sie auch etwas stärker darauf bedacht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen", sagt er.

Baum nimmt Versorger den Wind aus den Rädern

Ein Dorf kämpft gegen die Windkraft. Die Anwohner fürchten Schlagschatten und Infraschall. Der kommunale Versorger hingegen wittert gute Geschäfte.
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Die Lasten der Energiewende treffen alle Deutschen – aber nicht im gleichen Maße. Am Niederrhein ballen sich die Stromtrassen. Doch irgendwann haben die Bürger auch hier genug.
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Gegen Fracks und Lecks in Korbach

Fracking ist das neue Hassobjekt der deutschen Umweltschützer. Der Kampf hat ökologische, aber auch philosophisch-ideologische Motive. Ortsbesuch im Widerstandszentrum im Norden Hessens.
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Der Tagebau bleibt, die Bürger gehen

Jahrzehntelang kämpften Bürger gegen den Braunkohletagebau in Garzweiler. Sie hatten keine Chance. Heute kämpfen die einstigen Widerständler miteinander um Prestige.
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Kamlage sieht das Wirken von Bürgerinitiativen gegen Maßnahmen, die mit der Energiewende zusammen hängen, grundsätzlich positiv: „Wir lernen bei ihnen einiges über den Umgang mit Menschen, die ein anderes Verständnis haben und ihre eigenen Interessen vertreten."

Deutschlandweit bekannte Beispiele von Bürgerinitiativen waren in jüngerer Zeit „Stuttgart 21" oder die Initiative gegen den Bau eines Kongresszentrums in Heidelberg. Die Kampagnen gegen Stromleitungen oder Biogasanlagen erreichen selten die große öffentliche Bühne. Aber die Energiewende ruft bundesweit Widerstand hervor.

Deutschland will in rund 35 Jahren 80 Prozent seines Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien gewinnen - derzeit sind es rund 31 Prozent. Das Land will bis 2020 zwei Fünftel weniger Treibhausgase ausstoßen als 20 Jahre zuvor. Und damit die Aufgabe auch nicht zu leicht lösbar ist, soll schon in acht Jahren das letzte Atomkraftwerk still gelegt werden.

Kampf der Stromtrasse - mit Segen von Horst Seehofer

Die Folge ist ein Paradigmenwechsel: Wurde Strom früher fast ausschließlich da produziert, wo er auch verbraucht wurde, findet die Erzeugung heute dort statt, wo der Strom anfällt: zum Beispiel nahe der Nordsee. Von hier muss der Strom über – teilweise erst noch zu bauende – Leitungen – in den Süden transportiert werden. Dafür hat die Bundesregierung extra Gesetze vereinfacht. Und die meisten Menschen haben auch nichts dagegen.

Es sei denn, diese Leitungen führen durch ihre Nachbarschaft. Dann wird vor den Gefahren vor Elektrosmog gewarnt, vor erhöhten Raten bei Alzheimer- und Krebserkrankungen, vor Ladungswolken, die sich mehrere hundert Meter fortbewegen können.

25 Kilometer von Mönchengladbach-Baum entfernt protestiert die Bürgerinitiative „Pro Erdkabel Neuss" gegen eine Stromleitung von Emden nach Philippsburg. Ihr Sprecher Armin Riemer betont, dass er prinzipiell nichts gegen die Nutzung von Windkraft habe. Auch die beiden Windräder, die in seiner Nachbarschaft entstehen sollen, wären für ihn tragbar – gäbe es da nicht das Problem mit dem Stromtransport. Über den Hof, den Riemer mit seiner vierköpfigen Familie bewohnt, führen schon jetzt drei herkömmliche Starkstromleitungen, eine vierte soll demnächst hinzukommen. Und auch die Trasse, die den Windstrom von Emden nach Philippsburg transportieren soll, soll durch diese Gegend führen. „Jetzt diskutiert man natürlich, dass dafür vorzugsweise vorhandene Standorte benutzt werden könnten", klagt Riemer. Für ihn ist das Maß damit voll.

Nach Aussage des Politikwissenschaftlers Kamlage liegt das Problem beim geplanten Netzausbau in einer verfehlten Kommunikationspolitik: „Viele Leute sind grundsätzlich durchaus bereit, Lasten für die Gesellschaft zu übernehmen - aber die müssen gut begründet sein", sagt er. Doch die Politik, die diese Kommunikation übernehmen müsste, schürt die Proteste mitunter noch. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer etwa hat öffentlich erklärt, Bayern lehne die Trassen ab, weil es sie nicht brauche.

Nicht nur in Bayern, auch in Nordhessen trifft das auf fruchtbaren Boden. Hier hat sich eine „Bürgerinitiative gegen Suedlink" gegründet, die gegen die Windsromtrasse von der Nordsee nach Bayern kämpft. Diese wird auch an Melzendorf bei Fulda vorbeiführen, wo sich die Energiewende bereits in Gestalt einer Biogasanlage manifestiert. Gegen die kämpft ebenfalls eine Bürgerinitiative. Sie wirft dem Betreiber ein „auf Gewinn beschränktes Denken" vor.

Bürgeraufstand für mehr Verteilungsgerechtigkeit

Der Kampf gegen private Investoren, die sich aus Sicht der Bürger die Taschen füllen, ist verbreitet. Seit die rot-grüne Regierung um die Jahrtausendwende den Anstoß für die Energiewende in Deutschland gab, gehört die Klage über Verteilungsungerechtigkeiten zu den verbreitetsten Kritikpunkten an dem Vorhaben. Letztlich fülle die Förderung „grüner" Technologien wie Wind-, Solar- oder Bioenergie vor allem den ohnehin Vermögenden die Taschen, bemängeln die Kritiker der Erneuerbaren. Denn um eine Solar- oder Windkraftanlage zu errichten, brauche es Grundstücks- und Hausbesitz. Bezahlt werde deren Förderung über höhere Strompreise aber von allen Verbrauchern.

Der Kampf gegen Verteilungsungerechtigkeit ist so etwas wie ein roter Faden des Bürgeraufstands gegen die energetische Neuordnung der Bundesrepublik. „Ich kann nicht einsehen, dass hier ein privater Investor einen Millionengewinn einstreicht, während für die Risiken im Zweifelsfall die Gemeinschaft aufkommen muss", sagt auch Andy Gheorghiu, Sprecher der Bürgerinitiative „Lebenswertes Korbach". Er und seine Mitstreiter kämpfen aber nicht gegen Windräder oder Biokraftwerke, sondern gegen Fracking – in Nordhessen und anderswo.

Grundsätzlich ist Gas viel umweltfreundlicher als Kohle. Nach Meinung mancher Experten könnte es mithelfen, den Ausstoß an Klimagasen zu verringern. Aber für Gheorghiu ist es eine Energie des „20., oder sogar 19. Jahrhundert". „Wir sollten lieber die Erneuerbaren ausbauen und unseren Verbrauch reduzieren, als auf Fracking zu setzen", sagt er.

Die Erfolgsaussichten der Fracking-Gegner stehen nicht schlecht. Die Behörden haben einem kanadischen Unternehmen die beantragte Erlaubnis zu Aufsuchung von Erdgas um Korbach verweigert, das Unternehmen klagt allerdings noch gegen den Beschluss.

Sollte sich „Lebenswertes Korbach" in Sachen Fracking durchsetzen, ist die Arbeit der Bürgerinitiative noch lange nicht getan. Denn die Protestler verfügen über mehrere „Standbeine", wie es der Vorsitzende Harald Rücker bezeichnet: Sie protestieren auch gegen die Schadstoffemissionen des örtlichen Continental-Werks, entstanden war die Gruppe einst aus dem (erfolglosen) Widerstand gegen eine Müllverbrennungsanlage.

Gesucht: Widerstandsveteranen

Schaden kann eine Widerstandshistorie nicht, wie ein Blick ins nordrhein-westfälische Rommerskirchen zeigt. Dort kämpft eine Bürgerinitiative gegen den Bau eines Gleichstrom-Wechselstrom-Konverters – und das laut einem Bericht der Neuss-Grevenbroicher Zeitung sehr aussichtsreich. Geleitet wird die Gruppe von zwei Veteranen, die seit 1980 schon eine Müllverbrennungsanlage, eine Kraftwerkserweiterung, ein Atomkraftwerk und einen Straßenausbau verhindert haben.

Von derartigen Erfolgen ist man in Kuckum weit entfernt. Hier am am Rande des Tagesbaus Garzweiler II haben sich die Menschen mit dem nahenden Ende ihres Zuhauses bereits abgefunden. Den Kampfgeist der 80er-Jahre hat die Bürgerinitiative „Stopp Rheinbraun" verloren, weil sich ihr Vorhaben als zu groß erwiesen hat. „Als Jugendlicher habe ich schon geglaubt, Rheinbraun stoppen zu können", sagt Hans-Josef Dederichs, der Sprecher der Initiative. Heute will er nur noch „mit dem ganzen Kapitel abschließen" – mit RWE einen Kaufpreis für Haus und Grundstück aushandeln, in Kuckum (neu) ein Grundstück erwerben und ein neues Haus darauf bauen. Den Platz der Bürgerinitiative hat heute die „Interessengemeinschaft Umsiedlung" eingenommen.

Ein Ende des Braunkohletagebaus wünscht sich Dederichs aber nach wie vor. „Ich freue mich über jedes Windrad, das ich sehe", sagt er. Vielleicht kann er, der für die Grünen im Erkelenzer Stadtrat sitzt, seine Zuneigung ja irgendwann mal unter Beweis stellen – wenn bei Kuckum (neu) ein Windpark errichtet werden sollte.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@wsj.com