Vor vier Jahren stieß das Platzen der amerikanischen Immobilienblase eine globale Finanzkrise an. Jetzt belasten die Sorgen um den Immobilienmarkt in den USA und anderen Staaten die Weltwirtschaft erneut.

Überangebot in Spanien: Mit großflächigen Werbetafeln versuchen Immobilienmakler in Benidorm, leerstehende Wohnungen in dem Strandort loszuwerden. dapd

Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlichte im Rahmen seines halbjährlichen Wirtschaftsausblicks eine neue Analyse, in der 99 Immobilienkrisen in 25 entwickelten Ländern während der letzten drei Jahrzehnte unter die Lupe genommen wurden. Das Ergebnis: Immobilienkrisen in Ländern mit einer hohen Haushaltsverschuldung tendieren dazu, heftiger auszufallen. Die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft des jeweiligen Landes halten mindestens über fünf Jahre an.

Dieses Muster findet sich auf der ganzen Welt wieder. Am Ende eines Immobilienbooms geben die verschuldeten Haushalte weniger aus und schwächen so die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit einhergehend den Arbeitsmarkt und das Einkommen. „Dies setzt eine negative Kettenreaktion mit einer höheren Anzahl an Zahlungsausfällen und vorsichtigere Kreditvergabe seitens der Banken in Kraft. Das kann zu langfristigen Belastungen der Konjunktur führen", sagt IWF-Ökonom Daniel Leigh.

Spanien: Mitten im Teufelskreis

Spanien zum Beispiel befindet sich gerade mitten in diesem Kreislauf. Privatpersonen und Banken des aktuell größten Sorgenkindes der Eurozone kämpfen mit den Auswirkungen der Implosion ihres Immobilienmarktes. 2007 endete der jahrzehntelange Boom des Wohnungsbaus und drückte die Beschäftigungsquote und die Konsumausgaben. Die daraus resultierenden staatlichen Haushaltsnöte schüren Ängste vor einem Rettungspaket für das Land, was wiederum die europäische Schuldenkrise verschärft.

Die Hauspreise in Spanien sind seit 2007 um mehr als 20 Prozent gefallen. Viele Analysten gehen jedoch davon aus, dass sie nochmals um mindestens 20 Prozent nachgeben müssen. Noch immer sitzen Spaniens Banken auf einem Berg von Schulden der Immobilienkäufer.

USA: Regierung diskutiert Eingriff

In den USA behindert der hinkende Immobilienmarkt immer noch die Erholung der Wirtschaft. Entsprechend sieht der IWF den größten Handlungsbedarf für die US-Politik abseits des gigantischen Haushaltsdefizits vor allem im Immobiliensektor. Die US-Immobilienpreise sind seit ihrem Hochpunkt im Jahr 2006 um 34 Prozent gefallen. Mehr als zwei Millionen Häuser müssen zwangsvollstreckt werden. Fast jeder vierte Hausbesitzer ist „unter Wasser", das heißt: die Hypothekenschulden übersteigen den Wert des Wohneigentums.

Die US-Regierung hat vorgeschlagen, die Hypothekenschulden einiger dieser Hausbesitzer mit Hilfe von Steuergeld zu reduzieren. Der IWF hat diesen Ansatz unterstützt – und geriet damit mitten in eine politische Debatte. Ein wichtiger Immobilienregulierer zeigte sich skeptisch, und viele Republikaner sind gegen den Plan der Obama-Regierung. Sie befürchten, dass ein solches Programm die Disziplin der Schuldner in der Hoffnung auf eine Reduzierung ihrer Rückstände zu einer laxeren Rückzahlung ihrer Schulden verleiten könnte.

China: Ein etwas anderer Immobilienboom

Ein ganz anderes Problem hat China: Dort versucht die Regierung, den heimischen Immobilienboom zum Schutz der Wirtschaft abzukühlen. Im Gegensatz zu Spanien wurde der Kauf von Wohneigentum in China nicht durch eine höhere Verschuldung der Haushalte angefacht. Dennoch schweben die hohen Immobilienpreise bedrohlich über der Wirtschaft des Landes. Die Preise sind zuletzt ein wenig gefallen, und nun hat die chinesische Regierung Angst, dass eine weitere Verbilligung die sich bereits abschwächende Konjunktur treffen könnte.

Chinas Immobilienboom ist massiver als in vielen anderen Ländern. Die Investitionen in Wohneigentum machten im vergangenen Jahr neun Prozent der Wirtschaftskraft aus – ein Niveau, das laut Nicholas Lardy nur von Spanien im Boom-Jahr 2007 erreicht wurde. Lardy ist China-Experte am Peterson Institute für Internationale Wirtschaft. Als die Käufe von Wohneigentum in den USA im Jahr 2005 ihren Höhepunkt erreichten, standen sie für fünf Prozent der Wirtschaftsleistung.

Der Boom in China startete 2004, als die inflationsbereinigten Zinssätze für Bankeinlagen in den negativen Bereich drehten. Als Folge der staatlichen Zinspolitik wandten sich die Sparer von den Banken ab. „Die Menschen investierten in Immobilien, da sie ihr Geld nicht außer Landes anlegen können und der Aktienmarkt begrenzt ist", erklärt Lardy. Nun versucht Chinas Regierung, durch Maßnahmen wie höhere Anzahlungen beim Immobilienkauf Luft aus der Blase zu lassen. Doch Anreize, Geld in Immobilien zu investieren, gibt es für die Haushalte nach wie vor genügend.

Chinas Blase ist so gewaltig, dass Experten davon ausgehen, dass die Probleme auf dem Häusermarkt dem Land über Jahre nachhängen und das Wachstum verlangsamen werden. Ein Abrutschen der Immobilienpreise wird auch den Absatz in anderen Wirtschaftszweigen schmälern – beispielsweise im Stahlsektor oder bei Haushaltsgütern.

IWF fordert staatliche Hilfsmaßnahmen

Ende dieser Woche treffen die Finanzminister der wichtigsten Nationen in Washington aufeinander. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird sie zu aggressiveren Hilfsmaßnahmen für hypothekenbelastete Haushalte auffordern. Laut Studienergebnis könnten Maßnahmen der Regierungen helfen, die Folgen einer platzenden Immobilienblase abzuschwächen und die Konsumausgaben und das globale Wachstum anzukurbeln.

So weist der IWF darauf hin, dass die USA während der Großen Depression mit der von der Regierung geschaffenen Home Owners' Loan Corporation notleidende Kredite von Kreditgebern aufgekauft und restrukturiert habe und somit Geld für Haushaltsausgaben freigesetzt habe. „Durch die Schaffung von erschwinglicheren Hypothekenzahlungen wurden Gelder an hypothekenbelastete Haushalte transferiert und dadurch eine höhere Konsumquote geschaffen", heißt es beim IWF.

Diese Intervention begann 1933, vier Jahre nach dem Börsencrash und acht Jahre nach dem Höhepunkt der damaligen Immobilienblase. Laut IWF gibt es daraus eine Lehre zu ziehen: Das Hinauszögern von Regierungsmaßnahmen kann den Schmerz nur verlängern.

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