FRANKFURT - Gold hat sich in den vergangenen Jahren als sicherer Hafen bewährt. Wenn es an den Aktienmärkten heiß her ging, erwies sich das Edelmetall als Fels in der Brandung. Doch seit einem halben Jahr ist die Aufwärtsbewegung ins Stocken geraten. Pessimisten warnen bereits vor einem Ende der Gold-Hausse. Doch die Mahnungen könnten sich als vorschnell erweisen

Jüngste Stimme im Chor der Skeptiker sind die Rohstoffexperten der Schweizer Großbank UBS. In der vergangenen Woche haben sie ihre Schätzung für Feinunze Gold deutlich nach unten revidiert. Für das laufende Jahr gehen sie nun nur noch von 1.680 Dollar aus und haben sich damit von der ursprünglichen Prognose von 2.050 Dollar verabschiedet. Haben sie damit Recht, wird mit dem Edelmetall in diesem Jahr nichts zu verdienen sein.

Dreh-und Angelpunkt der Argumentation ist die wirtschaftliche Erholung der USA. In dem Maß, in dem die US-Konjunktur an Fahrt gewinnt, dürften nach Ansicht der UBS andere Anlageklassen attraktiver werden.

"Gold verliert die zentrale Stellung, die es im vergangenen Jahr besessen hat", folgern die Analysten. Angesichts der wirtschaftlichen Stabilisierung gehen sie davon aus, dass die amerikanische Notenbank die Finger von einer weiteren Runde geldpolitischer Lockerungen, salopp QE3 genannt, lassen wird. Damit verliert nicht nur das Gespenst der Inflation, das Ben Bernanke mit seiner Politik des billigen Geldes beschworen hat, an Schrecken, sondern es geht auch ein wesentlicher Treiber für das Edelmetall verloren.

Ein Juwelier in Indien wiegt ein Schmuckstück aus Gold. Agence France-Presse/Getty Images

Ein weiteres Argument liefert den Pessimisten die Situation in Indien. Der bis vor kurzem größte Goldimporteur der Welt hat die Steuer auf Goldimporte auf vier Prozent verdoppelt und zugleich eine Handelssteuer auf Goldschmuck eingeführt. Das hatte nicht nur zu wütendenden Protesten und Streiks der indischen Goldhändler, sondern auch zu einem Einbruch der Nachfrage geführt.

Keine Trendwende abzusehen

All das erklärt zwar die volatile Entwicklung des Goldpreises, für eine Trendwende spricht es aber nicht. Denn so sicher ist die wirtschaftliche Erholung in den USA keineswegs. Die schwachen Arbeitsmarktdaten für März - der Beschäftigungsaufbau ist nur halb so stark ausgefallen wie erwartet - sind zumindest ein Warnsignal. Damit sind weitere quantitative Maßnahmen durch die Notenbank keineswegs vom Tisch. Sollte die Zahlen in den kommenden Monaten ähnlich enttäuschend ausfallen, könnte die US-Notenbank sich zu Eingriffen genötigt sehen und die Notenpresse wieder anwerfen, sind die Arbeitmarktdaten doch ein wesentlicher Orientierungspunkt für die US-Geldhüter.

Federal Reserve Chairman Ben Bernanke in einem Archivbild vom 9. April. Reuters

Die Ankündigung der Notenbank nach ihrer Sitzung am vergangenen Dienstag, dass kein weiteres Ankaufprogramm für Anleihen geplant ist, könnte sich daher als verfrüht erweisen. So hat Dennis Lockhart, Präsident der Federal Reserve Bank von Atlanta, in einem Interview am Mittwoch gesagt, dass keinerlei Optionen ausgeschlossen werde sollten.

Rohrkrepierer der Konfetti-Kanone

Auch die Lage in Europa spricht für Gold. Die "dicke Bertha", die EZB-Präsident Mario Draghi bereits zwei Mal abgefeuert hat, droht zur Konfetti-Kanone zu werden. Die über eine Billion Euro, die den Banken zur Verfügung gestellt worden sind, haben die Situation an den Anleihemärkten nur vorübergehend beruhigt. Mittlerweile haben die Renditen der zehnjährigen Anleihen Spaniens und Italiens wieder den Weg nach Norden eingeschlagen.

"Nachdem das Geld langsam ausgegeben ist, beginnen die Renditen wieder zu steigen. Diejenigen, die gehofft hatten, dass die EZB-Maßnahmen die Krise doch irgendwie gelöst hat, dürften nun eines Besseren belehrt werden," merkt Devisenanalyst Lutz Karpowitz von der Commerzbank kritisch an. Verschärft sich die Krise, könnte Gold wieder seine Rolle als Fluchtwährung ausspielen, wie es das schon im vergangenen Jahr getan hat.

Doch damit nicht genug: Während die niedrigen Zinsen und die Liquiditätsspritzen der EZB für die angeschlagenen Volkswirtschaften der südlichen Euro-Mitglieder richtig sein mögen, sind sie für die rund laufende deutsche Konjunktur des Guten zu viel. Die rasant gestiegenen Immobilienpreise in deutschen Großstädten liefern einen Vorgeschmack darauf, was in anderen Vermögensklassen noch bevorstehen könnte. Spätestens wenn die Inflation deutlich anzieht, werden Anleger auf die klassische Inflationsabsicherung Gold zurückgreifen.

Langfristige Anleger halten Gold die Treue

Die Turbulenzen beim Goldpreis sind ohnehin auf Transaktionen kurzfristig orientierter Marktteilnehmer zurückzuführen. Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank führt die Korrektur des Goldpreises auf den starken Rückgang der Long-Positionen zurück: "In der Woche zum 3. April wurden die Netto-Long-Positionen um neun Prozent auf 113.000 Kontrakte abgebaut. Dies entspricht dem niedrigsten Stand seit elf Wochen."

Anleger mit längerfristigen Horizont halten Gold dagegen die Treue. Ein klares Signal dafür liefern börsengehandelte Fonds, die mit Gold hinterlegt sind. "Die ETF-Bestände sind konstant", betont Weinberg-Kollege Daniel Briesemann. Er sieht sogar wachsende Nachfrage von dieser Seite. "Preisrücksetzer wurden bisher als Kaufgelegenheit genutzt", so der Analyst.

Hoffnungsschimmer aus Indien

Last but not least gibt es auch aus Indien Hoffnungsschimmer. Der Streik ist mittlerweile beendet und die Händler beginnen ihre Lagerbestände wieder aufzustocken. "Im April und Mai dürften zusammen etwa 100 Tonnen eingeführt werden", schätzt Prithviraj Kothari, Präsident der Vereinigung der Goldhändler Bombay Bullion Association.

Der Hindu-Feiertag Akshaya Tritiya, der in diesem Jahr auf den 24. April fällt, und die beginnende Hochzeitssaison in einigen Landesteilen wird zeigen, wie sich die Nachfrage in dem goldverliebten Land gestaltet, in dem zu festlichen Anlässen gerne edles Geschmeide verschenkt wird. Doch selbst wenn die Inder sich künftig etwas zurückhalten, bedeutet das noch nicht zwangläufig sinkende Nachfrage. China hat sein Nachbarland bei Goldkäufen inzwischen überholt und daran dürfte sich angesichts des wachsenden Wohlstands im Reich der Mitte so schnell nichts ändern.

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