Greg Smith ist eine Berühmtheit im Internet. Und bislang wohl der lauteste Ex-Topmanager von Goldman Sachs. Wenn aber seine Schimpftiraden über die Bank mehr sind als nur ein Knüller im Web, dann könnte sich das Geschäftsgebaren der Investmentbank künftig ändern. Und damit auch ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Kurzfristig haben die jüngst in der „New York Times" veröffentlichten Attacken von Smith gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor allem zur Folge, dass der CEO Lloyd Blankfein doch länger im Amt bleiben könnte als viele Beobachter erwarten. Um Blankfein kursierten immer wieder Gerüchte über einen vorzeitigen Rücktritt. Aber kein Firmenlenker tritt in einer öffentlichen Kontroverse ab, wie sie Greg Smith nun losgetreten hat.

Was ist wirklich dran am Vorwurf von Smith, dass bei Goldman Sachs mittlerweile der Gewinn an erster Stelle steht, zur Not auch zu Lasten des Kunden? Meine Gespräche mit Leuten an der Wall Street und in Washington lassen vermuten, dass sie eher das Niveau der Klavier spielenden Katze auf Youtube haben als einen aufklärerischen Inhalt.

Die Aussagen von Smith richten sich an drei Empfänger: an die Kunden von Goldman Sachs, an die Rivalen von Goldman Sachs und an die Öffentlichkeit. Die Kunden der Bank dürften die Vorwürfen unbeeindruckt lassen. Kein Hedgefonds-Manager oder Unternehmenskapitän dürfte ernsthaft damit rechnen, dass sich eine Bank bei der Beratung von Kunden und beim Verkauf von Produkten nicht in erster Linie vom Eigeninteresse leiten lässt.

"Geschäfte mit Goldman nutzen - Ende!"

An der Wall Street ist Goldman Sachs dafür berühmt, Informationen von und über Kunden in die eigenen Handelsstrategien umzusetzen. Beides ist legal, jedenfalls solange auf die Informationen nicht gehandelt wird, bevor der Kunde dies tut oder davon Kenntnis hat. Die Kunden setzen nach wie vor auf die Ideen von Goldman Sachs, auf ihre finanzielle Feuerkraft und auf den Markennamen.

Oder wie es ein Hedgefonds-Manager auf den Punkt bringt: „Der Nutzen aus einem Deal mit Goldman Sachs überwiegt die Kosten. Ende der Geschichte."

Zugegeben, es gibt Konflikte, und Goldman Sachs hat sicher Anteil daran. Banken sollten bestraft werden, wenn sie in die Irre gehen. Aber diejenigen, die sich an der Wall Street herumtreiben, sollten als Gegenpart bei Marktgeschäften gelten und eben nicht als Kunden im klassischen Sinne.

Die Konnkurrenten von Goldman Sachs sollten sich daher auch hüten, aus der gegenwärtigen Nachrichtenlage Kapital schlagen zu wollen. Einige Banker haben mir in der Tat erzählt, sie würden die Vorwürfe von Greg Smith an potenzielle Kunden weiterleiten mit der Frage: „Warum sollten Sie diese Kerle anheuern?" Das ist eine schlechte Idee. Denn die Geschäftspraktiken von Banken sind immer vom Ziel der Gewinnmaximierung geleitet. Und faule Äpfel gibt es überall. Die Moral bleibt in der Finanzwelt eben manchmal auf der Strecke.

James Dimon, CEO von J.P. Morgan Chase hat das jüngst in einer Botschaft an seine Unteroffiziere klar gestellt: „Ich möchte nicht, dass hier irgendjemand aus Vorwürfen gegen einen Wettbewerber oder aus bloßem Hörensagen einen Vorteil herausschlägt. Niemals."

Greg Smith könnte Nachahmer finden

Schadenfreude ist ungebührlich, und das nicht nur aus altruistischen Erwägungen. „In jeder Firma kann es einhundert Greg Smith geben", bringt es der Chef einer Firma an der Wall Street auf den Punkt.

In der Tat könnte Greg Smith Nachahmer finden. Das würde die Feindseligkeit gegenüber der Finanzbranche wohl noch vertiefen. Diese hat in der Finanzmarktkrise – mit Recht – einen Großteil der Schuldvorwürfe auf sich nehmen müssen. Der Rückschlag seitens der Politik ist indes verhalten ausgefallen. Der Grund hierfür dürfte sein, dass es den Beschuldigungen von Greg Smith an konkreten Beispielen mangelt.

Angesichts des Mangels an Beweisen klingt auch die Zusicherung von Goldman Sachs lächerlich, man wolle die Vorwürfe „prüfen". Statt unbewiesenen Anschuldigungen nachzugehen, sollten sich Goldman Sachs und die anderen Banken lieber vom Mantra „Der Kunde ist König" verabschieden und klar sagen, was sie wirklich tun.

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