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Start-up-Inkubatoren entdecken den Bankenwandel für sich

Keiner weiß, wie die Finanzwelt in zehn Jahren aussehen wird. Einige träumen von der digitalen Disruption und der vollständigen Ablösung der klassischen Finanzwelt (Bill Gates: "Banking is necessary, banks are not"). andere rechnen damit, dass sich die Beharrungskräfte in den Finanzhäusern durchsetzen. Nach dem Motto "Ablehnen, kritisieren, nachmachen" (Matthias Kröner, CEO Fidor Bank ) glauben Banken an das eigene Überleben in der digitalen Welt.

Während man sich bisher auf Kongressen und in Fachworkshops je nach Herkunft entweder darin bestärkt hat, die Revolution im Banking auszulösen oder sich gegen neue Wettbewerber zu verteidigen, hat sich in den letzten Monaten die Einsicht verstärkt, dass ein Gegeneinander in manchen Fällen wenig fruchtbar ist und man es im Sinne der Kunden (und natürlich guter Geschäfte) auch gemeinsam schaffen kann. FinTechs und Banken gehen zunehmend auf Kuschelkurs.

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Dirk Elsner WSJ.de

In diesem Umfeld positioniert sich nun eine dritte Gruppe in der Bank-der-Zukunft-Lotterie. Die Gruppe der Beteiligungsgesellschaften und Inkubatoren (inkubieren bedeutet in der Biologie, Frühgeborene mit Hilfe künstlich erzeugter Wärme auszubrüten), die bisher vor allem im Hintergrund für die Startfinanzierung motivierter Gründer sorgten. In letzter Zeit fällt auf, dass immer mehr Beteiligungsgesellschaften mit Fokus auf Financial Technology (= FinTech) auch öffentlich ihr Profil schärfen.

Am weitesten ist hier die in der Schweiz sitzende und seit 2009 börsennotierte Ayondo Holding AG (früher Next Generation Finance Invest AG). Sie gehört zu den ersten Gesellschaften, die sich im deutschsprachigen Raum ausschließlich auf neue Geschäftsmodelle in den Bereichen Internet und Finance konzentriert hat. In ihrem aktuellen Geschäftsbericht kündigt das Unternehmen an, sich von einer Investmentgesellschaft in eine operative Holding zu wandeln. Daher auch die Namensänderung, die angelehnt ist an die wichtigste Beteiligung Ayondo, eine Social-Trading-Plattform, die im deutschsprachigen Raum, in England und in Asien aktiv ist. Aus der Datenbank der BaFin erfährt man, dass Ayando über die britische Tochter Ayondo Markets Ltd eine Reihe von Banklizenzen für verschiedene Arten von Bankgeschäften hat. Der Inkubator brütet sich also selbst zur Bank aus.

Daneben lernten wir jüngst etwas über die Pläne des Serieninkubators Rocket Internet, eine eigene Bank aufzubauen. Danach waren die Planungen für eine "Rocket-Bank" bereits weit vorangetrieben und die ersten Führungskräfte rekrutiert. In letzter Sekunde sollen aber die Samwers selbst die Pläne gestoppt haben, weil es an erfahrenem Führungspersonal mangele und das Marktumfeld hochkompetitiv sei. Beide Argumente klingen nicht überzeugend. Für Rocket dürfte es überhaupt kein Problem sein, erfahrenes Führungspersonal zu rekrutieren, zumal im klassischen Finanzsektor viele talentierte Fach- und Führungskräfte auf entsprechende Gelegenheiten warten. Von einem "hochkompetitiven Marktumfeld" kann im Finanzsektor keine Rede sein. Aber vielleicht hat man in Berlin gemerkt, dass sich das Motto "Kopieren und schnell skalieren" im Finanzsektor nicht so reibungslos wie in anderen Branchen umsetzen lässt.

Aber selbst wenn die Pläne erst einmal auf Eis gelegt sein sollen, arbeitet Deutschlands bekanntester Inkubator am Erfolg von FinTechs wie Lendico, Zencap oder Kreditech. Die Option, diese und weitere Unternehmen eines Tages unter einem Bankdach zusammenzufügen, bleibt jedenfalls bestehen.

Von Oliver Samwer soll der Spruch stammen: "Ideas are dime a dozen, success lies in execution". Die scheint das dritte hier betrachtete Beteiligungsunternehmen Centralway besonders zu beachten. Der Schweizer Inkubator für FinTech-Unternehmen kam kürzlich aus der Deckung. Der Gründer Martin Saidler hat in einem Gespräch mit dem Magazin Capital angekündigt: „Wir werden eine europäische Banklizenz beantragen und so voll reguliert sein". Eigene Bankprodukte wolle der Investor nicht anbieten. „Das Bankgeschäft teilt sich künftig auf in Anbieter wie Centralway, die Kundenbeziehungen managen, und die Banken, die abwickeln. Wir sehen die Banken eher in einer Rolle wie die Stromkonzerne, die die Grundversorgung sicherstellen", zitiert Capital Martin Saidler. Offen bleibt freilich zunächst, für welche Bankgeschäfte die Zulassung konkret beantragt wird.

Centralway versteht sich auch als Companybuilder und hat Numbrs gegründet, das eine App entwickelt hat, die Umsatzdaten verschiedener Bankkonten zusammenfasst und den Zahlungsverkehr erleichtert. Daneben kündigt Centralway auf seiner Webseite zwei weitere Projekte an, die vielversprechend klingen, über die man aber noch nichts sagen mag.

Außerdem scheint man in Zürich, London und Luxemburg noch eine Spur weiter zu denken mit der Beteiligung an der Münchner B+S Banksysteme AG, einem Anbieter für Kernbanksoftware. Wollen FinTechs sich nachhaltig im Banking etablieren, dann benötigen sie selbst solche Anwendungen - etwa für Funktionen wie Kontoführung, Risikomanagement oder Meldewesen. Bisher kooperieren sie dazu meist mit klassischen Finanzhäusern. Für Ein-Produkt-Unternehmen kann das eine kluge Lösung sein, nicht jedoch, wenn man weitergehende Pläne hat. Da kann eine breite und operativ tiefer gehende Wertschöpfungskette mit den richtigen aufsichtsrechtlichen Zulassungen das Paket für einen Exit wertvoller machen.

Mit Centralway sollte man in Zukunft rechnen. Nach eigenen Angaben hat es einige Investments gemeinsam mit Google GOOGL 0.51 % Ventures und der US-Bank J.P. Morgan gemacht und war auch an dem nach meiner Auffassung bisher erfolgreichsten FinTech-Start-up beteiligt: Lending Club.

Neben diesen drei Beteiligungsgesellschaften finden sich viele weitere Brutkästen, von denen sich immer mehr für FinTechs begeistern, wie etwa Dieter von Holtzbrinck Ventures, die an Moneymeets, Wikifolio und Compeon beteiligt sind. Je breiter sich die Beteiligungsgesellschaften hier aufstellen und je mehr sich die Start-ups im Portfolio ergänzen, desto mehr Werte lassen sich durch operative Wertschöpfungstiefe und gemeinsam genutzte Banklizenzen heben.

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Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

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