DOW JONES, A NEWS CORP COMPANY
Sections
  • Today's Paper
  • SHOW ALL SECTIONS HIDE ALL SECTIONS
    HIDE ALL SECTIONS
Aim higher, reach further.
Get the Wall Street Journal $12 for 12 weeks. Subscribe Now

Sinn: "Energiewende funktioniert nur weltweit"

Der Ökonom Hans-Werner Sinn ist einer der prominenten Kritiker der deutschen Energiewende. Der Chef des Münchner Ifo Instituts hält einen Umstieg auf Erneuerbare Energien nur im weltweiten Konzert für machbar. Technische Lösungen für das Speicherproblem gebe es nicht, sagt er.

Herr Professor Sinn, die deutsche Energiewende sieht vor, den stabil in konventionellen Kraftwerken erzeugten Strom nach und nach durch schwankungsanfälligen Strom aus Wind und Sonne zu ersetzen. Das zieht einen erheblichen Bedarf an Speicherkapazitäten nach sich – Sie sprechen von 3.600 Pumpspeicherwerken, die Deutschland aber niemals bauen könne. Aber etwa ab 2020 muss das Speicherproblem wohl gelöst werden. Welche Auswege sehen Sie?

Es gibt keine. Es gibt keine Technologien, die funktionieren. Es wird diskutiert, die Überschussproduktion in Autobatterien zu speichern, aber das ist hirnrissig. Selbst wenn wir eine Million Elektro-BMWs hätten, würden wir damit nur 0,6 Prozent der notwendigen Speicherkapazität abdecken.

Unterschätzen Sie nicht die Möglichkeiten, die die Umwandlung von Strom in Wasserstoff und Methan bietet?

Das ist technisch zwar möglich. Aber der Wirkungsgrad ist so niedrig, dass dabei drei Viertel bis zwei Drittel des Stroms verloren gehen. Und das verdreifacht bis vervierfacht die Stromkosten – selbst dann, wenn man keine Kosten für die Anlagen zur Methanisierung selbst ansetzt.

Hans-Werner Sinn, Ökonom und Präsident des renommierten Münchner Ifo Instituts. ENLARGE
Hans-Werner Sinn, Ökonom und Präsident des renommierten Münchner Ifo Instituts. Ifo Institut

Eine Stromspeicherung auf diesem Weg ist also nicht sinnvoll. Da ist es besser, die Methanspeicher im Boden intermittierend anzuzapfen. Das natürliche Methan kostet nur einen Bruchteil.

Aber es gibt ein großes Netz von Forschern in Universitäten und Unternehmen, das eine Agenda verfolgt, an deren Ende marktfähige Technologien für die Speicherung von Öko-Strom in Form von Wärme oder in chemischer Form – zum Beispiel in Wasserstoff – stehen soll. Erste Demonstrationsanlagen für die Umwandlung von Strom in synthetische Brennstoffe auf Kohlenstoffbasis sollen in fünf Jahren laufen.

Diese Anlagen werden niemals wirtschaftlich zu betreiben sein.

Sie haben kürzlich eine Wette darauf angeboten, dass Deutschland seine Atomkraftwerke nicht wie geplant bis 2022 abschalten wird. Stehen Sie noch dazu?

Ja, das halte ich immer noch für sehr unwahrscheinlich. Die Schweden haben auch schon zwei Mal einen Ausstiegsbeschluss gefasst und anschließend wieder verworfen.

Sie kritisieren die deutsche Energiewende ganz grundsätzlich und aus verschiedenen Gründen – zum Beispiel, weil sie keinen Beitrag zur Reduzierung der Erderwärmung leiste. Aber auch, weil der Staat sich mit seiner Förderung von Wind- und Sonnenenergie anmaße, zu wissen, was in Zukunft sein werde. Das sei ein zentralplanerischer Ansatz, und so etwas habe in der Vergangenheit nie funktioniert. Welche Alternativen zu dieser staatlichen Intervention sehen Sie denn?

Es gibt nur eine Möglichkeit, und das ist eine weltweite Vereinbarung im Sinne eines neuen Kyoto-Klimaschutzabkommens, bei dem alle Länder mitmachen. Derzeit ist es doch so, dass ein Minderverbrauch von Energie in Deutschland oder Europa dazu führt, dass die Brennstoffe anderswohin transportiert werden – das läuft ganz automatisch.

Die Russen haben einen Vertrag mit China über die Lieferung von Erdgas geschlossen. Wenn wir das Gas nicht nehmen, dann nimmt es jemand anderes. Eine wirksame Klimaschutzpolitik muss deshalb auf der Angebotsseite ansetzen – es müssen weniger Brennstoffe aus der Erde herausgeholt werden, nur dann werden auch weniger verbrannt.

Und wie soll das gehen?

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste wäre ein Nachfragekartell, das verhindert, dass Rohstoffanbieter auf andere Märkte ausweichen. Das wäre eine Art Super-Kyoto-Vereinbarung. Die zweite Möglichkeit wäre, weltweit die Besteuerung der Kapitaleinkommen vom Wohnsitz- auf das Quellenlandprinzip umzustellen.

Dadurch würde zum Beispiel der Anreiz für die Ölförderländer sinken, ihr Rohstoffvermögen in Finanzvermögen umzuwandeln und dadurch würde die Förderung sinken.

Aber schon das alte Kyoto-Abkommen hat ja nicht funktioniert …

Ich bin auch nicht sehr hoffnungsvoll, dass das klappt. Aber man kann deshalb doch nicht – wie Deutschland – etwas auf einzelstaatlicher Ebene tun, nur damit man irgendetwas etwa tut, obwohl es insgesamt nicht funktioniert.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@wsj.com

Advertisement

Popular on WSJ

Editors’ Picks