Ein unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagendes Gremium aus Vertretern von 15 großen Banken, Hedgefonds und Investmenthäusern hält den Schlüssel in der Hand, ob nach dem teilweisen Zahlungsausfall Griechenlands milliardenschwere Zahlungen aus Kreditausfallversicherungen fällig werden.

Am Donnerstagmorgen trifft sich die Gruppe, um darüber zu befinden, ob der bevorstehende Schuldenschnitt gegenüber den privaten Gläubigern ein Kreditereignis ist und damit versicherungsähnliche Verträge auslöst, die unter dem Namen Credit Default Swaps (CDS) bekannt sind.

Die Entscheidung wird Folgen haben, die deutlich über die engen Grenzen des griechischen Anleihemarktes hinausgehen. Nachhallen wird sie auf dem gesamten europäischen Anleihemarkt und bei den CDS-Inhabern auf Staatsanleihen in der ganzen Welt im Wert von 2,9 Billionen US-Dollar.

Nicht wenige Investoren beklagen allerdings, dass der Prozess der Entscheidungsfindung im Geheimen stattfinde und dass es massive Interessenskonflikte dabei gebe.

Bei dem Treffen der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) sind Beobachter nicht zugelassen, kein Protokoll der Sitzung wird veröffentlicht. Wenn die Entscheidung bekannt wird – wahrscheinlich noch vor Montag – muss das Gremium keine Begründung abgeben. Ein Einspruch gegen die Entscheidung ist nicht möglich.

Die Finanzunternehmen sind bekannt, die dem ISDA angehören: Zum Beispiel Goldman Sachs, Deutsche Bank und Morgan Stanley. Die Namen der Vertreter, die sie entsenden, dagegen nicht. Unbekannt ist auch, in welchem Maße einzelne Mitglieder selbst in griechischen Staatsanleihen investiert sind.

„Das größte Problem ist der Mangel an Transparenz", sagte James Rickards, leitender Manager bei der Investmentbank Tangent Capital in New York und ein Pionier im Markt für CDS auf Staatsanleihen.

Dem widerspricht Robert Pickel, der Chef der ISDA: „Es handelt sich um einen erprobten Prozess mit einigen Mechanismen der gegenseitigen Kontrolle, mit denen Interessenskonflikte ausgeschlossen werden", sagte er. Dieser Prozess sei von Regulierern geprüft, zum Beispiel von der Fed von New York.

Gilt Griechenland im Sinne der Kreditausfallversicherungen als Pleite? Es geht um 3,2 Milliarden Euro. dapd

Das Volumen griechischer CDS ist nicht sehr groß. Netto, so wird geschätzt, dürfte eine Summe von 3,2 Milliarden US-Dollar fällig sein, wenn sie ausgelöst werden. Ein Großteil der Banken hat sich nämlich mit griechischen CDS nicht nur selbst abgesichert, sondern derartige Versicherungen auch an andere verkauft. Wie aber schon häufig in der Krise könnte das kleine Griechenland am Ende im ganzen Markt für große Schockwellen sorgen.

Denn die spezifische Frage, die das ISDA-Komitee zu erörtern hat, könnte große Folgen nach sich ziehen.

Am Montag hat die Ratingagentur Standard & Poor's einen teilweisen Zahlungsausfall Griechenland festgestellt, weil das Land jetzt einen Umtausch der Anleihen einleitet, bei dem die Inhaber auf etwa 75 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Das griechische Parlament hat mit einem Gesetz dafür gesorgt, dass nicht tauschwillige Gläubiger zu einem solchen Schritt gezwungen werden können. Allein dies wäre nach den Bedingungen der CDS ein klares Kreditereignis, bei sie eintreten müssten, sagen Marktteilnehmer.

Tatsächlich aber muss die ISDA, der 815 Finanzunternehmen angehören, sich aber mit der Frage befassen, ob die CDS nicht schon deshalb ausgelöst werden müssen, weil die Europäische Zentralbank (EZB) bei der Schuldenrestrukturierung in Griechenland günstigere Bedingungen bekommt als die privaten Gläubiger. Die Antwort auf diese Frage könnte andere europäische Staatsanleihemärkte durchschütteln – etwa den von Portugal, wo die EZB ebenfalls in nicht unbeträchtlichem Maß engagiert ist.

Aus Sicht von Jim Huynh, der für die Firma Western Asset Management mit CDS handelt, wäre es „im Interesse jedes Anlegers" die Gründe für jedwede Entscheidung zu erfahren. Das geschieht jedoch äußerst selten. Eine Entscheidung zu begründen, so sagt ISDA-Chef Pickel, würde den Entscheidungsprozess verlangsamen. In den meisten Fällen lägen die Gründe für eine Entscheidung auch auf der Hand.

Kritische Fragen richten sich auch gegen die Objektivität der Entscheidung. So haben zum Beispiel drei Banken, die Mitglied des entscheidenden Ausschusses im Falle der griechischen CDS sind, nach Stand vom 30. September mehr Swaps verkauft als gekauft. Wären diese Positionen nach wie vor gültig, müssten sie mehr zahlen als sie zurückbekämen, wenn die ISDA entschiede, dass die CDS fällig werden.

Bei den Instituten handelt es sich um Barclays, Deutsche Bank und BNP Paribas. Keine der Banken wollte sich zu seiner aktuellen Positionierung bei griechischen CDS äußern. Auch US-Banken im Komitee sind bei griechischen CDS engagiert.

„Der Anreiz, ein Kreditereignis gezielt zu steuern, ist groß", sagte Bill Awad, Managing Director bei Vermögensverwalter Babson Capital.

Said Krishna Memani, der Chef für festverzinsliche Anlagen mit Investment Grade bei Oppenheimer Funds bringt es so auf den Punkt: "Idealerweise würde man gerne eine unabhängige Einrichtung haben, die derartige Entscheidungen trifft."

ISDA-Chef Pickel verweist auf die hohen Hürden bei der Entscheidungsfindung. Die nötige Mehrheit von 12 der 15 Mitglieder verhindere quasi automatisch, dass ein Mitglied sich mit seinen persönlichen Interessen durchsetze. Außerdem werde verlangt, dass die Ausschussmitglieder „sich an die Fakten halten."

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