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Apple Pay: Vorerst gefahrlos für Banken

Das kollektive Aufatmen der Payment-Szene und der Apple AAPL -0.59 % -Anhänger über die hochgejazzte Vorstellung des iPhone 6 wird vielleicht noch einige Tage anhalten. "Endlich!" hat mancher gejubelt, "Endlich steigt Apple in das Payment-Geschäft ein." Mit einer neuen Produktklasse, der Apple Watch, und dem iPhone 6 in zwei Versionen wagt Apple in den USA den Einstieg in das mobile Bezahlen mit der Formel:

NFC + Touch ID + Secure Element/Tokenization + Passbook = Apple Pay

Sensation ausgeblieben

Die ganz große Sensation, von der ohnehin kaum einer weiß, wie Apple sie praktikabel hätte realisieren können, ist ausgeblieben. Das Smartphone wird quasi zum Kreditkartencontainer: Statt von der Karte lesen die Terminals der Händler also transaktionsrelevante Informationen vom Smartphone. Stephan Ewald, Mitarbeiter bei der auf E-Payment spezialisierten Firma Payfactory nennt das eine für niedrigere Gebühren wichtige "Card present-Situation" am Point of Sale. Nach dem Bezahlvorgang an der Kasse des Händlers nehmen die Bytes den gleichen Weg wie bisher. Der nachgelagerte Abwicklungsprozess ist also wie bei jeder anderen Kreditkartenzahlung. Interessant ist übrigens, dass nicht alle im iTunes Store hinterlegten Zahlungsmethoden für Apple Pay verwendet werden können. Paypal wird ausgeschlossen.

Apple "dispruptet" nicht den Bezahlprozess, vielleicht aber das Bezahlen, wie Andre M. Bajorat, Geschäftsführer von Figo, vermutet. Tatsächlich hat Apple kaum eine andere Möglichkeit als den jetzt vorgesehenen Weg zu gehen, denn in der Welt des Bezahlens spielt die Musik im Hintergrund. Bis ein Bezahlvorgang beendet ist, passiert wesentlich mehr als das Leisten einer Unterschrift oder die Freigabe über ein Smartphone. Abgeschlossen ist die Zahlung erst, wenn das Geld dem Bankkonto des Kunden belastet und dem Konto des Händlers unwiderruflich gutgeschrieben worden ist.

Dazwischen müssen eine ganze Menge Unternehmen (insbesondere Issuer, Akquirer, Kartengesellschaften und Banken) und die passende Technik dafür sorgen, dass dies so passiert (mehr Details dazu hier und mit wem Apple dazu verhandeln musste in diesem Beitrag). Terminals müssen NFC können, und das beherrscht bisher nur ein Bruchteil der Geräte. Ewald wies außerdem darauf hin, dass weder Apple noch die Nutzer entscheiden, mit welchem Verfahren bezahlt wird, sondern die Geschäfte, die die alternativen Zahlungsmethoden akzeptieren und neue Terminals bezahlen müssen. In Deutschland dominieren darüber hinaus die Barzahlung und das Zahlen per Debitkarte, die von Apple nicht abgebildet wird.

Apple sucht seinen Platz

Apple drängt sich zusätzlich in die Wertschöpfungskette hinein und wird wohl zunächst keine besondere finanzielle Freude am Bezahlen haben. Nach Informationen des Wall Street Journals erhält der Konzern aber von den kartenausgebenden Finanzinstituten eine Gebühr pro Transaktion. Über die Höhe wurde nichts bekannt. Die derzeit am Zahlungsprozess Beteiligten haben aber keinen besonderen Anreiz, Apple viel vom Provisionskuchen abzugeben. Dabei hat das Unternehmen in den letzten Jahren viel Energie in das Thema gesteckt, wie die vielen Patente beweisen, die Apple mittlerweile beantragt hat. Anders wäre es, wenn das Unternehmen selbst eine Karte als Issuer (oder im Co-Branding mit einer Bank) anbieten würde.

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Dirk Elsner WSJ.de

Immerhin schaffen es die Designer aus Kalifornien wieder einmal, einen komplizierten Prozess zumindest für die Kunden ein Stück einfacher zu machen und ihn dabei auch noch schick aussehen zu lassen. Enttäuschend ist die Beschränkung zunächst auf die USA. Apple agiert mit seinem iPhone-System global, die meisten Bezahlverfahren gelten aber mit Ausnahme der Kreditkarteninfrastruktur bisher nur lokal und sind oft länderspezifisch reguliert. Daraus lernen wir: Selbst ein Konzern wie Apple kann dieses techno-bürokratische Bollwerk der lizenzierten Finanzindustrie (noch) nicht knacken. Darüber hinaus wirkt das komplexe Verfahren nicht besonders robust gegen Störungen, erfüllt aber immerhin hohe Sicherheitsansprüche.

Dennoch Durchbruch für mobiles Bezahlen?

Aber wer weiß, auch Amazon.com AMZN 1.29 % hat sich einst einfach nur zwischen Verlag und Kunden gezwängt. Wir wissen mittlerweile, wie das Versandunternehmen durch Ausdehnung seine Position verbessert hat. Ähnliches ist auch mit Apple Pay möglich. Einige seiner vielen Patente hat Apple bisher noch gar nicht für Pay eingesetzt. So fehlt etwa eine Funktion für Peer-to-Peer-Zahlungen, also direkte Zahlungen zwischen verschiedenen Pay-Nutzern.

Was bisher ein wenig ernüchternd klingen mag, könnte dennoch den Durchbruch beim mobilen Bezahlen in den USA vielleicht später in Europa bringen. Bisher hatte ich den Eindruck, dass es mehr Apps für das mobile Bezahlen gibt als Akzeptanzstellen - zumindest in Deutschland. Mobile Bezahlvorgänge außerhalb von Tests habe ich bisher exakt zwei beobachten können (in je einem Supermarkt in Florida und Hamburg). Dies wird sich ändern. Und andere Payment-Anbieter profitieren davon, wenn immer mehr Akzeptanzstellen mit der NFC-Technik ausgerüstet werden.

Banken verlieren nicht

Kaum erstaunlich ist, dass erneut ein Technologiekonzern ein Thema treibt, das eigentlich zur Kernkompetenz von Banken und Zahlungsdienstleister gehört. Längst hätte man mit einer eigenen App auf NFC- oder QR-Codes-Basis (so macht es Yapiptal) reagieren können. Stattdessen werkeln Banken und Sparkassen in geheimnisumwobenen Projekten an einer Alternative. Dabei haben die Banken zumindest in Europa die besten Voraussetzungen für eine eigene Paymentlösungen (siehe auch Paym in England), denn Banken haben den Zugang zum Konto und mit SEPA eine einheitliche Infrastruktur für die internationale Abwicklung.

Ulrich Dietz meint im IT-Finanzmagazin, der Zug für die Banken in Deutschland in Sachen Payment sei noch nicht ganz abgefahren. Aktuell sehe ich eher, dass die Banken mit einer Dampflok einen ICE hinterherhecheln. Noch können sich Banken und Zahlungsdienstleister zurücklehnen, weil sie mit Apples evolutionärer Lösung immer noch gebraucht werden. Freilich tritt ihre Marke bei Apple Pay weiter in den Hintergrund als beim Bezahlen mit Karte. Banken werden so zu Abwicklern, behalten aber den wichtigen Zugriff auf die Konten der Kunden. Apple "disruptet" nicht das Banking, wie das einige sich gern wünschen, sondern macht die fast perfekte Kollaboration zwischen der digitalen Welt und der regulierten Finanzindustrie vor. Dass es auch anders geht, zeigen die Entwicklungen in Asien und Afrika.

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Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

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