FRANKFURT—Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bestätigt, dass sie spanische Staatsanleihen in ihrem Vermögensbestand einer Risikoprüfung unterzieht. Wie eine Sprecherin der EZB am Sonntag mitteilte, untersuche die Notenbank gerade, ob sie spanische Staatsanleihen bei der Darlehensvergabe an Geschäftsbanken möglicherweise zu leichtfertig als Sicherheit akzeptiert hat.

Graffiti vor der Baustelle des neuen Europäischen Zentralbankgebäudes in Frankfurt. Die EZB prüft, ob sie möglicherweise eigene Kreditregeln nicht ausreichend befolgt hat. dapd

Zuvor hatte die Sonntagszeitung Welt am Sonntag Recherchen veröffentlicht, nach denen die EZB ihre eigenen Regeln für die Hinterlegung von Kreditsicherheiten nicht beachtet habe. Konkret geht es um spanische Staatsanleihen von rund 80 Milliarden Euro, mit denen Geschäftsbanken in der Vergangenheit ihre Darlehen besicherten. Je nach Qualität der Vermögenswerte gewährt die Notenbank Rabatte für den Gesamtwert, den eine Bank hinterlegen muss, wenn sie EZB-Geld in Anspruch nehmen möchte.

In dem Fall erhielten die spanischen Staatsanleihen die höchste Sicherheitsnote. Aber der Welt am Sonntag zufolge hätte die EZB vielen Papieren eine niedrigere Note geben müssen. Dann hätten die Banken für dieselbe Darlehenssumme mehr Sicherheiten hinterlegen müssen.

Sollte die EZB bei ihrer Prüfung feststellen, dass einige Anleihen tatsächlich riskanter wären, müssten die Banken im Gegenzug für die ausgehändigten Kredite im Gesamtwert von fast 17 Milliarden Euro zusätzliche Sicherheiten aufbringen. Für die Europäische Zentralbank könnte das Thema peinlich werden, wenn sie zugeben müsste, ihre eigenen Regeln nicht streng genug befolgt zu haben.

Um die europäische Schuldenkrise zu bekämpfen, hat die EZB ihre Ausgaben drastisch erhöht. Seit dem Kollaps der US-Bank Lehman Brothers haben sich ihre Bilanzen auf mehr als 3 Billionen Euro fast verdoppelt – vor allem, weil sie Banken verbilligte Darlehen gewährt hat. Allein zwischen Ende 2011 und Anfang 2012 gab sie 3-Jahres-Kredite im Wert von mehr als 1 Billion Euro aus.

In Spanien und anderen schuldengeplagten Ländern Südeuropas sind Geschäftsbanken stark abhängig von der Finanzierung über die EZB. Einige Analysten fürchten, dass die Notenbank mit ihren Finanzspritzen zu große Risiken eingegangen sein könnte und dass – sollten Banken oder Regierungen zahlungsunfähig werden – die EZB erhebliche Verluste davontragen könnte. Die Zentralbank selbst hat solche Bedenken bisher stets ausgeschlagen mit der Begründung, ihre Regeln zur Hinterlegung von Sicherheiten seien sehr streng.

—Mitarbeit: Brian Blackstone

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