Wie hier auf Staten Island türmen sich noch auf vielen Straßen New Yorks Unrat und Trümmer auf. Associated Press

NEW YORK – Zehntausende Menschen in New York und im benachbarten New Jersey haben durch den Supersturm Sandy ihr Dach über dem Kopf verloren. Doch der beginnende Winter bedroht nicht nur die Obdachlosen, sondern auch jene Hunderttausenden, die in ihren Wohnungen ohne Strom oder Heizung ausharren müssen.

Die Temperaturen in der Region sind derzeit deutlich niedriger als für die Jahreszeit üblich, es gibt bereits Nachtfrost, und der Nationale Wetterdienst hat für Mittwoch und Donnerstag einen weiteren Sturm vorausgesagt. Der könnte erneut heftige Böen, starke Niederschläge und Überflutungen in Küstengebieten mit sich bringen.

Anwohner des Stadtteils Staten Island halten sich an einem Lagerfeuer warm. Reuters

110 Todesopfer forderte Sandy nach Stand vom Sonntag in den USA. Und während sich die Lage an Tankstellen und im öffentlichen Nahverkehr normalisiert, stellen die vielen Obdachlosen die Behörden vor große Probleme. In der dicht besiedelten Region gibt es kaum leerstehenden Wohnraum. Noch gibt es keine offiziellen Zahlen, wie viele Menschen wie lange eine neue Unterkunft benötigen.

„Wir gehören hier nicht hin", sagt die 53-jährige Susan Clingen unter Tränen. Sie und ihr Mann leben derzeit in einer Notunterkunft, weil ihr Haus im New Yorker Stadtteil Queens zerstört wurde. „Wir haben nichts. Wo sollen wir hin?"

Das Rote Kreuz reagiere zu langsam, kritisierten einige. Ein Sprecher der Hilfsorganisation zeigte Verständnis für den Ärger. Die Verzögerung liege aber an den „problematischen Bedingungen im Katastrophengebiet, die verhindert haben, dass die Hilfe so schnell wie gewünscht ankommt."

Wie Sandy die amerikanische Ostküste heimsuchte

Mehr als 182.000 Einwohner der Bundesstaaten New York, New Jersey und Connecticut haben bis zum Sonntag Hilfe beim nationalen Katastrophenschutz Fema beantragt, erklärte ein Sprecher. Die Regierung hat 158 Millionen Dollar Soforthilfe bereitgestellt.

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg sagte am Sonntag, in der Stadt seien 30.000 bis 40.000 Menschen durch den Sturm obdachlos geworden. Die Hälfte davon sind Bewohner von Sozialwohnungen, in denen Heizung und Strom ausgefallen sind. Sie werden wohl eher in ihre Wohnungen zurückkehren können als Eigentümer von Privathäusern. Aber Bloomberg rechnet damit, dass in zwei Wochen immer noch 20.000 Menschen obdachlos sein werden. Im Bundesstaat New Jersey leben 5.000 Menschen in Notunterkünften. Viele weitere haben Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten gefunden.

„Es wird ein massives Wohnraumproblem geben", sagte Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaats New York. „Man braucht eine ganze Reihe von Optionen für unterschiedliche Situationen – kurzfristig und langfristig. Wir werden es schaffen, aber es wird eine wirkliche Herausforderung."

Auf der Halbinsel Rockaway im Stadtteil Queens mussten 130.000 Menschen die Nacht zum Montag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ohne Strom verbringen. Nach Angaben des Energieversorgers dauert es noch mindestens drei Tage, bis die Haushalte wieder versorgt werden. Hilfsorganisationen haben fünf Stützpunkte in dem Bereich eingerichtet. Dort werden Lebensmittel, Wasser, Decken und Taschenlampen verteilt. Einige Bewohner entschlossen sich trotzdem, ihre Wohnungen zu verlassen, darunter auch Daniel und Laura Flores : „Es ist einfach zu kalt", sagt Daniel Flores. „Die ersten Tage nach dem Sturm waren nicht so schlimm, aber die vergangene Nacht war furchtbar. Unser Gebäude besteht aus Beton und hält die Kälte fest. Es war bitterkalt, das ging bis auf die Knochen."

Die Nachricht, dass wieder Benzin verfügbar war, ließ an manchen Ausgabestellen kilometerlange Schlangen entstehen. Gouverneur Cuomo rechnet auch noch in den kommenden Tagen mit einer unregelmäßigen Versorgung. Sandy hat das System durcheinandergebracht. Der Hafen der Stadt musste schließen, die Verladestationen und Pipelines wurden beschädigt. Mittlerweile ist der Hafen aber wieder offen.

Zum Wochenstart soll es auch weiteres Chaos im Nahverkehr geben. Die Pendlerzüge fahren nur nach Notfallfahrplänen. In den U-Bahn-Tunneln von New York wurde zwar am Sonntag weiter Wasser abgepumpt und die Stromversorgung getestet. Aber weil Gleise unterspült und Signalanlagen beschädigt sind, wird nur eingeschränkter Betrieb möglich sein. An einem normalen Werktag nutzen 5,5 Millionen Passagiere das System.

—Mitarbeit: Laura Nahmias, Alison Fox, Josh Dawsey, Christopher Weaver und Ted Mann

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