Ein Amerikaner nutzt die Möglichkeit zur Vorab-Wahl. Die US-Präsidentschaftssahl dürfte ein knappes Rennen zwischen Amtsinhaber Barack Obama und seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney werden. Agence France-Presse/Getty Images

Mitt Romney hat den Optimismus nicht verloren, auch wenn ihn eine Reihe von Umfragen zuletzt bestenfalls gleichauf, tendenziell jedoch leicht hinter US-Präsident Barack Obama sah – sowohl auf nationaler Ebene als auch in den entscheidenden Bundesstaaten.

Einer der Gründe für Romneys Zuversicht: Er genießt starke Unterstützung bei den unabhängigen Wählern – einem Lager, das nach Meinung seiner Wahlkämpfer am Dienstag den Ausschlag geben könnte.

Bei den parteiunabhängigen Wählern liegt der republikanische Präsidentschaftskandidat laut der aktuellsten Umfrage von Wall Street Journal und NBC mit 47 zu 40 Prozent vorne. In der Untersuchung machten die Unabhängigen etwa 14 Prozent derjenigen aus, die am Dienstag wahrscheinlich zur Wahl gehen werden.

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Bill McInturff, ein repulikanischer Meinungsforscher, der die Umfrage gemeinsam mit dem Demokraten Peter Hart durchgeführt hat, sieht die Zahlen als Warnsignal für Präsident Barack Obama. „Wer bei den unabhängigen Wählern so weit zurückliegt, steht vor ernsthaften Schwierigkeiten", sagte er.

Obamas relativ schwache Position bei den politisch Neutralen bedeutet, dass er auf eine breite Unterstützung aus dem demokratischen Lager angewiesen sein wird, um den Nachteil wettzumachen. Je mehr registrierte Wähler aus dem Umfeld der Demokraten zur Wahl gehen und für Obama stimmen desto geringer falle der Rückstand bei den Unabhängigen ins Gewicht", schätzt Hart.

In Ohio ist das Rennen knapper

Allerdings gibt es Anzeichen, dass Obama auf den letzten Metern auch im Lager der nicht parteigebundenen Wähler Boden gut macht. In Umfragen von Ende September oder Anfang Oktober hatte der Amtsinhaber hier lediglich 37 Prozent Unterstützung erhalten. Mitt Romneys Anteil dagegen lag auch damals bereits bei 47 Prozent.

Wichtiger dürfte womöglich auch die Frage sein, wie die beiden Kontrahenten bei den parteiunabhängigen Wählern in den entscheidenden Swing-States wie Ohio und Virginia abschneiden. Auch hier liegt Romney vorne, allerdings ist sein Vorsprung geringer. In der jüngsten Umfrage von Wall Street Journal, NBC News und Marist kam der Republikaner in Virginia auf 48 Prozent, während sich 43 Prozent der Unabhängigen für Obama aussprachen. In Ohio lautete das Ergebnis 48 zu 44 Prozent.

Swing States - Wo die Wahl entschieden wird

Associated Press

Die Republikaner schöpfen hieraus Mut: "Jeder Meinungsforscher wird Ihnen sagen, dass derjenige, der bei den Unabhängigen in Ohio die Nase vorne hat, auch den gesamten Bundestaat für sich gewinnt", sagte Richard Beeson, politischer Direktor in Romneys Wahlkampfteam.

Obama-Sprecher Ben LaBolt zweifelt dagegen die Darstellung an, wonach Romney mehr unabhängige Wähler in den umkämpften Staaten für sich gewinnen kann. Obama liege in einigen dieser Staaten in Führung, etwa in Iowa, merkt er an. Dort kommt der Präsident nach der jüngsten Umfrage von Wall Street Journal/NBC News/Marist auf 47 Prozent der unabhängigen Wähler, Romney dagegen nur auf 39 Prozent.

In weiteren umkämpften Staaten wie Nevada sei die Unterstützung für Obama durch Demokraten derart stark, dass er ein Defizit bei den unabhängigen Wählern ausgleichen könne.

2008 lag Obama bei den Unabhängigen weit vorne

„Entscheidend ist, dass wir in den Schlüsselstaaten im Aufwind sind und damit auf besten Weg, die nötigen 270 Wahlmänner zu gewinnen", sagt Bolt. 270 Stimmen braucht ein Kandidat, um ins Weiße Haus einzuziehen.

Allerdings lässt sich nicht bestreiten, dass es bei den unabhängigen Wählern für Obama nicht so gut läuft wie noch 2008. Seinerzeit ergab die Wahltagsbefragung der Meinungsforscher, die sogenannte Exit Poll, dass Obama seinen damaligen Widersacher John McCain bei den parteiungebundenen Wählern mit 52 Prozent gegen 44 Prozent klar bezwungen hatte. Vier Jahre zuvor konnte George W. Bush dagegen die Wahl für sich entscheiden, obwohl er bei den unabhängigen Wählern mit 48 zu 49 Prozent gegenüber seinem demokratischen Herausforderer John F. Kerry um einen Prozentpunkt hinten lag.

Interaktiv: Die Kandidaten im Vergleich

Die parteilich nicht gebundenen Wähler sind vor allem deshalb ein politisch wertvolles Gut bei Wahlen, weil ihr Anteil an der Wählerschaft insgesamt kontinuierlich steigt. Das zeigt sich zwar nicht unbedingt in Meinungsumfragen: Wähler, die sich hinter einen Kandidaten stellen, identifizieren sich nämlich meistens auch mit dessen Partei.

Die Wählerregistrierung zeigt aber sehr deutlich: Immer mehr Menschen wollen sich nicht mehr auf die eine oder andere Partei festlegen lassen. Etliche wollen sich nicht mehr in eine politische Schublade stecken lassen, auch wenn sie konstant immer die gleiche Partei wählen. „Ich werde nicht dauernd auf dem gleichen Parteiticket wählen", sagte etwa Leiza Hall, eine Beraterin der Regierung von North Carolina. Doch dann räumt sie ein, dass sie konservativ eingestellt sei und deshalb auch diesmal für Romney stimmen wird.

Die Gruppe der neutralen Wähler wächst stetig

Andere sind deshalb unabhängig, weil ihre ideologischen Ansichten komplex sind. Katherine Chandler aus Greensboro in North Carolina bezeichnet sich zwar nicht als Anhängerin einer liberalen Regierung, unterstützt Obama aber trotzdem. Schließlich „sei ihm eine Menge Mist übergeben worden, den man in vier Jahren nicht lösen kann". Außerdem zeige „Obama mehr Unterstützung für die Mittelklasse als Mitt Romney".

Eine Analyse von Third Way, einer Gruppe von Demokraten, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, zeigt klar, wie wichtig die unabhängigen Wähler für Obama sind. In acht Swing States ist ihre Zahl bei den Registrierungen seit 2008 um 14,4 Prozent gestiegen. Die Zahl derer, die sich als Demokraten registrieren ließen, fiel dort um 2,5 Prozent, während Republikaner ein Plus von 1,3 Prozent verbuchten.

Einige derer, die sich als unabhängig bezeichnen, wollen keinen der beiden großen Kontrahenten wählen, sondern den libertären Präsidentschaftskandidaten Gary Johnson. „Ich glaube nicht, dass es zwischen Romney und Obama große Unterschiede gibt", sagt der 35-jährige John Engelberger aus Leesburg in Virginia. „Beide werden sich am Ende der Wall Street beugen."

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