Boomregion Bosporus: Der Türkei wurde von der Ratingagentur Fitch Investmentstatus bescheinigt. Reuters

Der Monat November hat der Türkei eine verfrühte Bescherung gebracht: Die Ratingagentur Fitch hat am Montag die Staatsanleihen des Landes zum ersten Mal in die Investmentklasse aufgenommen. Das löste einen Renditerutsch bei den zweijährigen Papieren um 0,25 Prozentpunkte aus, die Börse in Istanbul gewann 1,8 Prozent. Die Euphorie könnte jedoch nur von kurzer Dauer sein – denn die Anleger sind den Ratingagenturen schon längst voraus. Sie haben mehr Vertrauen in die Türkei als in viele andere europäische Länder.

Der Schritt von Fitch wird von guten Haushaltsdaten gestützt. Bis Ende des Jahres soll die Staatsverschuldung gemessen an der Wirtschaftleistung auf 37 Prozent fallen, schätzt die Agentur. In der Eurozone lag der Schnitt im vergangenen Jahr bei 87 Prozent. Die durchschnittliche Laufzeit der Staatsanleihen hat sich seit 2009 um ein Jahr auf 4,5 Jahre verlängert. Seit der Abwertung der Landeswährung Lira um 40 Prozent im Jahr 2001 ist die Wirtschaft vergleichsweise stabil, auch wenn sie 2009 um 4,8 Prozent schrumpfte. Die Hochstufung durch Fitch könnte weitere positive Effekte nach sich ziehen. Schon jetzt kosten Kreditausfallversicherungen für fünfjährige Anleihen der Türkei am Markt weitaus weniger als für Italien und Spanien.

Trotzdem bleiben Risiken, darunter die galoppierende Inflation von 7,8 Prozent. Das Handelsbilanzdefizit bleibt hoch, auch wenn es von 10 Prozent der Wirtschaftsleistung 2010 in diesem Jahr auf 7,3 Prozent sinken soll. Die Banken sind wegen der niedrigen Sparquote auf externe Finanzierung angewiesen. In den vergangenen drei Jahren haben sich die externen Schulden der Institute nach Zahlen von Capital Economics auf etwa 55 Milliarden Euro verdoppelt. Eine plötzliche Kapitalflucht, etwa bei einer Eskalation der Eurokrise, könnte bei den türkischen Banken für Geldknappheit sorgen und so das Wachstum schwer beschädigen.

Aber trotz der Lehman-Krise und des Schuldenabbaus der großen internationalen Banken ist weiter Kapital in die Türkei geflossen. Die Finanzindustrie erscheint gesund, die Kapitalausstattung liegt bei 16,3 Prozent. Mit vernünftigen Wachstumsaussichten und einer niedrigen Staatsverschuldung ist das Land eindeutig attraktiv, besonders während die Industrieländer mit niedrigem Wachstum und niedrigen Zinsen kämpfen. Es ist also gut möglich, dass sich die Türkei in der Investmentklasse vom Wackelkandidaten zum Musterschüler vorarbeitet.

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