DOW JONES, A NEWS CORP COMPANY
Sections
  • Today's Paper
  • SHOW ALL SECTIONS HIDE ALL SECTIONS
    HIDE ALL SECTIONS
Aim higher, reach further.
Get the Wall Street Journal $12 for 12 weeks. Subscribe Now

Der große chinesische Exodus

Besucher auf dem Platz des Himmlischen Friedens kämpfen im vergangenen November mit der Luftverschmutzung in Peking. ENLARGE
Besucher auf dem Platz des Himmlischen Friedens kämpfen im vergangenen November mit der Luftverschmutzung in Peking. Agence France-Presse/Getty Images

Selbst wenn Chinas Herrscher alles taten, um das Volk im Land zu halten –Chinesen gingen schon immer ins Ausland auf der Suche nach Wissen, Geld und Abenteuer.

Die mandschurischen Qing-Kaiser dachten, wer fortginge, könne nur ein Krimineller oder ein Verräter sein. Deshalb zwangen sie sämtliche Küstenbewohner in Südchina, mindestens 15 Kilometer landeinwärts zu siedeln. Aber selbst das konnte die Wanderlust nicht stoppen. Segel-Dschunken brachten Kaufleute mit den Monsunwinden nach Manila, wo diese Seide und Porzellan gegen Silber tauschten. Und im 19. Jahrhundert brachten Dampfschiffe ganze Armeen von „Kulis" (so wurden diese Tagelöhner damals genannt) zu den Bergwerken und Plantagen der europäischen Großmächte.

Heute sind die Grenzen Chinas weit offen. Fast jeder, der einen Reisepass will, bekommt auch einen. Und chinesische Staatsbürger verlassen das Land in Scharen: Im vergangenen Jahr allein überquerten mehr als 100 Millionen die Grenzen ins Ausland.

Immer mehr Reiche verlassen das Land

Die meisten von ihnen sind Touristen und kehren auch wieder heim. Aber zunehmend sind es auch Universitätsstudenten und Reiche, die dem Land den Rücken kehren – oftmals für immer. Eine Umfrage des Schanghaier Forschungsinstituts Hurun Report zeigt, dass 64 Prozent der reichen Chinesen – das sind jene mit einem Vermögen von mindestens 1,6 Millionen US-Dollar – entweder bereits ausgewandert sind oder es noch vorhaben.

Natürlich ist es kein neues Phänomen, dass Chinas hellste Köpfe zum Studieren und Arbeiten fortziehen. Schon die chinesische Revolution wurde von Intellektuellen geführt, die in Europa studiert hatten. Neu aber ist, dass die Talente ihr Land mitten im Aufschwung verlassen. Immer mehr gut ausgebildete Chinesen schauen auf die aufsteigende Kurve der kommenden Supermacht und entscheiden trotzdem, dass sie es woanders besser haben werden.

Dafür gibt es unterschiedliche Beweggründe. Die Elite entdeckt, dass sie sich an Orten wie Kalifornien oder der australischen Goldküste einen recht komfortablen Lebensstil zu erstaunlich niedrigen Kosten leisten kann. Auf der anderen Seite kann kein Geld der Welt sie vor den immensen Problemen in den chinesischen Städten schützen: Luftverschmutzung, Lebensmittelsicherheit oder das kaputte Bildungssystem. Die neue politische Ära unter Präsident Xi Jinping weckt viele Hoffnungen, schürt aber auch viele Ängste.

A recent report showed that 64% of China's rich are either migrating overseas or have plans to leave the country. Political scientist James To, who has written a book on the subject, tells the WSJ's Deborah Kan how the Chinese government is using propaganda campaigns abroad to ensure loyalty from overseas Chinese.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt dieser massiven Abwanderungswelle, der erst wenig beachtet wurde. Wer wegzieht, den begleiten unabhängig von seinem Ziel und seinem Motiv die Organe des leninistischen Staates, den er hinter sich lässt. Eine weit verbreitete Bürokratie – das Büro für ausländische Angelegenheiten beim Staatsrat – stellt sicher, dass der Patriotismus der Wegzügler trotz ihrer Entfernung zur Heimat stark bleibt. Ziel der Behörde ist es, die anhaltende Loyalität zur kommunistischen Partei sicherzustellen.

Das führt oftmals zu einer seltsamen Dynamik zwischen den ankommenden Chinesen und den Gesellschaften, die sie aufnehmen. Während die Neuankömmlinge versuchen sich anzupassen, unternimmt Peking jede Anstrengung, um sie für die eigenen Zwecke einzuspannen: um Chinas politische Werte zu verbreiten, sein weltweites Image zu verbessern, seine Gegner zu schikanieren und das Mandarin-Chinesisch zu fördern im Gegensatz zu den in Taiwan oder in Hongkong gesprochenen Dialekten.

Politik aber hat Frau Sun, eine 34-jährige Chinesin aus Peking, wirklich nicht im Kopf, als sie ihre Ausreise plant. (Sie bat um Anonymität, um ihre Pläne nicht zu gefährden.) Der wichtigste Grund, warum sie weg will: Ihre sechsjährige Tochter hat Asthma, und die chronische Luftverschmutzung in der Hauptstadt reizt die Lungen des Mädchens. „Frei zu atmen, ist ein Grunderfordernis", sagt sie. Zudem habe ihre Tochter ein musisches, künstlerisches und erzählerisches Talent. Frau Sun fürchtet, dass die testversessenen chinesischen Schulen diese Talente nicht fördern werden.

„Wer reich wird, wird verhaftet."

Kürzlich flog Frau Sun nach San Francisco, um nach einer Schule für ihre Tochter Ausschau zu halten, um sich nach Wohnungen umzusehen und den Papierkram für eine dauerhafte US-Aufenthaltserlaubnis zu erledigen. Für immer wolle sie China nicht verlassen, betont Frau Sung. Aber das sagen viele, die ausreisen und für die ein ausländischer Reisepass wie eine Versicherung ist, die sie einsetzen können, wenn es in China doch noch richtig schief gehen sollte. „Ich gebe meiner Familie nur eine weitere Option", sagt Frau Sung.

Ein Hochschulprofessor, der anonym bleiben will – „Nennen Sie mich einfach einen Intellektuellen", sagt er – hat eine düstere Sicht auf Chinas Zukunft. Auch er bereitet sich gerade auf die Ausreise in die USA vor, wo bereits seine zwei Kinder leben, die beide ein weiterführendes Studium an amerikanischen Unis absolviert haben.

Studieren in Amerika wird bei wohlhabenden Chinesen immer beliebter; hier ein Stand auf einer Bildungsmesse in Peking, der für ein College in Kanada wirbt. ENLARGE
Studieren in Amerika wird bei wohlhabenden Chinesen immer beliebter; hier ein Stand auf einer Bildungsmesse in Peking, der für ein College in Kanada wirbt. Getty Images

Wie viele andere chinesische Akademiker hat der Professor noch ein oder zwei Geschäfte nebenbei laufen, obwohl er mit seinem unrasierten Gesicht und seinen zerknitterten Hosen, die Zentimeter über seinen offenen Sandalen enden, bei weitem nicht wie ein Geschäftsmann aussieht. In China, verkündet er, gelte die Regel: „Wer reich wird, wird verhaftet."

Das ist natürlich übertrieben, aber es gibt eine Reihe von Fällen, in denen Unternehmer, die auf den Listen der reichsten Chinesen auftauchen, im Gefängnis gelandet sind.

Die wirkliche Sorge des Professors ist aber, dass er gezwungen sein könnte, von seinen Prinzipien abzurücken, um voran zu kommen (er sagt nicht Bestechung, aber das meinte er). „Ich bin gezwungen worden, mich selbst zu prostituieren", sagt er, und nun befürchtet er, dass ihm alles weggenommen werden könnte. Das schwache und korrupte Justizsystem in China ist für manche Geschäftsleute von Vorteil. Es bietet ihnen Abkürzungen auf dem Weg an die Spitze. Aber wenn sie erst einmal oben angekommen sind, gerät ihnen dieses System fast immer zur Bürde.

Geschäftsleute der ersten Generation – jene, die Chinas wirtschaftlichen Aufstieg angetrieben haben – träumen jetzt von einem sicheren Ruhestand. Oft suchen sie juristisch sichere Orte wie die USA oder Kanada.

Der Professor ist auch ein Anhänger von amerikanischer Technologie. Eine seiner Firmen verkauft Umwelttechnologie, und der Professor hofft, dass er in Amerika Wege finden kann, um seine Produkte zu verbessern und neue zu entwickeln. Er hofft auch, dass er diese Produkte dann in China weiterverkaufen kann, dem für ihn größten Markt. Er hält sein iPhone in die Luft. „Wie viele Hemden müssen wir Chinesen exportieren, um eines dieser Smartphones kaufen zu können?", fragt er. China, so urteilt er, ist noch immer „ein sehr rückständiges Land".

Auch früher schon Ausreisewellen aus Taiwan und Hongkong

Die aktuelle Flucht der Reichen erinnert an eine ähnliche Ausreisewelle aus Hongkong im Jahr 1997, das damals aus der Hand der britischen Kolonialherren an China überging. Sie erinnert auch an die Fortzüge aus Taiwan zu einer Zeit, als dessen Zukunft gefährdet schien. Damals parkten Geschäftsleute ihre Familien an Orten wie Vancouver und Seattle und flogen selbst für die Arbeit immer wieder nach Asien und zurück.

Das ist auch heute eine beliebte Strategie in China, das sich in einer unsicheren Übergangsphase befindet. Die Wirtschaft kocht nicht mehr heiß, die Immobilienpreise fallen. Xi hält inzwischen mehr Macht in seinen Händen als jeder andere chinesische Führer seit Deng Xiaoping. Xi nutzt diese Macht, um korrupte Parteimitglieder zu schassen, während er gleichzeitig Menschenrechtsanwälte, Blogger und gesellschaftliche Aktivisten verfolgt. So wird China all jene los, die der Regierung nicht passen. Aber es verschreckt damit auch die Kreativen, die das Land braucht.

Im vergangenen Jahr vergaben die USA 6.895 sogenannte EB-5-Visa an Chinesen die Ausländern ein Leben in Amerika ermöglicht, wenn sie im Gegenzug mindestens 500.000 Dollar im Land investieren. Südkoreaner, die nächstgrößere Empfängergruppe, bekamen nur 364 derartige Visa. Kanada beendete dieses Jahr ein ähnliches Programm, das von der chinesischen Nachfrage regelrecht überrollt worden war.

Ein Teil der Vermögen, die derzeit aus China herausströmen, stammen zweifellos aus illegalen Quellen. Die chinesische Zentralbank schätzt, dass korrupte Beamte seit Mitte der 1990er-Jahre bis zu 123 Milliarden Dollar eingesteckt haben könnten.

Eine chinesische Touristin posiert im vergangenen Juni vor dem Opernhaus im australischen Sydney. ENLARGE
Eine chinesische Touristin posiert im vergangenen Juni vor dem Opernhaus im australischen Sydney. Reuters

In seinem Buch „Restless Empire: China and the World Since 1750" schreibt der Historiker Odd Arne Westad, dass die Chinesen im Ausland „der Leim sind und waren, der China mit der Außenwelt verbindet, in guten wie in schlechten Zeiten".

Das erklärt, warum Peking solch ein intensives, fast seelsorgerisches Interesse an den Chinesen in der Diaspora hat. Dieser Kreis besteht aus inzwischen wohl etwa 48 Millionen Menschen, und damit ist die Gruppe der Auslandschinesen knapp doppelt so groß wie die der Inder im Ausland. Und wo immer sie auftauchen, neigen Chinesen dazu, an die Spitze aufzusteigen – sei es im Silicon Valley oder in den High-Tech Korridoren in Südostasien.

Dabei macht Peking einen großen Unterschied zwischen ethnischen Chinesen, die inzwischen eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen, und solchen, die noch immer chinesische Staatsbürger sind. Letztere werden offiziell ‚huaqiao' genannt –Gäste. Beide zusammen gelten als immens wichtige Ressource. Da sind die Studenten, die als Botschafter des Landes betrachtet werden. Und da sind Wissenschaftler, Ingenieure und Forscher, die Technologie und industrielles Know-how aus dem Westen zur wirtschaftlichen Modernisierung nach China schleusen.

Propaganda soll die Landsleute beider Stange halten

1989, als das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens den Weggang vieler traumatisierter Studenten auslöste und das Image der Partei unter den im Ausland lebenden Chinesen erschütterte, startete das Büro für Auslandsangelegenheiten eine große Propagandaaktion, um den Schaden zu reparieren.

Es war außerordentlich erfolgreich.

Der Politikwissenschaftler James Jiann Hua To, Autor des Buches „Qiaowu: Extra-Territorial Policies for the Overseas Chinese", sagt, die Kampagne „veränderte die Sichtweise der meisten Auslandschinesen auf ihr Land".

Und diese Kampagne setzt sich auch heute noch fort. Sie ist subtil. Über ausländische chinesische Zeitungen, Internetseiten (digitale „New Chinatowns", wie es in der Propaganda-Sprache heißt), Schulen, Jugendgruppen und kirchliche Organisationen dringt ihre Botschaft in die Köpfe und Herzen der Auslandschinesen ein.

Die Ergebnisse kann man in „patriotischen" Straßenaktivitäten sehen. 2008 etwa bewachten gut organisierte chinesische Studenten vor den Sommerspielen in Peking die olympische Fackel auf ihrem Weg durch die Welt, während dieser Lauf laute Proteste von Verfechtern eines unabhängigen Tibets und anderen Oppositionellen auslöste. Im Jahr darauf störten chinesische Studenten das Filmfestival in Melbourne, als auf der Leinwand ein Film über den verbannten Uighuren-Führer Rebiya Kadeer lief, den Peking der separatistischen Agitation in seiner Heimatprovinz Xinjiang beschuldigt. Ähnliche Proteste begleiten stets die weltweiten Auftritte des Dalai Lama, dem ins Exil verbannten geistigen Führer der Tibeter, dem Peking ebenfalls „separatistische" Aktivitäten vorwirft.

Ausländer haben oftmals Schwierigkeiten zu verstehen, warum Peking einen derart großen Aufwand betreibt, um Bedrohungen – ob real oder eingebildet – aus dem Ausland abzuwehren. Dazu gehört auch die verbotene Falun-Gong-Bewegung. Aber Chinas Führer quält der Blick auf die Vergangenheit. Das Schicksal des modernen China wurde in außerordentlich hohem Maße von Chinesen bestimmt, die das Land verließen. Es waren Chinesen, die nach Südostasien gegangen waren, welche im Jahr 1911 den entscheidenden Rückhalt für die Revolution Sun Yat-sens lieferten, die die Qing-Dynastie stürzte.

"Peking belehrt, beobachtet, organisiert und kontrolliert wie nie zuvor"

Aber die Dynamik wirkt auch in die andere Richtung. Als Deng Xiaoping Anfang der 1980er Jahre Geld und Expertise brauchte, um die unternehmerischen Energien Chinas freizusetzen, wendete er sich zuerst an die superreichen chinesischen Magnaten in Hongkong, Thailand und Malaysia, deren Fabriken in seinen Sonderwirtschaftszonen standen.

Solche grenzübergreifenden politischen Aktivitäten schüren aber auch Unbehagen. Zum Beispiel in Australien, einem der beliebtesten Ziele chinesischer Studenten, Emigranten und Touristen, wo Mandarin inzwischen die zweithäufigste Sprache nach Englisch ist.

„Chinesische Australier werden auf Weisung Pekings belehrt, beobachtet, organisiert und kontrolliert wie nie zuvor", schrieb John Fitzgerald, einer der führenden China-Experten des Landes von der Swinburne University of Technology, in einem vom Asan Forum, einem südkoreanischen Forschungsinstitut, veröffentlichten Artikel.

In den USA ist unter Akademikern eine lebhafte Debatte über die Rolle der Konfuzius-Institute auf amerikanischen Campussen ausgebrochen. Diese Einrichtungen werden von der chinesischen Regierung finanziert und bieten Mandarin-Sprachkurse an sowie rosige kulturelle Ansichten über China. Kritiker sagen, diese Institute bedrohten die akademische Unabhängigkeit; Unterstützer verweisen auf die guten Sprachlehrgänge, die es sonst nicht gäbe. Im Juni nahm der amerikanische Verband der Universitätsprofessoren zu der Debatte Stellung und empfahl, Universitäten sollten „ihre Beteiligung [an den Instituten] beenden", sofern sie über diese Einrichtungen keine „unilaterale Kontrolle" bekämen.

China muss sehr aufpassen, bei seinen politischen Aktivitäten im Ausland nicht zu viele Fingerabdrücke zu hinterlassen. Zum einen verfolgt das Land offiziell eine Politik der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder. Zum anderen gefährdet es die etablierten chinesischen Gemeinden im Ausland, indem es ihre nationale Loyalität in Frage stellt. Das gilt vor allem für Südostasien, wo die Chinesen früher oft unter dem Verdacht standen, eine subversiv agierende Fünfte Kolonne des kommunistischen Systems zu sein.

Chinesen tragen viel Geld in die Welt

Aber die schiere Masse an Chinesen, die heutzutage ins Ausland reisen, und die wirtschaftlichen Auswirken bringen neue Dynamik. Im weltweiten Markt für Nobel-Immobilien sind die Käufe von Chinesen inzwischen ein wichtiger Preistreiber. Laut dem US-Maklerverband haben chinesische Käufer in dem bis März laufenden Jahr dort Immobilien im Wert von 22 Milliarden Dollar erworben.

In Australien gab es eine parlamentarische Untersuchung, ob einheimische Hauskäufer von chinesischem Geld aus dem Markt gedrängt werden (Das Ergebnis: noch nicht).

Ohne die Studiengebühren chinesischer Studenten könnten viele Universitäten in der westlichen Welt nach der Rezession nicht überleben. Chinesische Studenten sind mit weitem Abstand die größte ausländische Studentengruppe an amerikanischen Colleges. Ihre Zahl stieg im vergangenen Jahr um gut ein Fünftel auf rund 235.600, so das Institute of International Education. In Australien geht es ebenso steil nach oben. In England gibt es inzwischen in den Vollzeit-Master-Studiengängen fast genauso viele chinesische Studenten wie solche aus Großbritannien.

Auch der Tourismus boomt wieder dank China. Die Chinesen haben jetzt die Amerikaner abgelöst und sind nun diejenigen, die auf Reisen das meiste Geld ausgeben – und die Ansprüche steigen schnell. Mei Zhang, der Gründer des Pekinger Luxus-Reisebüros WildChina, bietet Familienurlaube nach Kenia, Patagonien und Alaska für 10.000 Dollar pro Kopf an. Chinesen sind heute die drittgrößte Besuchergruppe in der Antarktis, wo Touristen mit Zodiac-Schlauchbooten über die Eisschollen fahren, um Pinguine zu beobachten.

Auch die internationale Hotelbranche passt ihre Dienstleistungen immer stärker chinesischen Geschmäckern an. Was man heutzutage extra anbieten muss sind zum Beispiel Teekannen und Zahnbürsten. Russell Brice, der Gründer der Expeditionsfirma Himalayan Experience, sagte, dass er für seine chinesischen Kunden neben der Kletterausrüstung auch Enten- und Hühnerfüße – chinesische Delikatessen – einpacke. „Solch ein paar kleine Dinge machen es besonders", sagt er.

Und die Reiselust hat gerade erst begonnen. Das Hongkonger Handelshaus CLSA prognostiziert, dass sich die Abflüge ab China bis 2020 auf 200 Millionen verdoppeln werden.

Bald auch mehr chinesische Schüler im Ausland

Bei der Bildung wird die nächste große Welle aus China aus älteren Schülern bestehen. Reiche Eltern wollen ihre Kinder aus einem Bildungssystem herausholen, das die Schüler auf schwierige Zulassungstests für das College vorbereitet, aber die kreative Seite außen vor lässt. Außerdem neigen die Studenten dazu, wenn sie die Tretmühle überstanden haben, am College wieder zurückzufallen.

Xie Li, Managerin in einer Pekinger Telekomfirma, sagt, sie habe versucht, ihren 16-jährigen Sohn zum Besuch einer High School im Ausland zu überreden. Aber er wollte nicht so früh sein Zuhause verlassen. Er ist ein Überflieger an seiner Mittelschule, die zur Pekinger Normal Universität gehört.

Dennoch wird der Junge auf ein College im Ausland und ein internationales Leben getrimmt. Mit 13 schickten ihn seine Eltern für sechs Wochen zu einer amerikanischen Familie in Virginia. Sie verbrachten Familienurlaube an Orten wie Tansania. Und jetzt, zur Freude seiner Mutter, hat er sich zum Ziel gesetzt, am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Chemie zu studieren. Frau Xie nimmt hin, dass er womöglich niemals zurückkehren wird, aber „sein Herz wird immer bei der Familie sein".

Die chinesische Regierung hat kein Interesse, den Strom von Studenten ins Ausland zu mindern. Die Einstellung ist einfach: Warum sollen nicht die Amerikaner oder Europäer unsere hellsten Köpfe ausbilden, wenn sie es wollen? Selbst die Tochter von Präsident Xi ging nach Harvard.

Wie immer bei China, sorgen die Zahlen für Ehrfurcht. In seiner Memoiren erinnerte sich der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, an ein Treffen von Carter mit Deng. Auf seiner Agenda standen die Menschenrechte und er begann damit, den chinesischen Führer mit dessen restriktiver Ausreise-Politik zu provozieren. „Schön. Wir werden sie gehen lassen", antwortete Deng schnippisch. „Sind Sie darauf vorbereitet, 10 Millionen zu akzeptieren?"

Nicht einmal Deng konnte sich damals den Menschenstrom vorstellen, den seine Öffnung der Grenzen freisetzen würde. Jetzt sind es schon 100 Millionen – und es werden immer mehr.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Advertisement

Popular on WSJ