PEKING – Sie nennen es das Viagra des Himalaya: Seit Jahrhunderten gilt der Chinesische Raupenpilz, der aus dem Kopf von Schmetterlingslarven wächst, den Männern aus dem Reich der Mitte als bewährtes Potenzmittel. Doch jetzt lässt der Pilz auch etwas anderes ansteigen – die Rendite von Investoren. Der Preis des Wundermittels hat sich in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt. Auf dem Markt bringt ein Pfund mehr als 9.000 Euro ein, heißt es beim Broker Industrial Securities aus Fuzhou.

Während die chinesischen Aktien fallen, der Immobilienmarkt am Boden liegt und Sparkonten mickrige Zinsen bringen, sind Investoren kreativ geworden, um ihr Geld zu vermehren. Neben der traditionellen Medizin fließt Geld in den Kunstmarkt, Likörspezialitäten, Mahagoni-Möbel, Jade und andere nicht-westliche Vermögenswerte. „Im Kleinen hat die Spekulation schon begonnen", sagt Long Xingchao, Vorsitzender des Informationszentrums für traditionelle chinesische Medizin. Seit 2010 steigen, auch aufgrund von Spekulation, die Preise auf Exotika wie roten Ginseng stark an. Long ist sich aber sicher, dass sich keine Blase gebildet hat: „Da gibt es nichts zu platzen".

Baijiu ist ein chinesischer Schnaps, der zuletzt zunehmend als Geldanlage gekauft wurde. Beijing Googut Auction House

In ganz China schießen Börsen aus dem Boden, auf denen die Naturheilmittel gehandelt werden. Nanjing Pharmaceuticals richtete im vergangenen Jahr solch eine Börse ein, um sich den Nachschub an Waren wie Hirschhorn zu sichern. Im November wurden die Handelszeiten ausgedehnt, damit die Investoren auch nach Feierabend noch einkaufen können. „Das gibt ihnen mehr Zeit, Profit zu machen", erklärt die Börse auf ihrer Webseite.

Auch die Kunstmärkte boomen. In Tianjin wurden im vergangenen Sommer Aktien an einem Bild namens „Ewiger Lotuswind" ausgegeben. Startpreis war 1,61 Yuan, etwa 20 Cent. Innerhalb von zwei Tagen stieg der Kurs um 52 Prozent. Das Bild war zu diesem Zeitpunkt 9 Millionen Euro wert. Dann fielen die Papiere wieder. Zurzeit liegen sie 34 Prozent unter dem Erstausgabepreis. Maler Cui Ruzho profitierte von dem Geschäft nicht, sieht aber viel Potenzial im chinesischen Kunstmarkt. „Wir haben den Höhepunkt noch nicht erreicht".

Schnaps wird nicht mehr nur getrunken

Nichts scheint vor den Investoren sicher – selbst mit Alkohol wird spekuliert. Maotai, ein heimischer Schnaps aus Hirse und Weizen und einst Lieblingsgetränk Maos, liegt bei 250 Euro, doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr. „Früher wurde der Schnaps nur getrunken", sagt Liu Yiaowei, Chef des Auktionshauses Beijing Googut Auction, wo die kostbaren Tropfen versteigert werde. „Aber jetzt ist er ein Sammlerobjekt und wird als Anlage genutzt".

Im Dezember kaufte ein Geschäftsmann aus der Provinz Jiangsu zwei Dutzend Flaschen unbekannter Herkunft für fast 6.500 Euro, das Vierfache des Schätzwerts. „Wenn ich die eine Weile behalte, kann ich damit noch mehr Geld verdienen", sagte der Käufer, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Bei diesen Geschäften wollen jetzt auch die chinesischen Banken einsteigen. Die Industrial & Commercial Bank of China, der größte staatliche Kreditgeber, bietet einen Fonds an, der in den als Schlankmacher geltenden Pu-Erh-Tee investiert. Auf der Webseite der China Merchants Bank soll man bald mit Diamanten handeln können.

Das Auktionshaus Googut hat bereits drei Banken dabei geholfen, Fonds für Maotai, Baiju und andere hochprozentige Getränke einzurichten. Chef Liu erklärt, die Fonds könnten bis zu 20 Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaften.

Geld auf Sparkonten kostet Geld

Der Grund für diese exotischen Geschäftsmodelle ist die geringe Attraktivität klassischer Investments. Früher waren Immobilien die Geldanlage der Wahl. Aber die Bemühungen der Regierung, die Preise stabil und den Wohnraum bezahlbar zu halten, haben die Preise stagnieren lassen. In einigen Städten sinken die Preise sogar. Die Kurse an der Börse in Schanghai sind seit Anfang 2011 um 20 Prozent gesunken. Die Zinsen für Sparkonten sind niedriger als die Inflationsrate. Bankkunden bezahlen die Kreditinstitute also de facto dafür, dass sie ihr Geld verwalten.

„Es gibt nur sehr wenige klassische Investmentmöglichkeiten", sagt Ren Jun. Der 30-jährige Medienunternehmer legt sein Geld in Gegenwartskunst, Antiquitäten, Gold und Silber an. „Deshalb zwinge ich mich selbst dazu, mutig zu sein und neue Optionen auszuprobieren".

Die chinesische Regierung ist von dem Investmentrausch weniger begeistert. Im November erklärte Peking, man wolle den Handel stärker kontrollieren, und warnte vor „Spekulation und Preismanipulation" sowie Verwaltern, die mit dem Geld ihrer Kunden durchbrennen würden.

Am stärksten auf und ab geht es am Kunstmarkt. Anteile an dem Bild „Rauschender gelber Fluß" des verstorbenen Künstlers Bai Gengyan wurde im vergangenen Jahr an der Börse für Kulturgüter in Tianjin angeboten. Innerhalb der ersten zwei Monate stiegen die Anteile von umgerechnet 12 Cent auf 2,34 Euro. Das Bild wäre damit 14 Millionen Euro wert gewesen. Das bis dahin teuerste Bild von Bai war für etwa 470.000 Euro verkauft worden.

Kurz darauf unterband die Stadt Tianjin den weiteren Handel mit Anteilen an dem Bild, und die Börse führte Begrenzungen für die Höhe der täglichen und monatlichen Preisänderungen ein. Jetzt notieren die Aktien wieder bei 16 Cent – die Blase ist geplatzt.

Diamanten und Jade

Der Software-Spezialist Jimmy Wang aus Schanghai gab mehr als 600.000 Euro für Anleihen an rosa Diamanten und Jade aus. Als Sicherheit gab er dafür sein Haus an. Das Geschäft ging schief, er verlor 330.000 Euro. „Mein Haus gehört jetzt der Bank, und ich habe Mühe, die Zinsen zu zahlen".

Aber solche mahnenden Beispiele machen den Jägern nach dem nächsten großen Gewinn keine Angst. Wang Jingbo, Chefin des Vermögensverwalters Noah Holdings in Schanghai, empfahl im vergangenen Jahren ihren Kunden Luxusuhren als Investments. Liu Yiaowei vom Auktionshaus setzt auf weiße Jade als Zukunftsmarkt. Medienunternehmer Ren Jun spekuliert auf Diamanten: „Die Preise für Silber und Gold schwanken, weil sie von den internationalen Märkten abhängen", sagt er. „Diamanten fallen nie".

—Yang Jie, Olivia Geng, Yoli Zhang und Lingling Wei haben zu diesem Artikel beigetragen.

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