Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist eine auch in Deutschland polarisierende Figur, und wenn er wie gestern in Berlin die weltweit größte türkische Botschaft einweiht, fragen sich viele Deutsche: Wo steht dieser Mann in Bezug zu Deutschland? Was sind seine politischen Ziele bei uns?

Viele Beobachter sehen ihn als jemanden, der die Zukunft der Türkei weniger in der Europäischen Union als im Aufstieg der Türkei zu einer neuen Weltmacht erblickt, und der auf Europa und den Westen herabsieht. Also auch auf Deutschland?

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (2.v.l.), seine Frau Emine, Außenminister Guido Westerwelle (2.v.r.) sowie sein türkischer Amtskollege Ahmet Davutoglu schneiden am Dienstag in Berlin zur Eröffnung der neuen türkischen Botschaft symbolisch ein rotes Band durch. Timur Emek/dapd

Ganz bestimmt nicht. Türkische Regierungsvertreter und Diplomaten sagen ihren deutschen Kollegen gern, dass es ihrer Meinung nach zwei "gesunde" Nationen gibt in Europa: Deutschland und die Türkei. Sie sehen Deutschland als genauso zum Führen berufen, wie sie sich selbst zum Führen berufen sehen, jeder in seinem Bereich.

Kein Ort zentraler als Berlin

Zwar hat Erdogan in einer Grundsatzrede vor seiner Partei, der AKP, vor etwa einem Monat die EU und Europa nur negativ, fast schon als Feindbild erwähnt. Rassisten, die Türken keine Visa geben, so etwa klang es da. Nie war Erdogans Abkehr von Europa deutlicher, verächtlicher zu spüren. Das Interesse an einer EU-Mitgliedschaft ist verflogen. Von 35 Kapiteln, die das Land im Zuge der Beitrittsverhandlungen abarbeiten muss, ist erst eines abgeschlossen.

Über 13 Kapitel verhandelt Ankara mit Brüssel – mit schwindender Motivation. Eine Entwicklung, die Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) kritisch sieht. "Dieser Stillstand ist nicht gut, für beide Seiten nicht", sagte Westerwelle in seinem Grußwort zur Eröffnung der türkischen Botschaft.

Es gibt wirtschaftlich kein Land, das für die Türkei wichtiger wäre als Deutschland, und politisch sind in Erdogans Augen wohl nur die Amerikaner wichtiger als die Deutschen. İn Europa ist kein Ort zentraler für die Türkei als Berlin.

Die neue Botschaft soll das zum Ausdruck bringen. Und eigentlich ist diese Sichtweise – dass Deutschland und die Türkei eine herausragende Sonderrolle in ihren jeweiligen Regionen spielen – nicht weit entfernt von der Sicht Angela Merkels, eine "privilegierte Partnerschaft" mit der Türkei sei der geeignete Rahmen für die Beziehungen mit Ankara, nicht ein EU-Beitritt der Türkei.

Nicht nur das Land der Deutschen

Dass dies auch für Erdogan eine bequeme Lösung ist, meinte kürzlich auch der türkischstämmige Grünen-Chef Cem Özdemir in der "Welt": Erdogan könne dann weiter so tun, als wolle er ja eigentlich die EU-Mitgliedschaft, ohne sich mit deren schweren Souveränitätseinschränkungen auseinandersetzen zum müssen.

Und so bekräftigte Erdogan am Dienstagabend das Ziel eines EU-Beitritts seines Landes. "Wir bereiten uns darauf vor, dass wir Vollmitglied in der EU werden." Auf die Frage, ob die Türkei bis 2023 EU-Mitglied sein werde, antwortete er: "So lange wird man uns nicht hinhalten, oder?"

Selbstbewusst bot er auch Hilfe in der Euro-Krise an. "Wir erstarken von Tag zu Tag", sagte er. Die Türkei werde jeden Beitrag leisten, damit die Euro-Krise überwunden werden könne. Sein Land werde keine Belastung für die EU sein. "Wir kommen, um Last zu übernehmen."

Deutschland ist im Übrigen für Erdogan aber nicht nur das Land der Deutschen. Es ist das Land der Türken, die in Deutschland leben. Auch ihnen will er mit der neuen Pracht-Botschaft ein Signal setzen, einen Bezugspunkt: Seht, da gehören wir hin. Wir haben Würde, wir sind stark.

Es ist auch eine politische Absichtsbekundung. Erstmals unter Erdogan versucht eine türkische Regierung, ihre Landsleute in Deutschland zu organisieren, mobilisierbar zu machen. Vorbilder sind die jüdische und armenische Diaspora. Eigens hierfür wurde eine neue Behörde gegründet, die Agentur für Auslandstürken (YTB). İn einer Reihe von Konferenzen wurden Vertreter Auslandstürken in den vergangenen zwei Jahren in der Türkei sensibilisiert und geschult, um die türkische Diaspora gegen "Unterdrückung" zu wappnen.

Auch in Deutschland sollen sie alle Optionen des Rechtsstaates ausschöpfen, um ihre Interessen durchzusetzen. Dass zu diesen Interessen auch die Interessen der Türkei gehören sollen, machte Erdogan persönlich deutlich.

Erdogans politische Ursprünge

Die Absicht ist es, letzten Endes die beiden bisherigen Organisationsrahmen der türkischen Gemeinde an den Rand zu drängen oder auf rein religiöse Rollen zu reduzieren: Die islamischen Milli-Görüs- und Gülen-Bewegungen. Insbesondere bei den Gülenisten ist man nicht besonders erfreut darüber.

İmmer häufiger und schärfer wird bei ihnen Kritik an Erdogan laut. Niemand weiß besser als der Premier, wie wichtig Deutschlands Türken sind. Ohne sie wäre er nicht, wo er jetzt steht. Er entstammt selbst der Milli-Görüs-Bewegung, die in den Siebzigerjahren von seinem politischen Ziehvater, dem islamischen Fundamentalisten und Antisemiten Necmettin Erbakan gegründet wurde.

Erbakan gelangte in Deutschland zu seinen Ansichten, und Milli Görüs schöpfte ihre Kraft aus dem Engagement und dem Geld türkischer Migranten in Deutschland. Dies sind letztlich auch Erdogans politische Ursprünge.

Will Erdogan die deutsche Politik beeinflussen?

Er will Deutschlands Türken erstmals bei türkischen Wahlen abstimmen lassen, ohne dass sie dafür in die Türkei reisen müssen, wie bisher üblich. Im Gespräch mit der Bundeskanzlerin wird Erdogan auch die Frage der Visumspflicht für Türken ansprechen.

Es passt nicht zu seinem Selbstverständnis, dass die EU mit Ländern, die noch nicht einmal zu den Beitrittskandidaten gehören, Visaerleichterungen vereinbare, bei der Türkei aber auf stur schalte. Auch die Lage der syrischen Flüchtlinge in der Türkei soll zur Sprache kommen.

Die deutsche Politik zu beeinflussen, mag ihm als fernes Ziel vor Augen schweben. Wenn er Deutschlands Türken organisatorisch hinter sich einen, und dieses Gewicht in die Waagschale deutscher Wahlen werfen kann – für eine Partei, die türkische Interessen zu fördern verspricht – dann hat die Türkei ein Stück mehr Gewicht auch in Europa. Fast drei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland, und die meisten von ihnen sind deutsche Staatsbürger.

Da schließt sich der Bogen seiner Vision, die eigentlich vom Außenminister Ahmet Davutoglu stammt. Der argumentiert, die Türkei müsse machtvoll auftreten, ihren Einfluss in der muslimischen Welt so weit ausdehnen, dass die Gefahr, die Türkei zu verlieren, in europäischen Augen größer wird als die vermeintliche Gefahr eines EU-Beitritts. Erst dann, so meinen Davutoglu und Erdogan, werde die EU die Türkei aufnehmen.

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