Mit Beginn nächster Woche kämpfen die führenden Politiker der Eurozone wieder einmal um die Rettung Griechenlands. Auf einer ganzen Reihe von Treffen versuchen sie, das Land vor der Pleite zu bewahren. Doch eigentlich gibt es eine viel dringender zu lösende Aufgabe: Die Reduzierung der wachsenden Schuldenlast, die Griechenland die Luft zum Atmen nimmt. Eines ist so gut wie sicher: Dieses Problem werden die Staatenlenker auch dieses Mal eher nicht anpacken – und das wird drastische Konsequenzen haben.

Einst hofften die Mitglieder der Eurozone, mit einem Rettungspaket könne man Griechenland wieder zusammenflicken und danach wäre das Thema erledigt. Aber Griechenland steckt in einer Rezession epischen Ausmaßes und muss zugleich eine erschreckend hohe Schuldenlast schultern. Die Eurozone wird sich damit abfinden müssen: Entweder sie schlägt sich über Jahre mit den Problemen Griechenlands herum – oder reicht die Scheidung ein.

Anleiherückkauf löst Schuldenberg nicht auf

Für die Lösung des ersten Problems – Griechenland Liquidität bereitzustellen – hat Europa mehrere Optionen, auch wenn davon keine wirklich erquicklich ist. Doch das zweite Problem des Schuldenerlasses anzugehen, dazu fehlt so gut wie überall der politische Wille. Unter anderem wird ein Rückkauf griechischen Anleihen erwogen. Doch das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Griechenlands Schulden werden sich im nächsten Jahr auf 346 Milliarden Euro belaufen, gab die Regierung kürzlich bekannt. Mit 189 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird der Schuldenberg damit fast doppelt so hoch sein wie die von der Regierung erwartete Wirtschaftsleistung.

Die griechische Bevölkerung ächzt unter der hohen Schuldenlast und die damit verbundenen Einsparungen. Hier protestieren Hafenbeamte gegen die Sparmaßnahmen. Agence France-Presse/Getty Images

Die hohe Schuldenlast unterhöhlt das Vertrauen in die griechischen Staatenlenker, das Finanzsystem und die Wirtschaft des Landes. Potenzielle Investoren werden abgeschreckt; das wiederum lässt die Vorbeugungsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank, wie den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen, ins Leere laufen. Mit diesen will die EZB die Investoren überzeugen, dass die schuldengeplagten Länder in der Eurozone gehalten werden und es deshalb sicher ist, ihren Regierungen und Unternehmen Geld zu leihen. Bei Spanien und Italien hat das bis zu einem gewissen Grad auch funktioniert. Doch Griechenland ist eine andere Geschichte.

Das Risiko einer zweiten griechischen Zahlungsunfähigkeit innerhalb eines Jahres und ein möglicher Austritt aus der Eurozone sind „noch nicht vom Tisch der EZB", sagt Ross Pamphilon, der die Anlagestrategie bei ECM, einem Londoner Vermögensverwalter ECM mit Spezialisierung auf Kreditmärkte, mit verantwortet.

Schuldenerlass muss erheblich größer ausfallen als angedacht

Will man dieses Risiko erheblich reduzieren, müssen die Schulden auf ein tragfähiges Niveau gesenkt werden – etwa durch einen Schuldenschnitt. Nur wenige europäische Regierungen sind jedoch bereit, auch nur über einen solchen Schritt zu reden. Wenig überraschend, halten sie doch die meisten der griechischen Verbindlichkeiten. 53 Milliarden Euro haben die Regierungen der Eurozone 2010 und 2011 an Griechenland verliehen. Die EZB hält gemeinsam mit anderen Zentralbanken der Währungszone Staatsanleihen in Höhe von rund 45 Milliarden Euro. Der europäische Rettungsfonds hat dem Krisenland 74 Milliarden Euro geliehen und dieser Betrag soll in den kommenden Jahren um weitere 71 Milliarden Euro aufgestockt werden – ein großer Teil dieses Geldes soll in den kommenden Monaten fließen. Alles in allem macht dies mehr als zwei Drittel der griechischen Schuldenlast aus.

Im Gegensatz dazu halten die privaten Gläubiger etwas mehr als 60 Milliarden Euro an griechischen Schuldpapieren. Ihre Anleihen werden momentan zu Kursen um 25 Cent je Euro Nennwert gehandelt.

Theoretisch könnten die Regierungen der Euroländer einen Rückkauf organisieren, um einige dieser Papiere aus dem Verkehr zu ziehen. Die Regierungen könnten Griechenland weitere 30 Milliarden Euro leihen, mit denen das Land die Anleihen aus privater Hand zum Beispiel für 50 Cent das Stück zurückkaufen könnte. Das würde den griechischen Schuldenberg um 30 Milliarden Euro drücken, das sind knapp zehn Prozent des Gesamtbestandes.

Drastischere Maßnahmen kollidieren mit der politischen Realität. Deutschland zum Beispiel gehört zu den Gläubigern, die einer Entschuldung besonders kritisch gegenüberstehen. Und Deutschland spielt bei allen Entscheidungen der Eurozone, die mit Geld zu tun haben, eine dominante Rolle. Auch andere nordeuropäischen Länder wie die Niederlande oder das sparsame Finnland fordern harte Reformen von den Griechen anstelle eines Schuldenschnitts.

2013 sind Wahlen - Deutschland lehnt Schuldenerlass ab

Der Internationale Währungsfonds hingegen fordert die Eurozone auf, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten. Auf der IWF-Tagung in Tokio im Oktober sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jedoch, dass Griechenlands Probleme „von Griechenland verschuldet sind und von Griechenland gelöst werden müssen." Zwar wird ein kompletter oder partieller Erlass der 53 Milliarden Euro hohen Kredite an Athen im Kreis der politischen Entscheidungsträger der Eurozone durchaus diskutiert. Aber Merkel und Schäuble lehnten den Vorschlag als „absurd" ab, sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter.

Im Herbst 2013 stehen Bundestagswahlen an – die Nachricht, dass Griechenland seine Schulden nicht komplett an die europäischen Länder und damit auch an Deutschland zurückzahlen wird, will Merkel vorher nur äußerst ungern verkünden. Die Reaktion der Medien dürfte äußerst kritisch ausfallen, und die Koalition zerbrechen.

Die deutsche Politik geht außerdem davon aus, dass ihre griechischen Amtskollegen schmerzhafte Reformen nur unter Zwang durchführen werden. Ein Schuldenerlass bedeutet aus Berliner Sicht, ein Druckmittel gegen Athen zu verlieren. Viele Ökonomen argumentieren hingegen, dass die von Deutschland und seinen Freunden geforderte Sparpolitik das griechische Schuldenproblem noch verschärft, da die Wirtschaft durch die Einsparungen weiter schrumpft und sich damit die Basis verringert, aus der die Verbindlichkeiten zurückgezahlt werden können.

Die griechischen Gläubiger haben das Ausmaß der Wirtschaftskrise in Griechenland stets unterschätzt. Als im Jahr 2010 das erste Rettungspakets aufgesetzt wurde, ging man davon aus, dass sich Griechenlands Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2013 auf 235 Milliarden Euro belaufen würde. Nun geht die griechische Regierung von 183 Milliarden Euro aus.

Kurzfristiger Liquiditätsengpass kann auf vielerlei Weise vermieden werden

Griechenlands anderes Problem – kurzfristig benötigte Liquidität zur Rückzahlung fälliger Schulden – ist in vielerlei Hinsicht einfacher lösbar. Auch wenn Deutschland und die anderen den Scheck nicht unterschreiben wollen, gibt es andere Möglichkeiten, an Geld zu kommen.

Griechenland könnte zum Beispiel weiterhin mit hoher Schlagzahl kurzlaufende Schatzwechsel an seine Banken emittieren, die diese bei der EZB hinterlegen und im Gegenzug Liquidität erhalten, die wiederum ins System fließt. Zudem könnten die Länder zustimmen, dass die Zentralbank die Gewinne, die sie mit griechischen Anleihen erzielt, an Griechenland weiterreicht. Diese entstehen dadurch, dass die EZB die Papiere mit einem Abschlag erworben hat, diese aber zu ihrem vollen Nominalwert zurückgezahlt werden.

Schließlich könnte die Eurozone Griechenland eine Verschnaufpause verschaffen, indem sie vorübergehend auf Zinsen verzichtet. Als größter Gläubiger bekommt die Eurozone das Gros der zehn Milliarden Euro, die Griechenland im kommenden Jahr an Zinskosten stemmen muss. Analysten der Credit Suisse CSGN.VX +0,39% Credit Suisse Group AG Switzerland: SWX Europe CHF25,95 +0,10 +0,39% 02 Sept. 2014 17:30 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,58 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 41,55 Milliarden CHF Dividendenrendite 2,70% Umsatz/Mitarbeiter 740.848 CHF haben errechnet, dass das Land bei einem Zahlungsstopp bis zum Jahr 2016 auf diese Weise 23,4 Milliarden Euro einsparen könnte.

Faktisch würde die Eurozone ein bisschen Geld aufgeben, dafür aber eine weitere Zahlungsunfähigkeit vermeiden. Ein Schritt, der den Politikern der Eurozone besser schmecken dürfte als die anderen Alternativen.

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