Viele Afghanen fahren in die Hauptstadt Tadschikistans, um sich zu amüsieren. In Duschanbe können sie das tun, was in ihrem Heimatland verboten ist - zum Beispiel Alkohol trinken. dapd

Der afghanische Unternehmer Sardar Ali macht sich zu einer Geschäftsreise nach Duschanbe auf. Seinen Verwandten zuhause erzählt er, er fahre nach Indien. Die Hauptstadt Tadschikistans erwähnt er bei ihnen mit keinem Wort. „Tadschikistan hat in unserem Land keinen besonders guten Ruf", erklärt Ali verlegen. „Jeder denkt, du fährst nur wegen der Mädchen nach Duschanbe."

Damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Duschanbe, die Hauptstadt der zentralasiatischen Republik Tadschikistan im Norden Afghanistans, hat nur sehr wenig gemein mit Amüsiermetropolen wie Bangkok oder Las Vegas. Das muslimisch dominierte, ehemalige Stalinabad war einmal das Zentrum der ärmsten aller früheren Sowjetrepubliken. Unter den verfallenden neoklassizistischen Gebäuden findet sich auch nur eine Handvoll diskreter Nachtclubs und Bars.

Wer sich langweilt, fährt nach Duschanbe

Doch für die Afghanen sprengt das begrenzte Unterhaltungsangebot im benachbarten Duschanbe alle Dimensionen. Leben sie selbst doch in einer der konservativsten islamischen Gesellschaften, in der Männer und Frauen selten aufeinandertreffen und Alkohol verboten ist. Dass Duschanbe unter den Afghanen als Stadt der Sünde gilt, hängt demnach vielleicht stärker mit dem äußerst strengen Sittenkodex in Afghanistan zusammen als mit der tatsächlichen Verkommenheit der Stadt. Wer in Kabul das Wort Duschanbe auch nur erwähnt, löst bei seinem Gegenüber sofort Augenzwingern und ein verschwörerischen Grinsen aus. Duschanbe steht für Ausschweifung und verbotenes Vergnügen.

„Wenn sich die Leute in Kabul langweilen, sagen sie: Lasst uns nach Tadschikistan fahren", erzählt Mohammad Younus Weyar. Er leitet eine Baufirma in Kabul und fährt gelegentlich auch nach Duschanbe. „Tadschikistan ist sehr grün und sehr sauber. Aber die fahren da nicht wegen dem grünen Gras und der sauberen Luft rüber. Die meisten Leute fahren da nur wegen der unguten Dinge hin."

Vor ein paar Monaten war eine Abordnung afghanischer Regierungsangestellter nach Duschanbe gekommen. Sie sollten dort einen Weiterbildungskurs einer westlichen Organisation besuchen. Doch ihre allererste Frage sei gewesen: „Wo gibt's den Sex?" erzählt ein westlicher Beamter in Duschanbe. Er habe ihnen erst erklären müssen, dass Prostitution in Tadschikistan illegal ist. In dem Versuch, mögliche gesetzeswidrige Techtelmechtel zu unterbinden, habe er jeweils zwei Mann auf ein Zimmer verfrachtet.

Ob Duschanbe seinen zweifelhaften Ruf nun verdient oder nicht - tadschikische Regierungsvertreter setzen auf jeden Fall alles daran, Kapital daraus zu schlagen. Die meisten Besucher, die in die Stadt strömen und nicht aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, kommen aus Afghanistan. Im vergangenen Jahr überquerten rund 10.000 afghanische Touristen die Grenze zum Nachbarland im Norden, berichtet Davlat A. Khabibov, der Vorsitzende des tadschikischen Verbands für die Entwicklung der Tourismusbranche und bis zum vergangenen Jahr Leiter des staatlichen Fremdenverkehrsamts. Und dabei schreckt sie auch die hohe Eintrittshürde nicht ab: In der Regel müssen Afghanen für ein tadschikisches Visum nämlich rund 500 US-Dollar berappen, die sie größtenteils an Mittelmänner zahlen.

"Die russischen Touristen kommen zum Klettern hierher, die aus dem Westen wandern gern in den Bergen", erzählt Khabibov. „Und die Afghanen wollen sich amüsieren." Zu den Attraktionen Duschanbes zählt ein neuer Restaurantkomplex namens Kabul One und das Ninth Wave. Glaubt man den Taxifahrern aus Duschanbe handelt es sich dabei um ein Striplokal, das gern von Afghanen frequentiert wird. Doch neulich abends war in der Bar nur eine iranische Sängerin zu bestaunen. Ein paar Dutzend Gäste saßen in dem Raum, der einem Segelschiff nachempfunden ist. Sie klatschten im Takt, als die Künstlerin im knöchellangen Kleid und Turmfrisur auf recht zugeknöpfte Art persische Liebeslieder aus den Siebzigern zum Besten gab.

In Duschanbe fühlen sich die Afghanen reich

Duschanbe ist einer der wenigen Orte auf der Welt, in dem sich Afghanen – und besonders afghanische Regierungsangestellte – reich vorkommen können. Das Bier, das stämmige Kellnerinnen in den Biergärten in schaumüberkrönten Gläsern servieren, kostet umgerechnet nur ein paar Cent.

Weyar, der Unternehmer aus Kabul, fühlt sich wohl in Duschanbe. „Die Tadschiken heißen die Afghanen immer willkommen – sie verdienen ja in ihrem eigenen Land nicht viel", sagt er. „Jeder dort weiß, dass in Afghanistan tonnenweise Geld gelandet ist, auch wenn das meiste davon in die Taschen der falschen Leute gewandert ist."

Selbst Afghanen, die keine Fremdsprache sprechen, können sich in der Stadt problemlos durchschlagen. Die tadschikische Sprache und das afghanische Dari sind eng miteinander verwandt. „Wir sind genauso wie die Tadschiken. Wir sprechen die gleiche Sprache und teilen die gleiche Kultur", findet Abdulla Baryalai, ein gebürtiger Afghane der in Duschanbe einen Lebensmittelladen betreibt.

In Tadschikistan herrscht eine andere Kultur

Was die gemeinsame Kultur angeht, so hätten viele Tadschiken sicherlich den einen oder anderen Einwand vorzubringen. Keine einzige Burka ist zu erspähen, wenn man den Blick die Straßen der Stadt entlang schweifen lässt. In einem Park, der sich an die Hauptstraße anschließt, halten sich junge Paare an der Hand. Das wäre in Afghanistan undenkbar. Dort genügt oft allein der Verdacht einer verbotenen Romanze, um einen Ehrenmord zu provozieren. Und während es im vergangenen Monat in muslimischen Ländern in der ganzen Welt wegen des Schmäh-Videos über den Propheten Mohammed zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, war es in Duschanbe still geblieben.

Sogar die Islamisten in Tadschikistan legen Wert darauf, sich von ihren afghanischen Pendants zu distanzieren. „Siebzig Jahre in der UdSSR und dann zwanzig Jahre der Unabhängigkeit haben ihre Spuren hinterlassen", sagt Muhiddin Kabiri. Er ist der Vorsitzende der tadschikischen Islamischen Partei der Wiedergeburt, die die Opposition im Land anführt und die einzige legale islamistische Bewegung in Zentralasien nach der Sowjetära stellt. „Unsere Religionsauffassung ist toleranter, friedlicher. Wir leben in einer vollkommen anderen Gesellschaft."

Wie der Nachtclub Simin beweist. Draußen vor der Tür warnt ein Schild den Gast, keine Gewalt anzuwenden, nichts auf Video aufzunehmen und keine Landestracht zu tragen. Drinnen dreht sich im blauen Neonlicht eine Tänzerin in Top und Minirock um eine Eisenstange auf der ansonsten recht leeren Tanzfläche. Hinter der Bar schüttelt Barkeeper Sahib Nurbayev den Kopf über die vielen Whiskeys und Cognacs, die seine afghanischen Gäste zu bestellen pflegen. Wo die wohl das Geld dafür her hätten, spekuliert er düster. „Die geben so viel Geld aus – davon können wir nicht mal träumen!"

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