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Commerzbank im Stresstest: Blessing gegen die Analysten

Commerzbank-Chef Martin Blessing könnte in Bedrängnis kommen, wenn das Institut durch den Stresstest der EZB fällt. ENLARGE
Commerzbank-Chef Martin Blessing könnte in Bedrängnis kommen, wenn das Institut durch den Stresstest der EZB fällt. Bloomberg News

Die Analysten von Bankaktien sind derzeit in Hochform. Ende Oktober wird das Ergebnis des Stresstests erwartet, den die Europäische Zentralbank gerade durchführt – da bieten sich Berechnungen an, welche Bank den Test möglicherweise nicht schaffen wird. Am Montag sorgte eine Analyse der italienischen Mediobanca für Aufsehen, nach der die Commerzbank CRZBY 1.27 % die Prüfung nicht bestehen dürfte. Mit dieser Prognose ist sie nicht alleine.

Goldman Sachs GS -0.29 % hat jüngst 125 institutionelle Investoren nach deren Wackelkandidaten für den Stresstest befragt – fast die Hälfte von ihnen rechnete damit, dass die Prüfung bei der Commerzbank fehlendes Kapital offenbart. Die Analysten und Investoren berufen sich dabei auf das Abbau-Portfolio der Bank und die strengere Bewertung von Schiffskrediten, die die EZB angekündigt hat.

Dagegen steht die Zuversicht von Vorstandschef Martin Blessing. Der sieht nach wie vor keine Anhaltspunkte dafür, dass seine Bank bei dem Test ein Problem bekommen könnte. Und Finanzvorstand Stephan Engels sah sich Anfang August „gut gerüstet", die Prüfung zu bestehen. Darauf verweist auch ein Sprecher der Bank, der die einzelnen Analystenberichte nicht kommentieren will.

Stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die Zuversicht Blessings zu den Berechnungen und Erwartungen der Analysten steht. Denn auch wenn die Kapitalausstattung der Bank auf den ersten Blick ausreichend scheint: Die bereits erfolgte Bilanzprüfung und der derzeit laufende Stresstest halten durchaus Überraschungen bereit.

Diese Stolpersteine können das Testergebnis der Commerzbank verderben:

Das Problem mit den neu bewerteten Schiffskrediten

Die EZB hat Anfang August ein 70 Seiten schweres Handbuch für den Stresstest veröffentlicht. Darin ist aufgelistet, woraus der Test besteht und welche Methoden angewendet werden. In dem Schriftstück handeln mehrere Seiten von den neuen Bewertungskriterien für Schiffskredite. Zudem berichtete die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich mit Verweis auf sechs Informanten, dass die EZB die Bewertungsmodelle der Banken für zu optimistisch hält. Insbesondere deren Erwartungen an die künftigen Einnahmen, die ein Schiff generieren könnte, seien zu positiv. Daher lägen die Bewertungen der Banken deutlich über dem Marktwert, zu dem die Schiffe verkauft werden könnten.

Auf die womöglich zu hohen Bewertungen von Schiffskrediten könnte die EZB mit hohen Abschlägen reagieren. „Aus den Informationen in dem Handbuch geht hervor, dass von diesen Krediten große Sicherheitsabschläge vorgenommen werden und es für Banken mit einem großen Anteil von Schiffkrediten schwer werden könnte. Hierzu zählt auch die Commerzbank", sagt Analyst Dirk Becker von Kepler Cheuvreux. Allerdings, so Becker, bewerte die Commerzbank „ihre Aktiva selbst relativ konservativ". Vor allem nach dem gängigen Rechnungslegungsstandard IFRS.

Die EZB dagegen wird schon in ihren Definitionen, etwa von notleidenden Krediten, von IFRS abweichen. In vielen Fällen haben Banken ihre ausfallgefährdeten Kredite in einer Weise strukturiert dass sie nach IFRS-Regeln weiter als ordnungsgemäß eingestuft werden. Mit der bereits beendeten Bilanzprüfung (Asset Quality Review, AQR) wird die EZB aber alle Kredite, die im Laufe ihres Bestehens umstrukturiert wurden, etwa durch Aussetzung von Tilgung oder Stundung von Zinsen, als notleidend einstufen.

Insgesamt hat die Commerzbank noch rund 13 Milliarden Euro Schiffskredite in ihren Büchern. Davon sind nach ihren Angaben rund ein Drittel notleidend und davon ein kleiner Teil wertberichtigt. Bei der HSH Nordbank sind es insgesamt rund 20 Milliarden Euro, die NordLB liegt mit rund 16 Milliarden Euro dazwischen. Ob die Banken hier Kapital nachschießen müssen hängt davon ab, wie hoch die Sicherheitsabschläge der EZB wirklich sein werden. Und welche Kapitalpuffer die Banken dem gegenüber haben.

Das Problem mit dem Kapitalpuffer

Eigentlich reicht die harte Kernkapitalquote der Commerzbank aus, um die von der EZB unter Stressbedingungen geforderten 5,5 Prozent einzuhalten. Die Quote der Bank lag im Juni unter voller Anwendung der künftig geltenden Basel-3-Regeln bei 9,4 Prozent. Im Vergleich mit anderen europäischen Banken ist diese Zahl allerdings niedrig. Die Deutsche Bank DB -2.79 % wartete im Juni nach ihrer Kapitalerhöhung mit einer Quote von 11,5 Prozent auf. Laut einer Studie der Credit Suisse liegen von den europäischen Großbanken nur vier andere Banken unter einer harten Kernkapitalquote von 10 Prozent.

Alleine stellt diese relative Schwäche noch kein Problem dar. Aber: „Der Kapitalpuffer der Commerzbank ist im Vergleich mit anderen europäischen Banken niedrig. Gemeinsam mit der Neubewertung der Schiffskredite und der strengen Annahmen der EZB im Stress-Szenario, kann das für die Bank zu einem Problem werden", so Analyst Becker.

Das Problem mit dem Zeitpunkt

Die AQR, die bereits abgeschlossen ist, beruht auf den Geschäftszahlen der Banken per 31. Dezember 2013. Viele Banken, darunter auch die Commerzbank und die Deutsche Bank, haben aber nach diesem Stichtag mit Verkäufen von Kreditpaketen und Kapitalmaßnahmen für eine Verbesserung ihrer Risiko- und Eigenkapitalstruktur gesorgt. So nahm die Deutsche Bank etwa über eine Kapitalerhöhung 8,5 Milliarden Euro frisches Geld ein. Die Commerzbank verkaufte Immobilienkredite und Schiffskredite in einer Gesamthöhe von 5,3 Milliarden Euro. Allerdings waren die meisten dieser Kredite nicht notleidend und die Bank machte durch den Verkauf Buchverluste.

Kapitalerhöhungen und Verkäufe im laufenden Jahr sind allerdings für den Stresstest nicht mehr relevant. Denn der Test basiert auf den Ergebnissen des AQR. Sollte sich nach der AQR herausgestellt haben, dass eine Bank eine Kapitallücke von 2 Milliarden Euro hat, dann kann es zwar sein, das die Bank in der Zwischenzeit 3 Milliarden Euro frisches Kapital aufgenommen oder für 500 Millionen Euro Kredite verkauft hat. Aber eine Rolle beim Stresstest spielen diese Maßnahmen dann nicht mehr, wie eine Sprecherin der EZB bestätigte. Eine Ausnahme bilden lediglich solche Restrukturierungsmaßnahmen, die vor dem 31. Dezember 2013 angekündigt wurden und die auf Geheiß der Aufseher stattfinden.

Es könnte also sein, dass eine Bank den Stresstest in einem extremen Szenario nicht besteht, weil ihre Maßnahmen aus dem ersten Halbjahr 2014 nicht berücksichtigt wurden. Obwohl diese unter Umständen gereicht hätten, damit die Bank die Prüfung besteht.

Das Problem für Martin Blessing

Martin Blessing hat in den vergangenen Jahren aus der staatlich geretteten Commerzbank, die sich mit dem Kauf der Dresdner Bank just zu Beginn der Finanzkrise ordentlich verhoben hatte, eine Bank gemacht, die wieder nach vorne blickt. Dazu hat er milliardenschwere Sparprogramme - inklusive Stellenabbau - durchgezogen, er hat die beiden wichtigen Säulen Mittelstandsbank und Privatkundengeschäft komplett umstrukturiert und einen dicken Batzen aus dem Abbau-Portfolio NCA verkauft und so die Risiken der Bank gemindert.

Auf der vergangenen Hauptversammlung der Bank hatte Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller seinen Vorstandschef vor heftiger Aktionärskritik in Schutz genommen. Die Bank und ihre Aktionäre müssten „Gott dankbar" sein, dass Blessing als Vorstandschef da sei und die Bank aus ihrer tiefsten Krise geführt habe. Dass er das wirklich geschafft zu haben scheint, zeigt sich an den langsam steigenden Erträgen der Bank und am steigenden Aktienkurs.

Das noch so kleinste Problem beim Stresstest wird diese Erfolge wohl mit einem Schlag vergessen machen. Für Ende 2016 gibt es klar definierte Ziele. Zahlen, an denen sich auch Blessing nach eigener Aussage messen lassen wird.

Berichtigung
Stichtag für die Bilanzüberprüfung durch die EZB war der 31. Dezember 2013 und nicht wie in einer früheren Version dieses Artikels berichtet der 31.12.2014.

Kontakt zum Autor: isabel.gomez@wsj.com

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