Ein Händler an der New York Stock Exchange. Reuters

Im zweiten Quartal des laufenden Jahres haben Investoren in den USA in erster Linie auf die zukünftige Geldpolitik der Federal Reserve geschaut, um die Entwicklung an den Märkten zu beurteilen. Als dann die US-Notenbank andeutete, ihre historische Niedrigzinspolitik zurückzufahren, waren viele Anleger überrascht, wie schnell und in welcher Breite es an den Börsen nach unten ging. Besonders stark gaben Teile des US-Marktes nach, die als sicher gelten und dennoch verhältnismäßig hohe Gewinne versprechen, wie Kommunalanleihen und Aktien mit Dividendenzahlung.

Bei renditestarken Papieren wusste „jeder, dass sich eine Blase bildet", sagt Brian Singer, der beim Vermögensverwalter William Blair & Co. die Abteilung Dynamic Allocation Strategies leitet. „Nur dachte jeder, er wäre der erste, der abspringt," bevor sie platzt, erklärt er.

Jetzt lecken die Anleger ihre Wunden. Und sehen mit neuer Klarheit, wie die Signale der Fed und anderer großer Zentralbanken das Abschneiden von ertragreichen Investments unterminieren kann – und von den Märkten im Allgemeinen.

Doch nach wie vor hoffen Investoren weiter auf das billige Geld. Die „gefährliche Suche nach Rendite geht weiter", sagt Vadim Zlotnikov, Chefstratege beim Vermögensverwalter Alliance Bernstein, der über 452 Milliarden US-Dollar entscheidet.

So stehen die Anleger weiter vor kniffligen Entscheidungen: Zum einen suchen sie Gewinne in einem Markt, in dem die sicheren Investments –nämlich Staatsanleihen – im historischen Vergleich magere Renditen abwerfen. Zum anderen ist das Wachstum der Weltwirtschaft weiter alles andere als problemlos – das verschärft die Risiken von Anlageformen wie Aktien.

„Viele sind immer noch skeptisch, ob die Wirtschaft weiter an Fahrt gewinnt", sagt Jason Trennert, Chef-Investmentstratege beim Recherchedienstleister Strategas. Er selbst erwarte, dass das Wachstum zunimmt.

US-Aktien haben sich inmitten der Tumulte um ein mögliches Ende der Fed-Geldspritzen im Großen und Ganzen als sicherer Hafen erwiesen. Im zweiten Quartal ist der Dow Jones Industrial Average trotz allem um 2,3 Prozent gestiegen. So ist der Index für große Werte nur 3,2 Prozent unter seinem Rekordhoch vom 28. Mai. Im laufenden Jahr ging es um 13,8 Prozent nach oben. Das ist die beste Performance für ein Halbjahr seit dem durch Technologie-Aktien angetriebenen Boom des Jahres 1999.

Der Standard & Poor's 500, der mehr Unternehmen als der Dow Jones abbildet, ist im Quartal um 2,4 Prozent gestiegen. Im ersten Halbjahr hat er so 12,6 Prozent dazugewonnen, damit war es die beste Jahreshälfte seit 1998. Der Russel 2000, der die Aktien kleinerer Unternehmen verfolgt, ist um 2,7 Prozent gestiegen.

Auf den Anleihemärkten ging es dagegen bergab. Die Rendite auf die zehnjährigen Treasurys stieg am Freitag auf 2,49 Prozent, von 1,63 Prozent Anfang Mai und 1,84 Prozent Anfang April. Der Barclays -Index für kreditwürdige Unternehmensanleihen fiel um 3,3 Prozent Steigende Renditen bedeuten bei Staatsanleihen fallende Kurse.

Anleger vertrauten auf unveränderte Fed-Politik

Auch Aktien und Anleihen von Schwellenmärkten traf es stark. Dort mischten sich zur Sorge um die Fed auch Bedenken hinsichtlich Chinas Wachstum und den Unruhen in Brasilien und der Türkei. So fiel der MSCI-Index im Quartal um 9,1 Prozent.

Am stärksten jedoch erwischte es Gold. Das Edelmetall fiel im zweiten Quartal um 23 Prozent – mehr ging es nie zurück, seit der Handel mit Gold-Futures 1974 begann.

Bei den Aktien ging es im Allgemeinen bergauf. Doch im zweiten Quartal gaben die Papiere nach, die früher im Jahr kräftig gestiegen waren – so Anteile aus den Branchen Telekommunikation, Konsumgüter und Energieversorger. Der S&P Utilities Index für Energieunternehmen etwa gab 3,7 Prozent nach.

Die Anleger hatten Anfang des zweiten Quartals ihr Geld in Hochzinsanleihen und Aktien gesteckt, in der Annahme, die aggressive Lockerungspolitik der Fed würde kein Ende haben. Die Zentralbank kauft bisher Staatsanleihen für 85 Milliarden Dollar pro Monat, und hatte versprochen, die Zinsen bis 2015 nicht anzuheben.

Zwar sagen die Fed-Vertreter weiter, dass eine Entscheidung zum Anheben der kurzfristigen Zinsen zunächst nicht ansteht. Doch seit Mai deuten sie an, dass sie die Anleihenkäufe zurückfahren könnten.

Zwar wussten Anleger, dass das irgendwann eine Möglichkeit sein würde. Aber: „Sie dachten vorher:, Was ist, wenn die Bowle nach und nach weggenommen wird?' Jetzt denken sie: ‚Was passiert, wenn die Bowle sofort weggenommen wird? '", sagt Jason Pride, Chef der Anlage-Strategie beim Vermögensverwalter Glenmede, der 22 Milliarden Dollar anlegt.

Geldpoltik im historischen Vergleich weiter locker

Beim Fed-Treffen im Juni schien Chairman Ben Bernanke die Möglichkeit zu betonen, dass die Politik des lockeren Geldes bald vorbei ist. Das führte zu einer Kettenreaktion von Verkäufen, zum Teil dadurch, dass professionelle Investoren Handelsgeschäfte umkehrten, die auf geliehenem Geld basierten. „Die Marktreaktion legt nahe, dass mehr spekuliert wurde, als man dachte", sagt Strategas-Manager Trennert.

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Im Markt für Kommunalanleihen ging diese Umkehr bei schuldenfinanzierten Handelsgeschäften mit heftigen Verkäufen von einzelnen Investoren einher. In der Woche, die am 26. Juni endete, nahmen die Anleger einen Rekordbetrag von 4,5 Milliarden Dollar aus Fonds für Kommunalanleihen, wie Daten des Recherchedienstleisters Lipper ergeben. Die Preise fielen, insbesondere bei Langzeitanleihen – der Barclays Municipal Long Bond Index fiel im Juni um 4,4 Prozent, das schlechteste Monatsergebnis seit der Finanzkrise.

Doch trotz der Ankündigungen der Fed, ihre Anleihenkäufe herunterzufahren, dürfte die Zentralbank die Geldpolitik im historischen Vergleich weiterhin sehr locker halten, sagt Glenmede-Stratege Pride. „Wir glauben nicht, dass das vorbeigehen wird", sagt er. Zumindest würden die Marktbewegungen suggerieren, dass die Fed das lockere Geld „nicht auf sichere Art schnell wegnehmen kann".

In diesem Umfeld rät Pride den Anlegern, sich auf die Papiere von Unternehmen mit hohen Profiten und dem Potential, sowohl die Dividenden zu erhöhen, als auch das Geld in die eigene Firma zu stecken, zu konzentrieren. Investoren müssen die Gewinne „herauspressen", sagt er.

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