Amerikas neue Erdgasfunde haben bereits eine intensive Diskussion angefacht, ob man es exportieren solle oder nicht. Bald wird sich die Debatte auch um das Erdöl drehen.

Die Internationale Energieagentur IEA rechnet damit, dass die Vereinigten Staaten im Jahr 2030 zu einem Nettoexporteur von Erdöl werden könnten. Das sind verlockende Aussichten. Doch schon weit vor 2030 wird das Thema Rohölexporte Schlagzeilen liefern. Im nächsten Jahr zum Beispiel.

Die Ausfuhr von Öl ist in den Vereinigten Staaten in strenger Weise eingeschränkt. Raffinierte Ölprodukte wie Benzin können erheblich leichter verschifft werden – tatsächlich ist Amerika zum ersten Mal seit 1949 wieder zu einem Nettoexporteur von Benzin geworden. Raffinerien haben ihre Produktion zunehmend im Ausland angeboten, nachdem die Inlandsnachfrage angesichts der konjunkturellen Schwäche und dank verstärkter Sparbemühungen gesunken ist.

Der Boom im Ölgeschäft hat im US-Staat North Dakota tausende Arbeitskräfte angelockt. Hier eine Bohrstelle in der Nähe von Watford. Reuters

Schon bald wird die USA nicht ausreichend Raffineriekapazitäten haben, um die eigene Rohölschwemme zu verarbeiten. Der Ruf nach einer Beschränung der Exportbeschränkungen dürfte also bald laut werden. Das Bild zeigt Bohrarbeiter bei der Montage. Reuters

Der Druck, Rohöl zu exportieren, wird nicht dadurch steigen, dass die Vereinigten Staaten plötzlich keine Einfuhren mehr benötigen. So rechnet das US-Energieministerium damit, dass die Importe im nächsten Jahr etwa 39 Prozent des Ölbedarfs decken werden. Das Problem ist vielmehr die Logistik.

Die rapide Steigerung der Ölforderung an Land in Bundesstaaten wie North Dakota und der wachsende Nutzen, der aus kanadischen Ölsanden gezogen wird, hat im Mittleren Westen der USA bereits jetzt zu einer Ölschwemme geführt.

Rohöl aus eigener Förderung notiert preislich schon unter internationalen Bezugsgrößen wie der Nordseequalität Brent. West Texas Intermediate (WTI) wird gegenwärtig für 87 Dollar je Fass verkauft, das sind 22 Dollar oder 20 Prozent weniger als Brent gegenwärtig kostet. Qualitäten aus dem Inland sind bisweilen noch günstiger.

Raffinerien am Golf bald komplett ausgelastet

Während Raffinerien, Pipeline-Betreiber und Eisenbahngesellschaften investieren, um das günstigere Öl zu den großen Märkten zu transportieren, zum Beispiel an die amerikanische Ostküste, bevorzugt die eingespielte Logistik der Ölverarbeitung nach wie vor den Golf von Mexiko.

Fast die Hälfte der gesamten Raffineriekapazität der USA ist hier angesiedelt. Und die Cracker arbeiten in Volllast. Überdies sind viele von ihnen dafür ausgelegt, schweres Rohöl mit hohem Schwefelgehalt zu verarbeiten, während das im Mittleren Westen geförderte Rohlöl leicht ist und wenig Schwefel enthält, also „süß" ist.

Knapp unter 800.000 Fass leichtes süßes Rohöl werden derzeit täglich an die Golfküste zur Verarbeitung geliefert, schreiben die Analysten von Raymond James. Jetzt, da die Förderung im Inland zunimmt, werden die Importe dieses leichten Rohöls nach und nach durch heimische Lieferungen ersetzt. Raymond James schätzt, dass dieser Prozess bis zur zweiten Jahreshälfte 2013 abgeschlossen sein wird.

Die Raffinerien an der Golfküste werden ihre Anlagen optimieren, damit sie noch mehr von dem heimischen Öl verarbeiten können. Aber trotzdem wird es irgendwann einen Überschuss der Inlandsproduktion geben, für die eine Verwendung erst noch gefunden werden muss.

Deshalb steht zu erwarten, dass Ölförderer über kurz oder lang darauf drängen werden, dass die Beschränkungen zur Ausfuhr von Rohöl gelockert werden, in gleicher Weise, wie jetzt schon Druck beim Export von Erdgas gemacht wird. Erdgas steht für zwei Drittel der gesamten Förderung in den USA, doch die Gewinne und mit ihnen die Aktiennotierungen hängen mehr vom geförderten Öl ab.

Bremser werden Indsutrie und Verarbeiter sein

Während also die Förderer schon bald auf Exporterleichterungen drängen werden, dürften die Verarbeiter und die Industrie eher bremsen. Petrochemiekonzerne wie Dow Chemical profitieren von dem Überfluss beim eigenen Erdgas. Raffinerien können ebenfalls ihren besonderen Nutzen daraus ziehen, dass das Erdöl so billig zu haben ist. Der Aufschlag, zu dem Benzin gegenwärtig an der Golfküste gegenüber WTI verkauft wird, liegt bei 28 Dollar je Fass und damit so hoch wie fast noch nie.

Und hier kommt die Politik ins Spiel. Es ist unschwer vorstellbar, dass Gegner lockerer Exportvorschriften sagen werden, es sei ungerecht, amerikanisches Rohöl im Ausland zu verkaufen, während die US-Bürger unter hohen Benzinpreisen zu leiden hätten. Der Grund dafür liegt allerdings nicht bei den Förderunternehmen. Die Marge machen die Raffinerien, denn sie dürfen die Produkte der Verarbeitung auch andernorts vertreiben.

Amerikaner stehen beim Benzin im Wettbewerb mit anderen Abnehmern. Das ist der Grund, weshalb das Benzin vergleichsweise teuer ist. Wollte man daran etwas ändern, müsste man die Ausfuhren von Raffinerieprodukten beschränken; an einer solchen Form des Protektionismus haben aber weder die Raffineriebetreiber noch die Welt Interesse.

Ob ein solcher Unterschied politisch wirksam gemacht werden kann, ist eine andere Frage. Alle Politiker, Autofahrer und Anleger sollten dies bedenken: Sollten Ölförderer fortgesetzt gezwungen sein, aus Gründen der Logistik und wegen Handelsbeschränkungen zu sehr niedrigen Preisen zu verkaufen, werden sie irgendwann ihre Förderung drosseln.

Dann geht bei der Aussicht, dass Amerika sich zunehmend selbst mit Öl versorgen kann, der Schuss nach hinten los, und die Prognosen der IEA werden sich als falsch erweisen. Die Konsequenz wäre simpel: Verbraucher wie Weiterverarbeiter in Amerika müssten alle mehr zahlen für jene Stoffe, die aus dem Öl gemacht werden.

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