DUBAI - In den Golfstaaten hat die Rebellion junger Frauen eine der Wüste angepasste Form gefunden - die eines Kamelhöckers. In der Öffentlichkeit tragen Muslima üblicherweise einen langen schwarzen Mantel, den Abaya. Dazu einen schwarzen Schleier, den Shayla, der ihr Haupthaar überwiegend verdeckt. Beides soll Sittsamkeit signalisieren. Allerdings lassen die Kleidungsstücke wenig Raum für einen persönlichen Ausdruck.

Viele junge Frauen in den Emiraten konzentrieren sich deshalb auf eine zunehmend ausgefallenere Haarmode unterhalb des Schleiers, um sich eine individuelle Note zu geben. Mit Schwämmen, Nadeln und Haaren bauen sie Turmfrisuren auf ihren Köpfen.

Frauen, die derartige Kamelhöcker auf dem Kopf tragen, tun das nach dem Motto: Je größer, desto besser. Die Höcker können dabei eine erstaunliche Größe erreichen.

Gruppen solcher Kamelhöcker-Mädchen flanieren donnerstags ab dem Nachmittag durch die stinkvornehmen Einkaufszentren von Dubai, wenn dort das Wochenende beginnt. Sie bewegen sich vor den Läden auf und ab, in denen die neuesten Modeaccessoires von Gucci, Pradaund Ralph Lauren zu haben sind, oder treffen sich in Gruppen in den Cafés.

„Dass ich meine Haare in jede Form bringen kann, die ich mag und dass andere Menschen sich nach mir umdrehen und die Hälse recken, macht mich sehr zufrieden", sagt eine Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die dem Kult der Kamelhöcker anhängt. „Nicht alles sind meine eigenen Haare", fügt sie dann noch hinzu.

Was hinter den Höckern steckt

„Ich mache es, weil ich diesen Stil mag. Ich mache es nicht für das Aufsehen", sagt Layla al Mazmi, eine Universitätsstudentin aus den Emiraten, die einen beeindruckenden Haarturm auf dem Kopf trägt - zusammengehalten mit Haarspray und Nadeln. „Mir gefällt, wie es mein Gesicht schmückt", sagt sie.

Nach den Regeln des Islam und den sozialen Gewohnheiten müssen sich die modebewussten Frauen am Golf in der Öffentlichkeit verhüllen, deshalb konzentrierten sie sich lange auf Schuhe, Handtaschen und Schmuck.

Jungen Mädchen, so sagt Aysha al Busmait, Professorin und Managerin eines Staatsunternehmens in Dubai, eröffnet der Stil der Kamelhöcker die Möglichkeit, den Beschränkungen von Abaya und Schleier zu entfliehen. „Die Rebellion zeigt sich auf andere Weise, und viele Haare ist eine davon", erläutert sie.

Wie bei vielen Verrücktheiten, die von Teenagern gepflegt werden, haben die Träger der Kamelhöcker sich die Kritik und den Spott von Eltern und religiös Konservativen zugezogen.

„Es ist schwer zu verstehen, warum sie alle eine Einstein-Mähne zur Schau stellen. Ich kann das nicht nachvollziehen", sagt Geschäftsmann Khalifa al Suweidi, während er Tee trinkend mit seiner Verlobten in einem Café in Dubai sitzt.

Der Verdacht ist verbreitet, dass die aufgetürmten Haare am Ende nur dazu dienen sollen, Männer anzulocken. Gerade die jungen Frauen tun wenig, ihn auszuräumen. Zwar verbergen sie ihren Körper züchtig unter dem bauschenden Abaya, doch tragen Kamelhöcker-Mädchen nicht selten starkes Make-up und stöckeln mit grellen High-heels durch die Geschäfte der Stadt.

Die zwei Arten des Höckers auf dem Kopf

Zwei Arten des Kamelhöckers sind verbreitet: Der Gamboo'a - ein Wort aus dem Golf-Dialekt, das die arabischen Worte für Kegel und Hut verschmolzen hat - und der Bienenkorb.

Die Trägerinnen des Gaamboo'a konzentrieren sich darauf, das Kopftuch vom Nacken her zu vergrößern. Weil der Turm darunter gut kaschiert ist, verwenden sie oftmals übergroße schwammähnliche Kissen, Haarspray und andere Kunstgriffe, um ihren Haarturm größer erscheinen zu lassen.

Der Bienenkorb ist gewagter, er ist dazu angelegt, deutlich mehr Haar zu zeigen. Nach der islamischen Tradition dürfen Frauen in moderater Weise etwas Haar zeigen, gerade ausreichend, damit ein potenzieller Ehemann die Farbe erkennen kann.

Vertreterinnen des Bienenkorbs verspotten diese Konvention geradezu, indem sie ihre Locken einfach vom Gesicht aus aufwärts türmen, manchmal fußhoch, während ihr Kopftuch nur noch quasi darüber schwebt.

Seltsamerweise scheint die Mühe, die mit den Frisuren verbunden ist, von den Männern in den Emiraten nicht gewürdigt zu werden. Viele, die am Wochenende zwischen den Boutiquen herumlaufen, sind nach außen fest entschlossen, das alles zum Abgewöhnen zu finden. „Wie ein Pudel, der verstohlen aus einem Zelt hervorlugt", beschreibt ein männlicher Student den Haarstil der jungen Frauen.

Spott auf die Konventionen

„Es handelt sich um eine Verspottung der gesellschaftlichen Konventionen", sagt Aysha Abbasi, eine 18-jährige Studentin von der Zayed-Universität in Dubai, die den Kamelhöcker-Stil selbst pflegt. „Es gibt das Gerücht [...], dass sie Milchkartons in ihren Haaren verstecken, damit es nach mehr aussieht."

Auch in die Pop-Kultur hat der Haarstil Eingang gefunden. „Freej" ist der Name einer animierten Comicserie im Fernsehen, die die Kamelhöcker-Mädchen thematisiert. Eine modebesessene Emirati wird dort veralbert. Sie benutzt eine Pumpe, um ihr Haar in atemberaubender Weise zu vergrößern. In einer anderen Fernsehshow entwendet eine junge Frau einen Motorradhelm, um ihn unter dem Kopftuch zu tragen.

Einige bemühen den Propheten Mohammed, um Kamelhöcker-Mädchen als weiteren Ausdruck für den Verlust der öffentlichen Moral zu brandmarken. In seiner berühmten Beschreibung der Bewohner der Hölle sprach der Prophet von „Frauen, die bekleidet, aber doch nackt seien, die sich der Zügellosigkeit hingeben und andere dazu ebenfalls verführen mit Köpfen, die sich hin und her bewegen, wie die Höcker von einem Kamel."

Viele glauben, dass der Haarstil wie andere jugendliche Modetrends mit der Zeit verschwinden wird. Sie prophezeien, dass der Kamelhöcker eines Tages so ungebräuchlich sein wird wie der Irokesenschnitt in westlichen Gesellschaften.

„Rund um den Erdball probiert sich die junge Generation an neuen Dingen aus, entdeckt sich selbst", sagt Hala Kazim. Sie hat ein Programm für Frauen entwickelt, damit sie mit den Herausforderungen der modernen Gesellschaften besser zurechtkommen. „Ich glaube nicht, dass das lange bleiben wird. Ich glaube, es ist nur eine Phase, durch die sie hindurch müssen."

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