Ute Mahler hat 1990 den ostdeutschen Politiker Ibrahim Böhme fotografiert. Bei Dear Photography ist das Bild als Teil einer Reihe erhältlich. Ute Mahler

Aufregende Tage liegen vor Daniela Hinrichs. Vor zwei Wochen hat die Hamburgerin mit Dear Photography ihr jüngstes Projekt an den Start gebracht: eine Internetseite, über die sie hochwertige Bilder von bekannten Künstlern verkaufen will. Lief bis dahin vieles im Hintergrund ab, fängt die richtige Arbeit für Hinrichs nämlich jetzt erst an: Pressemitteilungen müssen geschrieben, weitere Kontakte geknüpft und Gespräche mit Künstlern und potenziellen Käufern geführt werden.

Hinrichs ist keine Unbekannte in der Start-up-Szene. Die Ehefrau von Xing O1BC.XE -1,03% Xing AG Germany: Xetra 90,36 -0,94 -1,03% 02 Sept. 2014 13:26 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2.024 KGV 60,24 Marktkapitalisierung 521,41 Millionen € Dividendenrendite 3,96% Umsatz/Mitarbeiter 157.168 € -Gründer Lars Hinrichs war 2003 am Aufbau des Business-Netzwerkes OpenBC beteiligt, das später umbenannt wurde. Von 2004 bis 2012 leitete sie dort die Presseabteilung und gründete 2006 Yellowdine Ventures. Dort investiert sie auch heute noch als Business Angel in erfolgsversprechende Geschäftsideen. Mit Dear Photography hat sie nun erstmals Geld in ein eigenes Start-up gesteckt.

Mit Fotografie kennt sich die Jungunternehmerin aus. Seit vier Jahren sammelt sie selbst, mehr als 100 Werke hat sie bisher gekauft und dabei Kontakte mit bekannten Künstlern geknüpft. Am Anfang half der Zufall etwas nach: Für ein privates Projekt suchte Hinrichs Rat beim Modefotografen F. C. Gundlach. Der 86-Jährige nahm sich Zeit und half ihr dabei, die richtigen Bilder und die beste Reihenfolge auszuwählen. Er erklärte ihr, was ein gutes Bild ausmacht, erzählte ihr von Künstlern, von sich selbst.

Wertschätzung gegenüber Fotografen fehlt

„Da war ich plötzlich infiziert", erinnert sich Hinrichs. „Da wusste ich, dass Fotografie mein Thema ist." Jahrelang hatte sie zuvor versucht, zu Malerei und zeitgenössischer Kunst eine Verbindung aufzubauen. „Das fand ich auch schön – ich hatte aber nie ein wirkliches Gefühl dafür." Bei Fotografie sei das jedoch ganz anders gewesen.

Weil sie viel Unterstützung erhielt, fiel der Einstieg in die Künstlerszene leicht. Früh merkte sie, dass es dort eine Menge Probleme gibt. Nicht nur die jungen Fotografen, sondern auch die älteren, mit Preisen ausgezeichneten Künstler, haben oft Schwierigkeiten, ihre Werke zu verkaufen. „Das ist jedoch nur ein Problem", sagt Hinrichs. Auf der anderen Seite würde die Sammlerschicht immer mehr wegbrechen. Ärzte und Unternehmer, die früher über viele Jahre Geld für Kunst ausgaben, gäbe es immer weniger.

Hinrichs analysierte zunächst die Probleme der Szene. Ein zentraler Punkt, der sich dabei herauskristallisierte, war die fehlende Wertschätzung gegenüber den Fotografen. „Wenn man sich die Gesellschaft ansieht, haben wir immer Künstler gebraucht, die vor- und mitgedacht haben. Künstler, die Dinge verarbeitet haben, wo es die Gesellschaft nicht konnte", sagt Hinrichs. „Da können wir uns nicht hinstellen und sagen, das ist schlechte Kunst, weil es mir nicht gefällt."

Hinrichs will darüber hinaus eine Hemmschwelle bei zahlreichen Menschen erkannt haben, einen Anbieter von Bildern anzusprechen. Zwar würden sich viele für Kunst interessieren und auch tatsächlich die Absicht äußern, ein Werk zu kaufen. Doch viele ihrer Bekannten kämen erst lieber auf Hinrichs zu, statt den direkten Weg zum Künstler zu wählen. „Sie suchen jemanden, dem sie vertrauen", sagt die 37-Jährige.

Hinrichs ist außerdem der Meinung, dass der Kunstmarkt einer der intransparentesten Märkte überhaupt ist. Das will sie ändern. Mit Hilfe des Internets möchte die Unternehmerin Strukturen aufbrechen und verändern. Sie ist überzeugt, dass online viele Probleme der Kunstfotografie gelöst werden können. Ein zentraler Punkt: die Vergrößerung des Käufermarktes. Künstler würden sich häufig auf ihre Arbeit konzentrieren und hätten Probleme damit, sich selbst zu vermarkten. „Da ist wieder das Problem: Käufer gibt es viel weniger als dass es gute Künstler gibt."

„Große Namen verkaufen großes Geld"

Mit Dear Photography will Hinrichs viele dieser Probleme überwinden. Zum Start werden Werke von neun Künstlern angeboten – darunter auch ein Debütant. Auf ihrer Seite gibt es laut Hinrichs bereits jetzt „bestimmt um die 500 Bilder" im Gesamtwert von „etwa 900.000 Euro". Die Verkaufsrechte an den Bildern besitzt Hinrichs exklusiv. Die Künstler kommen alle aus Deutschland, was „jedoch nicht so bleiben muss". Allerdings ist Hinrichs überzeugt, dass es allumfassende Kunstangebote im Internet schwer haben. Je spezialisierter, desto einfacher werde man gefunden. Junge deutsche Künstler seien darüberhinaus in der Regel gut ausgebildet, würden tolle Werke abliefern und das auch noch zu guten Preisen.

Porträt von Romy Schneider, aufgenommen von Modefotograf F.C. Gundlach 1961. F.C. Gundlach

Von den Verkäufen gehen 70 Prozent an die Künstler, 30 Prozent bleiben für Hinrichs. Damit liegt der Erlös der Fotografen laut Hinrichs 20 Prozent über den in der Branche üblichen Tarifen. Preislich geht es bei den Bildern bei 1.300 Euro los. Das obere Ende liegt bei 22.500 Euro – und einen Künstler gibt es, bei dem der Preis auf Nachfrage mitgeteilt wird. Zwei Wochen nach dem Start wurde zwar noch kein Bild verkauft, doch das Feedback sei bisher sehr positiv und Interessenten für bestimmte Werke gebe es auch, sagt Hinrichs.

Das oberste Ziel von Hinrichs war es laut eigener Aussage jedoch auch nicht, sofort Bilder zu verkaufen. Sie wollte vielmehr eine neue Präsentation von Fotografie zeigen und auf die Situation der Fotografen in Deutschland aufmerksam zu machen. „Große Namen verkaufen großes Geld", sagt Hinrichs. Für alle anderen bleibe da immer seltener Platz. Darum übernehmen einige selbst die Initiative – arbeiten mit und ohne Galerie, organisieren ihre eigenen Ausstellungen. „Wenn es um den hochklassigen Bereich geht, werden die Entscheidungen immer weniger aus dem Bauch heraus gefällt", sagt Hinrichs. Stattdessen würde ein Künstler über einen längeren Zeitraum beobachtet, die Werke genau analysiert.

Darum will Hinrichs die Geschichten zu den Bildern erzählen: Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Was wollte er ausdrücken? Sie empfindet es als elitär, wenn ein Bild einfach nur hingehängt und nicht erklärt wird, worum es geht. Ein offener Zugang sei zwar grundsätzlich nicht verkehrt. Wer jedoch tatsächlich Interesse an der Geschichte eines Fotos habe, der sollte die nötigen Informationen auch bekommen können. Auf ihrer Webseite finden sich darum neben vielen Bildern auch Erklärungen der Künstler.

„Viele Dinge in der Kunst brauchen Zeit", sagt Hinrichs. Darum sei ein Online-Angebot gerade richtig. Dort müsste nicht alle sechs Wochen eine neue Ausstellung bestückt werden. Hinrichs will den Menschen Zeit geben, sich mit dem Kunstwerk auseinanderzusetzen. Trotzdem bleibt das Problem, dass Menschen ein Bild in voller Größe sehen wollen, bevor sie es kaufen. Dafür hat Hinrichs eine Augmented-Reality-App entwickeln lassen, die demnächst für Apples iOS-Betriebssystem erscheinen soll.

Plattform für Künstler und Kunden

Wer sich einen Eindruck von einem bestimmten Bild machen will, der druckt zunächst ein DIN-A4-Blatt aus. Darauf befindet sich dann ein Code. Blatt und Code werden an eine Wand geklebt, wo das Bild vielleicht einmal hängen soll. Wurde die kostenlose App heruntergeladen und installiert, das entsprechende Bild ausgewählt, muss das iPhone nur noch über den Platz an der Wand gehalten werden, und das Bild erscheint in voller Größe. "So kommt Kunst nach Hause", sagt Hinrichs.

Wird ein Bild gekauft, liegt es in der Regel am Fotografen, das Foto in bester Qualität zu reproduzieren. Nur die wenigsten Fotos sind bereits vorhanden. „In 99 Prozent der Fälle wird das Bild dann gedruckt, wenn der Kunde es gekauft hat", sagt Hinrichs. Der Künstler schickt das fertige Werk dann nach Hamburg zu Hinrichs, wo die Qualitätsprüfung stattfindet.

Hinrichs versteht sich als Kunsthändlerin; als jemand, der vermittelt. Der eine Plattform anbietet, wo Künstler und Kunde direkt miteinander in Kontakt treten. Nachdem sie sich lange gegen die Idee gesträubt hatte, mit Dear Photography ein neues Unternehmen ins Leben zu rufen, wurde im September 2012 mit der Arbeit begonnen. Was Hinrichs bisher in das Projekt gesteckt hat, will sie nicht verraten. Finanziert wurde bisher jedoch alles aus eigener Tasche – das laut Hinrichs jedoch immer mit einem guten Gefühl.

„Wir haben bei der Malerei über viele Jahrhunderte gelernt, was ein Bild wert ist." Diese Erfahrung fehle bei Fotos. „Es gibt ein ungeheures Potenzial bei der Aufwertung von Fotografie, nicht nur beim künstlerischen Aspekt, sondern auch beim Verkaufsmodell." Genau das sei etwas, das Hinrichs an Dear Photography so spannend findet. Immer nur Kunst zu kaufen, ändere auf Dauer nichts. Ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln und Erfolg bei der Vermarktung von Bildern zu haben, darin liege der Reiz, darum sei das neue Projekt so aufregend.

Der Anfang ist gemacht, doch die wirkliche Arbeit geht jetzt erst los. Erste Erfolge sind jedoch bereits erkennbar. Je nach Tageszeit verbringen die Besucher bis zu 30 Minuten auf der Plattform. „Das war mein Ziel", sagt Hinrichs. „Die Seite so zu gestalten, dass man Bilder entdeckt. Man kann sich treiben lassen."

Kontakt zum Autor: joergen.camrath@wsj.com