Der Dax knackte am Dienstag sein Allzeithoch. Der Rekord steht jetzt bei 8.206 Punkten. Reuters

An den Börsen in New York, Frankfurt und Tokio überschlagen sich die Rekorde und Jahreshöchststände. Der deutsche Aktienindex Dax schoss am Dienstag auf einen neuen Rekordwert von 8.206 Punkten, der US-Index Dow Jones Industrial Average kletterte erstmals über 15.000 Punkte. Derart heftig ist die jüngste Rally, dass die Angst einiger Investoren, satte Gewinne zu verpassen, schon der Furcht vor einem neuen Ausverkauf gewichen ist.

Treibstoff für die Rekordjagd an den Aktienmärkten liefert vor allem die lockere Geldpolitik der Zentralbanken und die damit einhergehenden niedrigen Zinsen. Während an der Wall Street die neuen Bestmarken schon seit einigen Wochen zum Tagesgeschäft gehören, hat der Dax zum Erreichen seines jüngsten Allzeithochs etwas länger gebraucht. Erst die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank verlieh ihm den nötigen Schwung.

„Die Notenbanken fluten den Markt mit billigem Geld, und das aktuelle Zinsniveau lässt nur wenig Alternativen zum Aktienmarkt zu", sagte Anja Welz, Vorstand der Laureus AG Privat Finanz.

Am Dienstag senkte die australische Notenbank überraschend ihren Leitzins. Daraufhin kauften auch Anleger in den USA verstärkt Aktien und steigerten sowohl den Dow-Jones-Index als auch den S&P-500. Seit dem wilden Bullenmarkt des Jahres 1999 ist der Dow-Jones-Index nicht mehr derart drastisch gestiegen. Aber etwas ist diesmal anders: Der blinde Optimismus, der damals die Technologie-Blase am Aktienmarkt erzeugte, scheint diesmal zu fehlen.

Jubelnde Börsenhändler im Bullenmarkt 1999: Die jüngste Rally fällt so drastisch aus wie seit der Tech-Blase nicht mehr.

Vielmehr geben vorsichtige Anlagestrategien beim Aktienkauf den Ton an. Investoren bevorzugen dividendenstarke Titel. Und sie schütten ihr Geld weiterhin gern in die vermeintlich sicheren Häfen von Festzinsfonds – trotz der extrem niedrigen Renditen.

Sobald die Kurse etwas nur etwas sinken, sagen Händler, greife eine Welle von Anlegern zu. Auch kleinere Investoren sind dabei, die seit der großen Finanzkrise im Jahr 2008 eigentlich die Finger von Aktien gelassen haben. Viele würden jetzt wieder einsteigen, weil „das ein ziemlich widerstandsfähiger Markt ist", sagt Sean Lynch, weltweiter Investmentstratege bei der Privatbank Wells Fargo.

Am Dienstag stieg der Dow um 87 Punkte oder 0,6 Prozent auf 15.056,20 Punkte und setzte damit seine seit vier Jahren währende Rally fort. In dem Zeitraum hat sich der Index um fast 130 Prozent verbessert, ohne ein einziges Mal um 20 Prozent oder mehr einzubrechen – was Zeichen für einen Bärenmarkt-Abschwung wäre.

Eine derartige Gewinnsträhne gab es zuletzt 1958

Und noch ein Rekord lässt sich aufstellen: In 87 Tagen hat der Dow kein einziges Mal drei Tage am Stück Verluste gemacht. Eine derartige Gewinnsträhne gab es seit 1958 nicht mehr. Das letzte Mal, dass der Dow um 5 Prozent sank, war vor knapp sechs Monaten. Und der letzte 10-Prozent-Sturz fand im Zuge der europäischen Schuldenkrise im Sommer 2011 statt.

„Die Risiken scheinen sich wirklich zerstreut zu haben", sagt Benjamin Pace, Chef der Vermögensallokation im Bereich Personal Wealth Management der Deutschen Bank.

Die Aktien-Rally zeigt, wie sehr Anleger in die Kraft der US-Wirtschaft vertrauen. Gleichzeitig aber ist die Konjunktur nicht stark genug, als dass die Notenbank Federal Reserve ihre lockere Geldpolitik einstellen würde. Ihre aggressiven Bemühungen, den Leitzins auf extrem niedrigen Niveau zu halten, gelten als wichtigster Faktor für das Hoch auf dem Aktienmarkt.

Das sind die besten deutschen Aktien seit 2007:

Weil Bargeld und Geldmarktfonds so gut wie keine Renditen bringen und auch Staatsanleiherenditen auf historischen Tiefständen liegen, halten immer mehr Anleger den Aktienkauf für die derzeit beste Option – obwohl die US-Wirtschaft kaum Fahrt aufnimmt und die Berichtssaison eher schwach verläuft. In Deutschland dagegen verläuft die Berichtssaison bisher recht ordentlich, was den Dax stützt.

An der Wall Street beeilen sich Aktienstrategen großer Investmentbanken bereits, ihre Jahresprognosen für die Zielwerte am Aktienmarkt zu erhöhen. Sie reagieren auch auf eine Schwemme an Privatanlegern, die wieder zu Aktien greifen. Beim US-Broker Fidelity etwa wurde im vergangenen Quartal rund zwei Drittel mehr Vermögen in Wertpapiere investiert als noch vor einem Jahr. „Das Vertrauen der Leute kommt zurück", sagt Ram Subramaniam, Präsident der Broker-Sparte von Fidelity.

„In ein paar Jahren will ich mir ein Haus kaufen"

Es sind Leute wie Christopher Khan, ein 21 Jahre alter Student am Boston College, der sich mit Spekulationen am Aktienmarkt zunehmend wohl fühlt. „Halsbrecherisch", nennt Khan die Geschwindigkeit, mit der der Markt steigt. Er selbst will nach seinem Examen in der Softwareentwicklung arbeiten und reinvestiert zurzeit alle Gewinne, die er mit Aktienkäufen macht. Der S&P 500 könnte bis Jahresende auf 1.700 Punkte steigen, sagt er und jubelt schon: „Ich habe das Gefühl, dass ich mir in ein paar Jahren ein Haus kaufen will."

Trotzdem bleiben gewisse Zweifel. Die Gewinne am US-Aktienmarkt wurden in diesem Jahr vor allem von Aktien in den eher ruhigen Ecken getrieben: von Konsumgüterwerten, Energie- und Telekomaktien, darunter Konsumgüterriese Procter & Gamble PG -0,56% Procter & Gamble Co. U.S.: NYSE $83,97 -0,48 -0,56% 30 Sept. 2014 15:52 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,05 Mio. KGV 20,04 Marktkapitalisierung 228,58 Milliarden $ Dividendenrendite 3,07% Umsatz/Mitarbeiter 703.915 $ und Molkereifirma Dean Foods. DF +0,80% Dean Foods Co. U.S.: NYSE $13,28 +0,11 +0,80% 30 Sept. 2014 15:52 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,06 Mio. KGV 3,42 Marktkapitalisierung 1,23 Milliarden $ Dividendenrendite 2,10% Umsatz/Mitarbeiter 511.710 $ Es sind Konzerne, auf die Anleger wegen ihrer stabilen Gewinne und Dividenden setzen – nicht wegen ihrer Wachstumschancen.

Auch die Beliebtheit von Staatsanleihen zeigt, wie defensiv sich Anleger verhalten. Diese spiegeln normalerweise die Angst vor einer Rezession wider. Am Freitag erst sank die Rendite der zehnjährigen Benchmark-Anleihen der US-Regierung im Zuge der hohen Nachfrage auf unter 1,63 Prozent – einen der niedrigsten Werte der Vergangenheit.

Beliebt sind zudem Unternehmensanleihen. In den ersten 17 Wochen dieses Jahres pumpten Anleger laut der Thomson-Reuters-Sparte Lipper eine Rekordsumme von 55,2 Milliarden Dollar in Investmentfonds und Indexfonds, die in Konzernschulden mit Gütesiegel investieren. In Aktienfonds, darunter auch Indexfonds, flossen im selben Zeitraum 54,5 Milliiarden Dollar.

Im Jahresverlauf legte der Dow-Jones-Index rund 14 Prozent zu und damit in etwa doppelt so stark wie der Dax, der seit Jahresbeginn lediglich 7,5 Prozent zugelegte. Noch heftiger stieg der japanische Nikkei-Index, der seit Jahresbeginn um rund 36 Prozent zugelegt hat. Dies gilt allerdings nur für die heimischen Investoren. Für den Dollar-Investor, dem die Schwäche im Yen zu schaffen macht, fiel der Anstieg weniger gravierend aus. Der Dollar legte gegenüber dem Yen seit Jahresultimo um knapp 15 Prozent zu. Unter dem Strich blieb für den US-Investor beim Kauf des Nikkei-225 immerhin noch ein Plus von 21 Prozent übrig.

Beim Vergleich der internationalen Indizes muss jedoch beachtet werden, dass es sich bei den meisten großen Indizes wie dem Dow-Jones oder dem Nikkei 225 um Kursindizes handelt, also die Kurse der Aktien die Grundlage für die Berechnung liefern und Dividendenzahlungen nicht in die Berechnung einfließen. Beim Performance-Indizes wie dem Dax werden dagegen auch sämtliche Einnahmen aus dem Besitz der jeweiligen Aktien wie auch Dividenden mit hinein gerechnet. Damit liegt der Dax auf Grund seiner Berechnung klar im Vorteil.

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