Viele Beobachter erwarten von US-Präsident Barack Obama eine klarere Linie zum Syrien-Konflikt. Associated Press

Vergangene Woche traten zwei ehemalige Sicherheitsberater des US-Präsidenten vor die Kameras, um über die Rolle der USA in Syrien zu sprechen. Die beiden vermittelten dabei genau entgegengesetzte Ansichten, wodurch sie unabsichtlich das Dilemma zusammenfassen, in dem sich die USA befinden.

Stephen Hadley, Sicherheitsberater von Präsident George W. Bush, sagte in einem Videointerview mit dem Wall Street Journal, dass es „längst überfällig" sei, dass die USA sich stärker für den Sturz des syrischen Regimes engagierten. Die Gewalt könnte sich von Syrien auf die ganze Region ausbreiten, weshalb die USA den moderaten Oppositionellen helfen sollten, die „nach Waffen hungern".

Etwa gleichzeitig trat Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, bei Bloomberg Television auf und warnte davor, dass ein militärisches Engagement der USA in Syrien zu einem „großen Desaster" werden könnte. Die USA müssten vorsichtig sein, dass sie bei dem Konflikt nicht zum wichtigsten Protagonisten würden, und das „nicht nur in Syrien, sondern in der ganzen Region", sagte Brzezinski.

Diese unterschiedlichen Ansichten zeigen, dass es beim Konflikt in Syrien keine perfekte Lösung gibt. Doch es sind gerade drei große Bedenken, die Präsident Barack Obama bisher davon abgehalten haben, sich in Syrien einzumischen. Diese Bedenken sind gerade jetzt relevant, da der syrische Präsident Baschar al-Assad womöglich chemische Waffen eingesetzt hat und israelische Luftangriffe eine Eskalation der Gewalt möglich machen. In dieser Situation sind alle Optionen wieder offen.

Zbigniew Brzezinski warnt vor einem militärischen Eingreifen der USA in Syrien. Agence France Presse/Getty Images

Einige Stimmen in Washington wollen der Opposition Waffen liefern, während andere direkte Luftangriffe der USA auf syrische Flugplätze und die Luftabwehr verlangen, um es dem Regime zu erschweren, neue Waffen ins Land zu transportieren. Wieder andere wollen eine Flugverbotszone etablieren, damit die Opposition sich organisieren kann, ohne syrische Luftangriffe fürchten zu müssen.

Also was hält die USA noch zurück? In privaten Unterhaltungen nennen Regierungsvertreter drei wichtige Probleme, die Obama zögern lassen: Als Supermacht können es sich die USA nicht leisten, zögerlich aufzutreten. Wenn Amerika eingreift, so wird argumentiert, muss das entscheidende Auswirkungen haben. Ansonsten riskieren die USA, schwach zu erscheinen, was wiederum Konsequenzen für die Konflikte mit Iran und Nordkorea haben könnte. Andere Staaten genießen den Luxus, dass sie ihre Pflicht schon erfüllt haben, wenn sie sich in geringem Maße engagieren.

Das bedeutet zum einen, dass die USA, wenn sie sich entscheiden, der Opposition zu helfen, genug Waffen liefern müssen, um für eine Wende im Konflikt zu sorgen und das Ende des Assad-Regimes zu garantieren.

Video auf WSJ.com

The fighting in Syria is fundamentally changing the security equation along its borders with Jordan, Lebanon and the Israeli-controlled Golan Heights. WSJ's Bill Spindle reports. (Photo: Getty)

Doch das hätte zur Folge, dass die USA unweigerlich auch einige der Bösewichte in der Opposition bewaffnen würden. Diese Gruppe besteht aus Militärsvertretern, die sich vom Assad-Regime abgewendet haben, Feinde von Assads alawitischer Konfessionsgruppe und Islamisten, die mit al-Qaida in Verbindung stehen.

Das Problem ist, dass diese islamistischen Kräfte derzeit in der Opposition aufzusteigen scheinen. Hadley glaubt, dass das eine direkte Konsequenz davon ist, dass sich die USA nicht früher eingeschaltet und die moderaten Oppositionellen gestärkt haben. Jedoch sei immer noch genug Zeit, um die moderaten Kräfte unter Salim Idris, einem ehemaligen Offizier des syrischen Militärs, zu unterstützen.

Gleichzeitig argumentieren zwei prominente Politiker gegen diese Strategie. Der Republikaner Peter King aus New York und der Demokrat C.A. „Dutch" Ruppersberger aus Maryland sprachen sich am Sonntag gegen Waffenlieferungen aus. Laut King stärke man automatisch al-Qaida, wenn man die Rebellen bewaffne.

Rebellen der Freien Syrischen Armee bereiten sich in Damaskus auf den Kampf vor. Reuters

Wenn man sich als Supermacht in einen Konflikt einschaltet, ist man für immer für die Konsequenzen verantwortlich. Amerika hat bei den Konflikten in Irak und Afghanistan gelernt, dass sich andere Länder zurückziehen, sobald die USA eingreifen. Dann steht Washington in der Verantwortung, nach dem Ende der Kämpfe wieder aufzuräumen.

In Syrien, einem Land voller unterschiedlicher Konfessionsgruppen, könnten diese Aufräumarbeiten Jahre dauern oder sogar nach hohen menschlichen und finanziellen Opfern fehlschlagen.

All diese Bedenken machen Sinn, und doch könnten bald die Sorgen überwiegen, dass die Gewalt in Syrien auch die Grenzen zu Jordanien, Irak, Libanon und Israel destabilisieren würde.

Eines scheint sicher zu sein: Sollte die US-Regierung sich trotz ihrer Bedenken entscheiden, sich in Syrien einzumischen, wäre sie dort nicht allein. Die Zurückhaltung des Präsidenten deutet darauf hin, dass er nur mithilfe von Verbündeten wie Großbritannien, der Türkei oder der Nato eingreifen würde.

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