Die europäischen Märkte beendeten 2012 so, wie sie auch 2011 beendet hatten: Mit Erleichterung darüber, dass die Eurozone nicht auseinandergebrochen ist, aber Sorge vor dem, was als nächstes kommt.

Die Herausforderung für europäische Anleger wird im neuen Jahr darin bestehen, dass sie lernen müssen, mit der Dauerkrise zu leben. Auf einem Kontinent, der jederzeit abstürzen kann, müssen sie darauf hoffen, die richtige Risikobalance zu finden. Die jüngste Vergangenheit hat bewiesen, dass es sich lohnt, vorsichtig zu handeln.

Bulle an der Frankfurter Börse: 2012 kamen die Aktienkäufer auf ihre Kosten. Der Dax gewann 29 Prozent. dapd

Ende 2011 zogen die üppigen Langfristkredite der Europäischen Zentralbank für Banken die Anleiherenditen nach unten, aber den Aktienkursen verliehen sie Schwung. Allerdings hielt die Ruhe nur wenige Monate. Bereits im Frühjahr hatten die politischen Wirren in Griechenland und die spanischen Finanzprobleme die Krise wieder voll auf Touren gebracht, die Märkte rutschten ab.

Davon ist nicht mehr viel zu spüren: Ende 2012 haben die Märkte längst wieder die Richtung gewechselt und schauen auf eine wilde Rally zurück. Ein weiteres Programm der EZB hat die Panik überdeckt.

Aber was erwartet Anleger 2013?

In der jüngeren Vergangenheit haben die schwache Wirtschaft und die politisch schwierige Krisenbekämpfung Europa durcheinandergebracht. Diese beiden Themen bleiben als Quellen für Probleme und Unsicherheit erhalten.

Themespecial

Sowohl die Europäische Kommission als auch der Internationale Währungsfonds sagen für die Eurozone für 2013 ein laues Wachstum voraus – die Kommission erwartet 0,1 Prozent Plus, der IWF 0,2 Prozent. Ein Großteil des Wachstums wird aus Deutschland kommen, ein verhaltener Beitrag zudem aus Frankreich. In Italien, Spanien, Griechenland und Portugal wird die Wirtschaft schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen.

Der politische Kalender ist zudem voll. Italien wird im Februar landesweite Wahlen abhalten, aus der die Parteien, die sich gegen die Sparpläne stellen, gestärkt hervorgehen könnten. Griechenland, das ein turbulentes Jahr mit dem erfolgreichen Rückkauf eigener Schulden beendete, könnte nach wie vor auf einen Schuldenerlass anderer Eurostaaten angewiesen sein, um zu überleben. In Deutschland wird im Herbst gewählt, der Wahlkampf dürfte den Tatendrang der Politiker bremsen.

Spanien schließlich wird sich vermutlich doch irgendwann gezwungen sehen, offiziell um ein Hilfspaket zu ersuchen, um die Staatsgeschäfte weiter finanzieren zu können. Wie und wann ein solcher Hilfsantrag gestellt wird und wie die Märkte darauf reagieren werden, weiß niemand.

Viele Probleme in Europa bleibt also ungelöst. Für die meisten Beobachter gilt als größte Errungenschaft des Jahres 2012 denn auch, dass man das lähmende Schreckgespenst des kompletten Chaos verbannen konnte, das die europäischen Finanzmärkte über weite Teile von 2010 und 2011 belastet hatte. Zu verdanken ist das vor allem einem tiefgreifenden Wandel der EZB – weg von einer Institution, die nur widerwillig eine Rolle als Krisenkämpfer annimmt, zu einer, deren Präsident im Juli ankündigte zu tun „was immer notwendig sein wird", um den Euro zu retten. Ein Zerfall der Eurozone erscheint dadurch jetzt weit weniger wahrscheinlich oder zumindest nicht mehr unmittelbar bevorstehend.

Sorgen vor Armageddon-Szenario schwinden

"Die Leute haben das Gefühl, dass sich die Armageddon-Szenarien zerstreuen", sagt Marisa Drew, Co-Chefin für weltweite Marktlösungen bei der Credit Suisse CSGN.VX -0,62% Credit Suisse Group AG Switzerland: SWX Europe CHF25,70 -0,16 -0,62% 22 Aug. 2014 11:33 Volumen (​15 Min. verzögert) : 915.790 KGV N/A Marktkapitalisierung 40,92 Milliarden CHF Dividendenrendite 2,72% Umsatz/Mitarbeiter 740.848 CHF in London.

Zerstreut bedeutet allerdings nicht komplett ausgelöscht. Viele Anleger zögern aufgrund der Verwerfungen der vergangenen Jahre nach wie vor mit Entschlüssen. Unter dem Strich hat die Schuldenkrise die Anlagelandschaft in Europa verwandelt. Investoren haben Geld aus Problemländern herausgezogen und in diesem Zug ein neue, Billionen Euro schwere Anlageklasse geschaffen: die der riskanten westeuropäischen Staatsanleihen.

Die Aktien des Jahres

Viel Geld ist in Anlagen geflossen, die als sicher erachtet werden – deutsche Bundesanleihen etwa, britische Gilts oder den Schweizer Franken. Sogar dänische Staatspapiere erlebten 2012 einen Mini-Boom. Im Ergebnis haben viele Anleger jedoch nur geringe Renditen erzielt.

Die sicheren Häfen waren das ganze Jahr über stark gesucht, im zweiten Halbjahr bescherte ein Schwung an neuem Vertrauen jedoch anderen Sektoren eine massive Rally: Der breit gefasste Aktienindex Stoxx Europe 600 beendete das Jahr mit einem Plus von 14 Prozent, allerdings nach einem turbulenten Verlauf: Einem Anstieg um 10 Prozent folgte ein Rückschlag, der ihn 5 Prozent unter das Vorjahresniveau drückte, ehe es wieder in die Gegenrichtung ging. Zehnjährige spanische Anleihen beendeten das Jahr mit einer Rendite von 5,23 Prozent in etwa dort, wo sie es begonnen hatten. Zuvor war die Rendite, die immer dann steigt, wenn die Preise fallen, aber auf mehr als sieben Prozent nach oben geschossen.

Alles in allem fällt die Bilanz der meisten großen europäischen Aktienindizes positiv aus. Lediglich der spanische Ibex schrieb rote Zahlen. Der deutsche Aktienindex Dax dagegen stieg 2012 um 29 Prozent, auch die Aktienmärkte in Österreich, Belgien und – ausgerechnet – Griechenland erlebten ein starkes Jahr.

Unternehmenanleihen bevorzugt

Wie es in Griechenland weiter geht, ist schwer zu sagen, aber die allgemeine Stärke am Aktienmarkt könnte sich 2013 fortsetzen. Investoren, die mehr ins Risiko gehen wollen, dürften Aktien attraktiv finden, meint Credit-Suisse-Expertin Drew. Wer Aktien aus den Krisenstaaten Südeuropas kaufen wolle, müsse aufgrund der Brüchigkeit ihrer Volkswirtschaften aber weiter auf der Hut sein. Die Anleger sollten "nach defensive Möglichkeiten suchen – Dingen, die weniger stark vom verfügbaren Einkommen der Konsumenten abhängen", sagt Drew. Denn dies seien die Bereiche, die in der Theorie als erste leiden würden.

Zu den bevorzugten Strategien der Investoren, die etwas zusätzliche Rendite erzielen wollte, gehörte 2012 der Kauf von Unternehmensanleihen. Für viele boten diese einen anständigen Aufschlag gegenüber Bundesanleihen ohne die Unsicherheit von riskanteren spanischen oder italienischen Staatsanleihen. Der Index für hochverzinsliche europäische Anleihen von Merrill Lynch ist im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen. Auch dieser Trend könnte sich fortsetzen.

Aber auch hier gilt: Vorsicht ist angesagt. Standard & Poor's geht davon aus, dass die Kreditqualität der Unternehmen 2013 gering bleiben und die schleppende Produktion die Firmen belasten wird. Die Ausfallrate bei Unternehmen mit Ratings unterhalb des Investment-Grade dürfte relativ hoch bleiben. Für Ende 2013 erwartet S&P einen Wert von 6,8 Prozent.

Firmen haben üppige Kapitalpuffer aufgebaut

Paul Watters, Leiter der Unternehmensanalyse bei S&P, sagt, es gebe nach wie vor eine starke Teilung des Marktes. Firmen am unteren Rand des Kreditspektrums und die meisten kleinen Unternehmen hätten nach wie vor wenig Zugang zu den Kapitalmärkten. Und die Investoren seien immer noch erpicht auch besicherte Schuldpapiere. "Das spiegelt den nach wie vor sehr disziplinierten Ansatz der Anleger wieder", sagt Watters.

Bei einer bedachten Wahl der Unternehmen haben Anleihen eine Reihe von Vorzügen. Die Zentralbanken haben es nicht eilig, die Zinsen wieder anzuheben, was Bondkäufer unter Druck setzen würde. Und die Unternehmen haben üppige Kapitalpuffer aufgebaut.

"Der Sektor der Unternehmenskredite steht sehr gut da", sagt Ross Pamphilon, Co-Chef-Anlagestratege bei ECM, einem auf Anleihen spezialisierten Londoner Vermögensverwalter, der rund 9,5 Milliarden Dollar verwaltet. "Wir denken, dass der Banksektor allmählich eine Phase der Rekapitalisierung durchläuft und vor einer langen Phase des Schuldenabbaus. Für Bondanleger ist das sehr gut."

Angesichts einer Rendite von weniger als 1,5 Prozent für zehnjährige deutsche Staatsanleihen dürften viele Anleger in den sicheren Häfen zunehmend unruhig werden. "Renditen von vier bis fünf Prozent dürften dieser Tage viele Investoren anlocken", erwartet Pamphilon.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de