NEU-DELHI – Die indische Regierung könnte erneut die Importsteuer auf Gold erhöhen. Damit soll die Nachfrage nach dem Edelmetall gedämpft werden, die maßgeblich zu der klaffenden Lücke in der Leistungsbilanz des Landes beiträgt. „Wir haben vielleicht keine Wahl, außer die Einfuhr von Gold etwas teurer zu machen", sagte Finanzminister P. Chidambaram am Mittwoch vor der Presse. „Die Regierung prüft diese Angelegenheit." Laut zwei Beamten in seinem Ministerium könnte die Steuer innerhalb einer Woche von 4 auf 5 Prozent angehoben werden. Ende Februar, wenn der Jahreshaushalt vorgelegt wird, könnte diese Satz dann auf 6 Prozent steigen.

Indien ist der größte Goldimporteur der Welt. 60 bis 65 Prozent davon werden als Schmuck verkauft, meist für Hochzeiten oder religiöse Feste. Händler glauben, dass eine höhere Importsteuer daher wenig Auswirkung auf die langfristige Nachfrage haben wird. In der indischen Politik könnte es aber einen Aufschrei geben, wie schon bei der Verdoppelung der Zölle im vergangenen Jahr.

Der größte Teil des eingeführten Goldes wird in Indien als Schmuck verkauft. Ajay Verma/Reuters

Der Regierung bereitet aber das Bilanzdefizit Sorgen, das schwer auf der Rupie lastet. Nach Öl ist Gold der meistimportierte Rohstoff in Indien. Im Fiskaljahr bis März 2012 wurde Gold im Wert von etwa 45 Milliarden Euro eingeführt; im Jahr davor waren es nur gut 30 Milliarden.

Ein von der indischen Notenbank eingesetzte Kommission hat aber festgestellt, dass höhere Preise allein die Goldnachfrage nicht dämpfen werden. In einem Bericht, der am Mittwoch vorgestellt wurde, heißt es, dass neue Sparprodukte eingeführt werden müssen, um die Anleger vom Gold abzubringen. Der Goldpreis in Indien hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt – ein lukratives Investment. Die Kommission glaubt daher, dass „der Schlüssel zur Verringerung der übermäßigen Nachfrage nach Gold in alternativen Instrumenten mit einer realen Rendite liegt".

Banken sollten neue, auf Gold basierende Produkte anbieten, die die Nachfrage nach Importen verzögern oder verringern. Dazu könnten etwa Rentenpläne für Ruheständler oder Goldzertifikate zählen, bei denen der Emittent das Gold nicht komplett physisch besitzen muss. Auch durch Steuererleichterungen auf solche Produkte könnten die Anleger vom materiellen Gold weggelockt werden.

Indien hat schon früher versucht, die Steuern für Gold zu erhöhen. Im März 2012 wurde unter anderem die Importsteuer auf 4 Prozent erhöht. Daraufhin streikte die Schmuckindustrie aus Protest. Die Regierung nahm einige Maßnahmen zurück, ließ die Steuer aber unverändert.

Nach Daten der globalen Lobby-Organisation World Gold Council hat Indien von Januar bis September vergangenen Jahres 607,6 Tonnen Gold importiert, 24 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Für die Regierung ist das aber immer noch zu viel.

Von April bis September 2012 hat Indien laut Finanzminister Chidambaram Gold im Wert von 15 Milliarden Euro eingeführt. In der zweiten Hälfte des Fiskaljahrs ist der Verbrauch aber in der Regel deutlich höher, weil dann traditionell mehr Hochzeiten und Feiertage anstehen.

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Wie Daten der Notenbank vom Montag zeigen, hat sich Indiens Leistungsbilanzdefizit im Quartal von Juli bis September auf 16,9 Milliarden Euro ausgeweitet; das entspricht 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung und ist ein Rekordwert für das Land. Die Lücke in der Handelsbilanz, dem wichtigsten Verursacher des Defizits, lag in diesem Zeitraum bei 36,6 Milliarden Euro.

Finanzminister Chidambaram sagte am Mittwoch, die Regierung könne das Leistungsbilanzdefizit mit dem Einfluss ausländischen Kapitals überbrücken. „Ich bin zuversichtlich, dass selbst wenn das Fiskaljahr mit einem etwas höheren Defizit endet, wir das finanzieren können, ohne auf die Devisenreserven zurückzugreifen", sagte er.

Erst kürzlich hatte die Regierung die Vorschriften für ausländische Investoren in Sektoren wie Einzelhandel, Versicherungen oder Rundfunk gelockert und einige große Industrieprojekte beschleunigt. Dadurch soll das Interesse ausländischer Anleger wieder geweckt und mehr ausländisches Kapital eingenommen werden.

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