Lange Jahre konnten die Kaliproduzenten weltweit auf steigende Preise setzen. Jetzt hängt ihr Schicksal an Kleinbauern. An Leuten wie Virender Kumar Rai.

Kumar Rai ist von Kali zu billigeren Düngemitteln umgestiegen, um auf seinem Landfleck im Osten Indiens Reis, Getreide und Gemüse zu ziehen. Etwa synthetisch hergestellter Harnstoff. „Der reicht mir völlig", sagt Rai.

Von 1999 bis 2009 ist der Preis für Kali etwa um das Fünffache gestiegen. Denn die Weltbevölkerung stieg, und eine wachsende Mittelschicht in Schwellenländern wie China und Indien konnte sich mehr Nahrungsmittel aus der Erde leisten. Die großen Produzenten bauten ihre Salzminen aus. Bis zum Jahr 2015 wird die kanadische Potash Corp. Of Saskatchewan – der zweitgrößte Kaliproduzent der Welt nach der russischen Uralkali - ihre Produktionskapazitäten verdoppelt haben, verglichen mit 2003.

Mit einer Kette ist ein Tor zum Betriebsgelände des stillgelegten Bergwerkes Siegfried-Giesen der K+S gesichert. dapd

Kleine Neugründungen machten es den großen nach, genauso Minengiganten wie BHP Billiton, die ins Kaligeschäft drängten. BHP wollte eigentlich die Potash Corp. kaufen. Als die kanadische Regierung das im Jahr 2010 verbot, fing BHP an, seine eigene große Mine in Kanadas Provinz Saskatchewan zu bauen – dort liegt etwa die Hälfte der weltweiten Kalibestände.

Seit 2002 ist die weltweite Kapazität an Kali um knapp ein Drittel auf rund 64 Millionen Tonnen gestiegen, sagen Analysten der Bank of Nova Scotia. Aber die Nachfrage sinkt schon wieder – für das vergangene Jahr wird sie auf neun Prozent geringer als im Spitzenjahr 2007 geschätzt. Ohnehin ist die Nachfrage der Schwellenländer nie so stark angestiegen, wie es die Branche sich erhofft hatte.

Daran hat auch der größte deutsche Kalihersteller K+S zu knabbern. Am Donnerstag haben die Analysten der Citigroup die Einstufung für die Aktie von „Kaufen" auf „Neutral" gesenkt – der Grund sind die sinkenden Weltmarktpreise. Die LBBW belässt K+S auf „Kaufen", hat aber das Kurziel gesenkt.

Finanzkrise verhagelte die Kali-Nachfrage

Als die Finanzkrise kam, stiegen viele Bauern auf billigere Alternativen um. So wollen sich die wenigsten indischen Bauern das Kali noch leisten - die Regierung hat die Subventionen vor zwei Jahren zusammengestrichen, außerdem wurde die Rupie billiger, was importierte Kalisalze noch teurer machte.

Kali ist eine Mischung verschiedener kaliumhaltiger Salze. Die sind essentiell für viele Pflanzen. Kali wird aus Erz gewonnen, das in Minen gefördert wird, die oft mehr als einen halben Kilometer unter der Erde liegen. Die Bauern bekommen es als Dünger in Puderform, der Pflanzen schneller wachsen lässt und sie widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten macht.

Eine stillgelegte Salzgrotte, die jetzt ein Museum ist - so könnte es auch anderen Minen gehen, wenn die Nachfrage nach Kali weiter sinkt. dapd

Kumar Rai, der Kleinbauer im Osten Indiens, muss jetzt das zweieinhalbfache für einen Sack mit gut 40 Kilo Kali bezahlen. „Die Preise sind in den Himmel geschossen", sagt er. Für synthetisch hergestellten Harnstoff, oder Urea, zahlt er gerade mal die Hälfte.

Durch die fallende Nachfrage leidet die Branche unter massiven Überkapazitäten. Der Finanzdienstleister BMO Capital Markets sagt voraus, dass selbst dann, wenn keine neuen Minen gebaut werden, die Kapazitäten die Nachfrage in drei Jahren um etwa ein Fünftel übersteigen. „Die Kapazität steigt, aber die Nachfrage nicht", sagt Ben Isaacson, Analyst bei der Scotiabank.

Firmen drosseln Produktion

So sind die Preise seit der Wirtschaftskrise abgefallen. Kali aus dem kanadischen Vancouver etwa ist noch rund 425 US-Dollar pro Tonne wert – weniger als die Hälfte der 860 Dollar, zu denen sich der Dünger zu Spitzenzeiten im Jahr 2009 verkauft hat.

Eine Handvoll Firmen hat die Kaliproduktion in der Hand. Sie verkaufen fast alle produzierten Salze durch zwei weltumspannende Handelsgruppen. So funktionieren sie wie ein Kartell. Gegen den Preisverfall konnten sie trotzdem wenig tun. Gerade senken die Firmen ihre Fördermengen. Potash hat vier kanadische Minen zeitweilig geschlossen. Uralkali sagt, sie wolle im ersten Quartal 2013 nur die Hälfte ihrer Kapazität nutzen. Im ersten Quartal des vergangenen Jahres waren es noch 70 Prozent, im Jahr davor 100 Prozent.

Am Montag hat Canopex – der Händler der größten Produzenten Nordamerikas – gesagt, er habe ein neues Belieferungsabkommen mit dem chinesischen Importeur Sinofert geschlossen. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres kostet Kali die Chinesen 70 Dollar pro Tonne weniger als nach dem vergangenen Vertrag. Das sind 15 Prozent. Der Vertrag dürfte Maßstäbe setzen – auch für indische Käufer, die auf Preisnachlässe pochen.

Die Manager bei den großen Kaliproduzenten sagen, dass der Markt schon oft durch Täler gegange sei, und dass Salz fundamental betrachtet attraktiv bleibe. Sie verweisen darauf, dass synthetische Harnstoffe den Boden auf lange Sicht ruinieren – und die Bauern wieder in ihre Hände treiben. „Langfristig geht der Trend nach oben", sagte etwa Potash-Chef Bill Doyle jüngst auf einer Konferenz. „Es muss nicht in einer geraden Linie sein, aber das Wachstum wird wiederkommen."

Die Tatsachen sprechen aber eine andere Sprache: BHP Billiton hat noch kein grünes Licht für seine riesige, 14 Milliarden Dollar teure Mine in Saskatchewan gegeben. Die meisten Analysten sehen sie nicht mehr kommen. Eine Sprecherin von BHP erklärt, dass der Vorstand nach Mitte 2013 entscheiden wird.

Die Kleinen in der Branche haben es ebenso schwer: 75 neugegründete Unternehmen tun sich schwer damit, Geld für Minen aufzutreiben. Im September etwa ist die Potash Ridge Corp, die eine Mine im amerikanischen Utah entwickelt, an die Börse gegangen. Sie trieb 20 Millionen US-Dollar ein – etwa die Hälfte von dem, was die Firma eigentlich zusammenbekommen wollte.

—Mitarbeit: Florian Bamberg

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