Hugo Chávez ist beliebt, besonders unter armen Venezolanern. Auch die Öffentlichkeit fordert zunehmend Klarheit über den Gesundheitszustand ihres Präsidenten. dapd

CARACAS – Hochrangige venezolanische Politiker, unter ihnen Vizepräsident Nicolás Maduro, sind von ihrem Besuch am kubanischen Krankenbett von Hugo Chávez nach Venezuela zurückgekehrt. Maduro zeigte sich zuversichtlich – offenbar, um Spekulationen über eine rapide Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Hugo Chávez einzudämmen.

Nur wenige Stunden zuvor sickerte durch, dass sich mehrere hochrangige Politiker Venezuelas in Kuba versammelt hatten. Die Gerüchteküche über den tatsächlichen Zustand von Chávez brodelte über, Spekulationen über einen Führungswechsel an der Spitze schickte den Preis der zehnjährigen Dollar-Staatsanleihe des Landes auf ein Allzeithoch bei 121,055. Am Vortag stand die Anleihe, die 2022 ausläuft, noch bei 120,12. Die Rendite des Dollar-Bonds ist in den vergangenen zwei Monaten um 200 Basispunkte auf 9,377 Prozent regelrecht eingebrochen.

Vizepräsident Nicoals Maduro nach seiner Rückkehr aus Kuba auf Besuch in einer staatlichen Kaffeeplantage in Caracas. Er und die restliche Regierung versuchen, die Spekulationen um Chávez zurückzudämmen. dapd

Der Leitindex der Börse in Caracas ist seitdem um gut zwölf Prozent gestiegen, nachdem der Index im vergangenen Jahr bereits rund 300 Prozent zugelegt hat. Wirtschaftspolitisch brach Chávez mit der neoliberalen Ausrichtung seiner Vorgänger und hat sich damit unter Investoren wenig Freunde gemacht. Seine Regierung stoppte die vorgesehene Privatisierung des staatlichen Erdölkonzerns Petroleos de Venezuela und enteignete zahlreiche Unternehmen.

Es ist die Erwartung eines Endes des 14-jährigen Regimes Chávez, das die Investoren nun in die Anleihen des Landes treibt. Die Regierung versucht derweil, gegenzusteuern. „Präsident Chávez ist sich bewusst, dass sein Zustand kompliziert ist. Er weiß, welchen Kampf er aufnimmt, und das tut er mit derselben Energie wie immer", sagte Maduro nach seiner Rückkehr aus Kuba am Donnerstag. An seiner Seite stand der Präsident des Kongresses, Diosdado Cabello, der ebenfalls Teilnehmer des Krankenbesuchs war.

Der Vizepräsident beschuldigte die Medien rund um den Globus und die US-Regierung, sie verbreiteten Falschmeldungen über Chavez' angeblich düsteren Gesundheitszustand. Zudem kritisierte Maduro die Opposition für ihre Forderung, die Regierung solle die Wahrheit über Chávez mitteilen.

Einige Stunden später gab Informationsminister Ernesto Villegas mehr Details bekannt. Der Präsident leidet demnach an einer ernsten Lungenentzündung, die eine Atemnot ausgelöst habe. Deshalb müsse die "medizinische Behandlung unbedingt bis zu ihrem Abschluss durchgeführt werden."

Venezuelas Regierung unter Druck

Nicht nur die Opposition, auch die Öffentlichkeit fordert zunehmend Klarheit über den Zustand von Chávez, die Gemüter sind zunehmend erhitzt. Der Fernsehsender Globovision, dessen Beiträge die Regierung schon öfter verärgert hatten, bezeichnete Vizepräsident Maduro während einer Nachrichtensendung als „amtierenden Präsidenten". Dies führte zu einem Wutausbruch von Informationsminister Ernesto Villegas, der diese Beschreibung als nicht akzeptabel und „abwegig" bezeichnete. In einem knapp gehaltenen Statement schrieb er: „der einzige Präsident von Venezuela ist Hugo Chávez, Gewinner der Wahlen vom 7. Oktober."

Eigentlich soll Chávez, der für weitere sechs Jahre als Präsident gewählt wurde, am 10. Januar seinen Amtseid ablegen. Hugo Chávez trat am 10. Dezember, einen Tag vor seiner Operation in Kuba, zum letzten Mal in der Öffentlichkeit auf.

Chávez kämpft seit mehr als anderthalb Jahren gegen den Krebs. Er hat bereits vier Operationen sowie Bestrahlungen und Chemotherapien hinter sich. Der Präsident sagte nie, welche Art von Krebs ihn befallen hat. Chávez, flammender Sozialist und lauter Kritiker der US-Regierung, regiert in Venezuela seit 14 Jahren. Er ist vor allem bei der armen Bevölkerung des ölreichen Landes beliebt.

Was kommt nach Chávez?

Sollte er den Amtseid am 10. Januar nicht ablegen können, müssen laut venezolanischer Verfassung innerhalb von 30 Tagen Neuwahlen abgehalten werden. Dabei dürfte Maduro gegen den stärksten Kandidaten der Opposition, Henrique Capriles, antreten. Er hatte bereits bei der vorangegangenen Wahl einen Achtungserfolg erzielt. "Die Stunde der Entscheidung rückt näher, so oder so", sagt Bret Rosen, Lateinamerika-Stratege der britischen Bank Standard Chartered. "Man muss die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der Präsident nicht mehr lange lebt oder zumindest nicht mehr lange Präsident ist."

An den Finanzmärkten versucht man bereits, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie die Zeit nach Chávez aussehen könnte.

Die schwere Erkrankung des Präsidenten hat seinen langjährigen Außenminister Maduro zum Kronprinz aufsteigen lassen. Sollte Chávez ganz ausscheiden, würde der frühere Busfahrer und Gewerkschafter wohl dauerhaft die Führung der sogenannten chavistischen Bewegung übernehmen. Maduro gilt als einer der treuesten Gefolgsleute und Weggefährten von Chávez, aber auch als moderater und konzilianter. Weggefährten beschreiben den 50-Jährigen als freundlich, zugänglich und dialogbereit.

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