FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderlei beim FDP-Neujahrsempfang in Düsseldorf. Die Sexismus-Vorwürfe erwähnte er in seiner Rede mit keinem Wort. dapd

DÜSSELDORF - Rainer Brüderle gibt sich gelassen. Mit einem freundlichen «Guten Morgen» begrüßt der designierte FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl am Sonntag in einem Düsseldorfer Flughafenhotel die wartenden Journalisten. Wie ein böses Omen steht an der Treppe, die er hochkommt, ein Schild mit der Aufschrift «Achtung Rutschgefahr». Doch Brüderle geht unbeeindruckt weiter - gefolgt von den zahlreichen Mikrofonen und Kameras.

Der Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen Liberalen ist der erste öffentliche Auftritt des 67-Jährigen seit Bekanntwerden des Sexismus-Vorwurfs vor wenigen Tagen gegen ihn. Werden er oder einer der anderen Redner auf das Thema eingehen oder nicht? So lautet die spannende Frage, die auch die rund 1.400 angereisten Gäste beschäftigt. Doch schon der gepflegt plänkelnde Begrüßungs-Jazz, mit dem ein Quartett aufspielt, lässt ahnen, dass das unangenehme Thema auf dieser Veranstaltung eher wie ein Fremdkörper wirken könnte.

Der demonstrative Zuspruch, den Brüderle auf der Veranstaltung bekommt, ist groß. Als «unseren Freund, hinter dem wir stehen», begrüßt ihn Landesparteichef Christian Lindner, nachdem ihn zuvor Fraktionsvize Angela Freimuth bereits «herzlich willkommen» geheißen hat - gefolgt von lautstarkem Applaus der Gäste. Brüderle hat neben FDP-Urgestein Hans-Dietrich Genscher Platz genommen. Beide werden von Außenminister Guido Westerwelle lächelnd und sehr herzlich begrüßt.

Viel Applaus von der Partei

Spätestens diese Eindrücke machen klar, dass das Thema wohl nicht explizit angeschnitten werden wird. Mit zünftigen Angriffen gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, den Lindner lediglich als «den Herausforderer von Angela Merkel» benennt, gibt der FDP-Landeschef die Richtung der Veranstaltung vor, in dem vor allem der Wahlkampf für die kommende Bundestagswahl im Zentrum steht.

Auch Brüderle schwenkt gerne auf diesen Weg ein und kommt nach einer positive Bilanz der Arbeit der Bundesregierung, in der er «unseren Guido» gesondert hervorhebt, schnell dazu, die rot-grünen Herausforderer anzugehen. «Genossen, lasst doch Karl Marx in seinem Museum in Trier und holt den Quatsch von gestern nicht wieder heraus», appelliert er an die Adresse der SPD.

Später beschimpft er den Fraktionschef der Bundestags-Grünen, Jürgen Trittin als «Dosenpfand-Lümmel» und warnt vor einer «grünen Steuer-Stasi». Außerdem befürchtet er zu viel Reglementierung durch SPD und Grüne: «Wir leben nicht im Zwangserziehungsheim Deutschland, sondern in der freien Bundesrepublik!»

Am Ende gibt es erneut viel Applaus für Brüderle, der den Sexismus-Vorwurf mit keinem Wort erwähnt hat. Er hat, so signalisieren es die Gäste, seinen Job als Spitzenkandidat an diesem Tag ausgefüllt. Am Ende ist es Westerwelle, der sich noch einmal demonstrativ hinter Brüderle stellt und das Thema zwischen den Zeilen anspricht.

«Wenn man sich an die Spitze stellt, gibt es in manchen Redaktionen, aber auch beim politischen Gegner kein Pardon mehr», sagt Westerwelle. Er kritisiert zudem ein «Zerrbild», das in den Medien über Menschen verbreitet werde. Einen «Herrenwitz», wie der «Stern» seine Geschichte über den von einer Journalistin des Magazins erhobenen Sexismus-Vorwurf gegen Brüderle betitelt hat, vermag die Parteispitze in der Angelegenheit zumindest nicht zu sehen.

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