Der Niedergang der deutschen Solarbranche setzt sich fort. dapd

Solarworld war einst der Star in der Branche. Jetzt droht dem Unternehmen des exzentrischen Ex-Grünen Frank Asbeck das Aus. Die Billigkonkurrenz vor allem aus China hat dafür gesorgt, dass die Preise für Solarmodule eingebrochen sind. Obwohl sich das abzeichnete, wird der Hersteller nur mit Hilfe des Verzichts seiner Gläubiger überleben. Die Aktionäre leiden längst: Ein Viertel des verbliebenen Börsenwertes wurde allein am Freitag vernichtet, als der Konzern seine desolate finanzielle Lage offenbarte.

Der Kursverfall war das private Risiko der Anteilseigner. Auf einem anderen Blatt stehen die Geldberge, mit denen Deutschland den Solarausbau fördert. Insgesamt 110 Milliarden dürften die Stromkunden durch die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz allein für den Sonnenstrom berappen müssen, ermittelte eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Ein erklärtes Ziel der Förderung war und ist es, eine überlebensfähige, exportorientierte Solarindustrie aus dem Boden stampfen zu wollen. So stand etwa in der Novelle des EEG von 2004, es gehe auch darum, „die Weiterentwicklung von Technologien zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien zu fördern". Im Jahr 2005 sagte der damalige Umweltminister Jürgen Trittin beim Besuch eines Solaranlagenbauers, deutsche Firmen seien dank „konsequenter Technologieförderung" heute „führend" auf dem Markt.

Inzwischen stimmt das nicht mehr. Etliche Pioniere sind nach anfänglichen Erfolgen insolvent, andere kämpfen noch ums Überleben, und massiv dezimiert sind die Notierungen der Solaraktien längst. Das Solarland Deutschland scheint gescheitert.

Fünf Lehren für eine künftige Subventionspolitik:

Nummer 1: Erst hinschauen, dann zahlen

Im Jahr 2000, weit vor Fukushima und dem Atomausstieg in Deutschland, trat das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft. Besonders für Sonnenstrom wurden hohe Förderungen abgesegnet – obwohl die Sonneneinstrahlung in Deutschland begrenzt ist.

Doch im Deutschland der Grünen-Bewegung und der Anti-Atomkraft-Proteste hat sich Sonnenstrom schnell zur symbolträchtigsten erneuerbaren Energie entwickelt. Am Anfang wurden Solaranlagen mit mehr als 50 Cent pro Kilowattstunde Strom gefördert – mehr als das Zehnfache des Satzes, der damals für Windstrom gezahlt wurde.

Die Wirren der Energiewende

Ein Argument lautete von Anfang an: Hohe Einspeisetarife schaffen einen Markt für die (noch zu teure) Technologie. Dessen Wachstum allerdings würde irgendwann dazu führen, dass die deutschen Solarhersteller auch ohne Förderung Anlagen fertigen könnten, die uns dann die ganze Welt aus den Händen reißt. Diese Argumentationskette litt jedoch von Anfang an unter einem Kurzschluss: Dass in Deutschland der Sonnenstrom gefördert wird, muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass auch deutsche Solaranlagen auf die Dächer und in die Parks kommen.

Auch wurde anfangs übersehen, dass viel unregelmäßig erzeugter Strom allein wenig nutzt, sondern dass Solarstrom mit Netzen, Speichern und ständig verfügbaren Stromerzeugern wie Kohle-, Gas- und Biomassekraftwerken in Einklang gebracht werden muss. Angesichts einer damals grünstromfreundlichen Wählerschaft ignorierten Politiker das Dilemma und ritten lieber auf der Euphoriewelle.

Nummer 2: Die Chinesen sind immer billiger

Der Markt für Photovoltaikanlagen ist in den ersten zehn Jahren des Jahrtausends stark gewachsen. Seit 2004 werden die meisten Anlagen in Deutschland verkauft. Die Hälfte des weltweit verdienten Geldes mit den Modulen und Zellen wird hier gemacht. Und Hersteller wie Solarworld waren weltweit Pioniere.

Als die Konkurrenz in China und den USA aufkam, wurde der Markt deutlich härter. 2010 kappte der deutsche Gesetzgeber die Förderung des Sonnenstroms deutlicher als zunächst vorgesehen. Die Unternehmen kamen unter Druck. Die Unternehmensberater von Pricewaterhouse Coopers sahen die Branche damals am Scheideweg.

Einmal mehr zeigte sich: Die Chinesen sind billiger. Peking fördert die Industrie nämlich ebenfalls massiv mit direkten Subventionen und billigen Krediten. Inzwischen ist die Nachfrage aus der zweitgrößten Volkswirtschaft nach Solaranlagen so stark geworden, dass das Land die Bundesrepublik in diesem Jahr bei der installieren Solarkapazität überholen dürfte.

Spezialisten der Branche wie Wacker Chemie WCH.XE -0,91% Wacker Chemie AG Germany: Xetra 89,57 -0,82 -0,91% 01 Sept. 2014 15:33 Volumen (​15 Min. verzögert) : 48.689 KGV 53,32 Marktkapitalisierung 4,71 Milliarden € Dividendenrendite 0,56% Umsatz/Mitarbeiter 290.587 € werden Chancen eingeräumt, auch im Ausland Geld zu verdienen. Die breite Masse der Anlagenhersteller, die wie Solarworld die gesamte Wertschöpfungskette bedienen, dürfte angesichts der scharfen Konkurrenz wenig Chancen haben. Sie bieten nichts, was die Chinesen nicht auch nachahmen könnten. Bis 2017 werde nur ein Drittel der deutschen Solarfirmen überleben, resümieren die Berater von Goetzpartners in einer Studie.

Deutsche Unternehmen sind allenfalls dann förderwürdig, wenn sie eine Nische bedienen, in die Hersteller aus subventionsfreudigen Schwellenländern nicht ohne Weiteres vorstoßen können.

Nummer 3: Nachhaltiger Strom heißt nicht nachhaltige Arbeitsplätze

Im Jahr 2011 beschäftigte die Solarbranche laut einem Bericht des Fraunhofer-Instituts 111.000 Angestellte. Das werteten die Autoren seinerzeit als Erfolg. Doch es wäre nur dann einer, wenn die Industrie jetzt auf den eigenen Füßen stünde. Stattdessen protestiert die Branche gegen die Kürzungen bei der Solarförderung, wo sie nur kann. Schon 30.000 Jobs seien verlorengegangen, ruft der Bundesverband Solarwirtschaft aus.

Das ist für die Entlassenen traurig. Der Fehler wurde aber viel früher gemacht: Die Regierung hätte die Arbeitsplätze erst gar nicht mit ausufernden Subventionen erschaffen dürfen - sondern die mehr als 110 Milliarden Euro stattdessen für sinnvolle Zwecke einsetzen müssen. Dann hätte das Geld als Hebel gewirkt. In diesem Fall war es eher wie ein Tischfeuerwerk, das schnell abgebrannt ist.

Nummer 4: Bürger denken anders als Konsumenten

Die Deutschen mochten den Grünstrom schon vor Fukushima. Mit der publikumswirksam beschlossenen Energiewende wurde die Beziehung noch leidenschaftlicher. Umfragen zeigen regelmäßig, dass rund 90 Prozent der Bürger für einen Umbau des Energiesystems sind.

Versetzen sich allerdings die gleichen Leute in die Situation des Stromverbrauchers, fällt ihr Fazit gleich ganz anders aus: Drei Viertel der Deutschen sind gegen steigende Strompreise. Eine Energiewende, bei der die Preise nicht steigen, ist aber unmöglich. Jetzt ist die Bundesregierung unter Druck.

Bis zur Wahl versucht Merkel, das Erneuerbare-Energien-Gesetz unberührt zu lassen – bekommt dabei aber von einem in Niedersachsen wiedererstarkten FDP-Chef Rösler Druck. Spätestens, wenn sie im Herbst wiedergewählt ist, wird sie die Erneuerbaren-Förderung noch weiter zusammenstreichen - und mit ihr die Einspeisetarife für Solarstrom. Das könnte der Sargnagel für die verbleibenden Solarunternehmen in Deutschland werden.

Dass Politiker sich nach den Wählern richten müssen, ist klar. Trotzdem ist nachhaltige Subventionspolitik möglich. Und zwar indem die Staatschefs und Minister auch die langfristige Dynamik der öffentlichen Meinung im Blick behalten, statt kurzfristig und unüberlegt auf der Stimmungswelle zu reiten.

5. Auch eine grüne Lobby ist eine Lobby

Lobbyismus, Medienarbeit, Wissenschaftsförderung: Seit es sie gibt, versuchen die großen Stromkonzerne, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Das ist uns Stromverbrauchern zu Recht suspekt.

Dass mit der Solarbranche ein grünes Subventionsexperiment gescheitert ist, rückt eine weniger beachtete Tatsache ins Blickfeld: Auch die Erneuerbaren-Branche hat eine starke Interessenvertretung. Nicht nur sind Umweltverbände und fast alle Parteien für Ökostrom - die Branche hat zusätzlich eigene Verbände. Beides zusammen hat einen erheblichen Hebel bei der Meinungsbildung der Bevölkerung.

Eine besonders fragwürdige Verquickung: Die so genannte Agentur für Erneuerbare Energien ist eine PR- und Lobbyorganisation, getragen nicht nur von der Grünstrom-Branche, sondern auch vom Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium. Polemisch ausgedrückt: Für den Anteil der Erneuerbaren-Branche am Budget der Organisation zahlt der Deutsche über die EEG-Umlage, für den Staatsanteil über die Steuer.

Meldungen der Organisation werden von den Medien gerne lakaienhaft aufgegriffen, ohne dass das Kind einen Namen bekommt: Dass es sich bei der so seriös klingenden Agentur um eine Interessenvertretung handelt, wird so gut wie nie erwähnt, stattdessen wird nur ihr Name genannt. Unvorstellbar, wenn es um eine Interessenvertretung der Stromriesen ginge.

Es ist wenig verwunderlich, dass Solarworld zu den Sponsoren der Lobbyorganisation gehört. Denn die Förderung der Solarwirtschaft hat letztlich keine überlebensfähige Exportbranche erschaffen. Sondern Unternehmenslenker wie Frank Asbeck reich gemacht. Auf Kosten des Stromzahlers.

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