Wer bei Land O' Lakes seinen Kollegen etwas mitzuteilen hatte, der griff zu seinem Blackberry. Das war vor rund drei Jahren. Damals nutzten rund 2.500 Mitarbeiter des Butterproduzenten aus Minnesota das Gerät, das ihnen die Firma zur Verfügung gestellt hatte. Heute sind es nur noch zwölf.

Blackberrys werde er keine mehr ins Haus holen, kündigte Barry Libenson an, der Chief Information Officer von Land O'Lakes. Daran werde auch die Einführung eines neuen Modells durch den Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) in dieser Woche nichts ändern. Die "überwiegende Mehrheit" seiner Mitarbeiter zöge ein anderes Smartphone vor, sagt der IT-Chef. Außerdem "macht uns die heikle finanzielle Lage von RIM Sorgen."

RIM-Chef CEO Thorsten Heins und der Blackberry 10: In dieser Woche stellt das Unternehmen sein neues Betriebssystem und zwei neue Geräte vor. REUTERS

Libenson ist mit seiner ablehnenden Haltung nicht allein. Auch andere IT-Manager überlegen sich sehr genau, ob sie weiterhin Blackberrys am Arbeitsplatz einsetzen sollen. RIM trifft also auf enorme Widerstände, wenn die Firma am Mittwoch Einzelheiten zu ihrem jüngsten Betriebssystem, dem Blackberry 10, und zu zwei neuen Telefongeräten vorstellt, die damit laufen.

Früher konnte sich RIM auf lukrative Abschlüsse mit Unternehmen und Regierungsbehörden verlassen. Damit machten die Kanadier den Großteil ihres Geschäfts. Anfang 2007 - bevor Apple AAPL +0,70% Apple Inc. U.S.: Nasdaq $100,81 +0,70 +0,70% 30 Sept. 2014 15:56 Volumen (​15 Min. verzögert) : 45,55 Mio. KGV 16,23 Marktkapitalisierung 599,45 Milliarden $ Dividendenrendite 1,86% Umsatz/Mitarbeiter 2.214.380 $ das iPhone auf den Markt brachte - trugen Unternehmenskunden 71 Prozent zum Abonnentenstamm von RIM bei. Mittlerweile allerdings ist ihr Anteil auf nur noch 20 bis 25 Prozent gesunken, schätzt Kris Thompson, Analyst bei der National Bank of Canada.

Denn zum einen hat RIM seinen Kundenstamm ausgebaut. Und außerdem erlauben zwischenzeitlich immer mehr Unternehmen ihren Angestellten, ihr eigenes Smartphone mit zur Arbeit zu bringen, um sich damit Zugang zum E-Mail-Dienst und zu anderen Programmen ihres Unternehmens zu verschaffen. "Bring your own device" (Bring dein eigenes Gerät mit), oder kurz BYOD, heißt der Trend, der sich beschleunigte, als immer mehr Mitarbeiter auf das iPhone umstiegen.

Anfang des vergangenen Jahres waren 54 Prozent von über 1.600 IT-Entscheidern in nordamerikanischen und europäischen Firmen dabei, BYOD-Programme einzuführen, hatte eine damalige Umfrage des Branchendienstes Forrester Research ergeben.

Den IT-Vorständen bietet der BYOD-Trend die Möglichkeit, Geld zu sparen. Denn für die Anschaffung des Geräts muss nun nicht mehr das Unternehmen aufkommen. Und mittlerweile verkauft eine ganze Reihe von Unternehmen leicht handhabbare und sichere Software, die es den CIOs erlaubt, eine Reihe unterschiedlicher Smartphones gleichzeitig zu verwalten.

RIM zwingt der Trend allerdings dazu, sich den Marktführern Apple und Samsung Electronics 005930.SE -0,92% Samsung Electronics Co. Ltd. S. Korea: KRX KRW1.184.000 -11.000 -0,92% 30 Sept. 2014 15:00 Volumen (​20 Min. verzögert) : 247.586 KGV 6,17 Marktkapitalisierung 197.075,14 Milliarden KRW Dividendenrendite 0,08% Umsatz/Mitarbeiter N/A im Kampf um den privaten Konsumenten direkter zu stellen. Eine Herkulesaufgabe, wenn man bedenkt, dass der globale Marktanteil des kanadischen Unternehmens bei gerade einmal 4,6 Prozent liegt, wie die Marktbeobachter von IDC melden.

Dass die Unternehmen den Blackberry scharenweise in die Ecke pfeffern, geht auch an den Gewinnen von RIM nicht spurlos vorüber. Denn Unternehmenskunden sind weit lukrativer als Privatabnehmer. Nach Schätzungen von Analysten bringen Servicegebühren von Firmen den Kanadiern netto sieben bis zehn US-Dollar pro Nutzer im Monat ein. Privatverbraucher werfen dagegen nur einen bis vier Dollar ab.

Und während RIM zwar immer noch über jede Menge Cash verfügt, bereitet die erodierende finanzielle Verfassung der Firma einigen IT-Entscheidern doch Sorge. Im jüngsten Berichtsquartal, dem dritten des laufenden Geschäftsjahrs, war der Gewinn von RIM auf neun Millionen Dollar geschrumpft. Zuvor hatte er noch 265 Millionen Dollar betragen. Und zum ersten Mal war die Zahl der weltweiten Blackberry-Abonnenten rückläufig, sie verringerte sich um eine Million auf 79 Millionen Nutzer. Im vergangenen Jahr hatte RIM Banker angeheuert. Sie sollten nach strategischen Alternativen suchen. Wegen der unsicheren finanziellen Lage des Unternehmens überlegen nun einige CIOs, ob sie langfristig beim Blackberry bleiben oder einen Ausweichplan entwerfen sollen.

Viele RIM-Investoren dagegen sind immer noch optimistisch. Sie setzen auf die beiden neuen Geräte - die ersten Blackberrys seit etwa 18 Monaten -, die jetzt auf den Markt kommen. Mit ihrer Hilfe, so hoffen die Anleger, wird das Blatt sich wenden und die fast zweijährige Durststrecke mit verzögerten Produkteinführungen, Netzwerkausfällen, fallendem Blackberry-Absatz und dahinwelkendem Marktanteil zu einem Ende kommen. Die Aktien von RIM sind in diesem Jahr um 41 Prozent geklettert. In den vergangenen drei Monaten hat sich ihr Wert mehr als verdoppelt. Am Montag hatte ihr Kurs 16,18 Dollar erreicht. Mehrere einst negativ eingestellte Analysten haben im Zuge des jüngsten Kursanstiegs eine Wendung vollzogen und ihre Einschätzungen und Kursziele angehoben.

Die Geschichte von RIM

Doch eine Kehrtwende hängt von einem entscheidenden Faktor ab: RIM muss die Unternehmenskunden wieder zurückerobern. Besonders die Abnehmer in der Rechts- und in der Bankenbranche und bei den Behörden, die gesteigerten Wert auf Sicherheit legen und die bisher zu den loyalsten Kunden von RIM zählten.

Die Liste der Großunternehmen und staatlichen Behörden, die sich bereits von RIM losgesagt haben, ist lang. Sie enthält unter anderem das Internet-Unternehmen Yahoo, YHOO +0,62% Yahoo! Inc. U.S.: Nasdaq $40,77 +0,25 +0,62% 30 Sept. 2014 15:56 Volumen (​15 Min. verzögert) : 25,58 Mio. KGV 33,78 Marktkapitalisierung 40,30 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 378.594 $ den Erdöldienstleister Halliburton und das amerikanische Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives.

RIM hat reagiert. Die Firma bietet Anreize, mit denen die IT-Vorstände dazu bewegt werden sollen, es mit dem neuen Blackberry 10 zu versuchen. Zu den Lockangeboten gehören kostenlose Software-Aktualisierungen für das neue Betriebssystem, ein kostenloses Gerät für die IT-Abteilungen der RIM-Kunden und außerdem sollen die IT-Mitarbeiter der Kundschaft gratis an den Geräten geschult werden, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten. Im Januar haben die Kanadier zudem ihre aktualisierte Software für die Telefonverwaltung eingeführt. Mit ihrer Hilfe können die Firmen jetzt Blackberrys und andere Smartphones handhaben.

"Wir wollen dieses BYOD-Phänomen, mit dem sich viele Unternehmen herumschlagen, ein bisschen berechenbarer machen", sagt Paul Devenyi, ein Senior Vice President von RIM. "Wir zweifeln nicht daran, dass die CIOs eine Reihe anderer Optionen in Erwägung ziehen. Aber sie sind auch begeistert davon, dass RIM sich bei Multiplattform-Lösungen mit aller Kraft engagiert."

Auch über eine Änderung der Servicegebührenstruktur wird bei RIM nachgedacht. Während einer Telefonkonferenz mit Analysten hatte RIM-Chef Thorsten Heins im Dezember angekündigt, die Servicegebühren der Firma würden unter Druck geraten, weil RIM ein neues, abgestuftes "Menü"-Angebot einführe. "Die Service-Einnahmen werden nicht verschwinden, aber unser Geschäftsmodell und unsere Service-Angebote werden sich weiterentwickeln."

Der Blackberry, ein Auslaufmodell?

Research in Motion

Das RIM-eigene Netzwerk gilt dagegen freilich immer noch als sicherer und robuster als die Netze vieler anderer Anbieter - und zwar trotz der Aufsehen erregenden Ausfälle am Ende des Jahres 2011. Und außerdem möchten viele Unternehmen die Störungen vermeiden, oder zumindest aufschieben, die mit einem Komplettwechsel zu einem neuen Smartphone-Typen verbunden sein können. Einige Großkunden wie etwa das US-Verteidigungsministerium halten daher immer noch Blackberrys in rauen Mengen vor und wollen es auch mit den neuen Modellen versuchen.

Das neue Betriebssystem wurde in den vergangenen Wochen mehrfach positiv besprochen. Viele Firmenpartner und Entwickler, die mit einem Prototypen des Geräts gearbeitet haben, äußerten sich lobend. Mehrere große Telekom-Unternehmen wie Verizon Wireless und Sprint Nextel S -0,16% Sprint Corp. U.S.: NYSE $6,34 -0,01 -0,16% 30 Sept. 2014 15:56 Volumen (​15 Min. verzögert) : 12,73 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 25,05 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 700.316 $ wollen die Markteinführung der neuen Smartphones unterstützen.

Die US-Behörde Immigration and Customs Enforcement hatte eigentlich die amtseigenen Blackberrys durch iPhones ersetzen wollen. Sie bleibt RIM jetzt aber doch treu. Das Amt wird den Blackberry 10 zumindest einem Probelauf unterziehen. Nach Angaben des Unternehmens verfügt RIM in Nordamerika über mehr als eine Million Kunden aus dem staatlichen Sektor.

Allerdings hat sich der Kampf um die Unternehmenskunden unter den Smartphone-Herstellern verstärkt. Die Bedrohung durch den BYOD-Trend nimmt schärfere Konturen an. Nachdem sich Apple und Nokia NOK -0,94% Nokia Corp. ADS U.S.: NYSE $8,47 -0,08 -0,94% 30 Sept. 2014 15:56 Volumen (​15 Min. verzögert) : 7,44 Mio. KGV 10,44 Marktkapitalisierung 32,09 Milliarden $ Dividendenrendite 4,19% Umsatz/Mitarbeiter 361.802 $ jahrelang hauptsächlich um den Geschmack der Privatkonsumenten gekümmert hatten, nehmen sie nun seit einigen Jahren die Geschäftskunden ins Visier. Anfang des Monats hatte Samsung in Amerika während zweier Entscheidungsspiele der National Football League einen Werbespot geschaltet. In dem Werbefilm priesen die Südkoreaner 45 Sekunden lang ihre Smartphones als firmenfreundlich an und machten sich dabei auch direkt über den Blackberry lustig.

Doch Gefahr droht nicht nur von den etablierten Gegenspielern. Neue Kontrahenten, sogenannte Spezialisten für das Mobil-Management, sind auf dem Spielfeld erschienen. Firmen wie Mobile Iron, Air Watch und Good Technology bieten ebenfalls ihre Dienste an, um es Unternehmen zu ermöglichen, unterschiedliche Smartphones zu verwalten. Und sie zweigen den Großen die Kunden ab.

Dell will sich nicht mehr auf den Blackberry festlegen

Er betreue in den USA noch 2.000 Blackberry-Nutzer, erzählt Tracey Rothenberger, der CIO von Ricoh Americas. Vor ein paar Jahren seien es noch 4.000 gewesen. Ausgehend von den Wünschen der Mitarbeiter "bewegen wir uns aktiv stärker in Richtung Android- oder Apple-Geräte", berichtet Rothenberger. An sich gefalle ihm das neue BB10-Modell als Gerät. Für seine Mitarbeiter wird er allerdings trotzdem keines anschaffen. Den BB10 würde er dann befürworten, wenn sich seine Mitarbeiter die Geräte zur persönlichen Nutzung kauften.

Der Computerhersteller Dell, der zu den größeren RIM-Kunden zählt, will sich nicht zu einer Erneuerung seines Blackberry-Treueschwurs hinreißen lassen. "Wir ziehen verschiedene Anbieter in Erwägung und haben uns nicht auf den BB10 festgelegt", berichtet Dell-CIO Adriana Karaboutis. Bei Dell telefonieren rund 28.000 Mitarbeiter mit Blackberrys, das sind etwa 68 Prozent der vom Unternehmen ausgegebenen Geräte.

Im August hatte Vox Mobile eine Web-Konferenz für einige ihrer Kunden veranstaltet. Die Outsourcing-Firma für IT-Dienstleistungen aus Ohio hatte in der Vergangenheit mit RIM zusammengearbeitet. Der Name der Präsentation lautete: "Auf Wiedersehen BES?" Mit BES ist der Blackberry Enterprise Server gemeint, also die Software, die RIM-Kunden zur Verwaltung ihrer Blackberry-Geräte nutzen.

"Das war fast wie ein Beratungsgespräch für viele dieser Läden, die wissen wollten, was die Zukunft bringt", erzählt Jim Haviland, der als Vice President von Vox Mobile für Strategie zuständig ist. "Sie wollten hören, dass bald etwas anderes kommt, so dass sich das Abwarten für sie gelohnt hat. Andere wollten wissen, was sie tun sollten, falls RIM verschwindet."

—Mitarbeit: Joel Schectman und Rachael King

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