Vergessen Sie John Boehner, den republikanischen Gegenspieler von Barack Obama im Haushaltsstreit. Zu niemandem hatte der amerikanische Präsident in seiner ersten Amtszeit ein so angespanntes Verhältnis wie mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Und nun ist Netanjahu wieder da. Wie Obama wurde auch Israels Ministerpräsident wiedergewählt. Was bedeutet das?

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und US-Präsident Barack Obama bei den Vereinten Nationen 2011: Nun sind beide wiedergewählt worden. dapd

Vielleicht hält die gereizte Stimmung zwischen den beiden klugen, selbstsicheren, ideologisch so unterschiedlichen Männern an. Vielleicht verschärfen sich die Spannungen noch, weil Obama sich keine Gedanken um seine Wiederwahl machen muss und sich deshalb mit Kritik am Verbündeten, der in den USA eine große Unterstützung genießt, nicht zurückhalten wird.

Vielleicht aber auch nicht. Tatsächlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass die beiden Männer, die am Montag miteinander telefoniert en, künftig harmonischer miteinander umgehen werden.

Zum einen wissen sie nun, dass sie es für weitere vier Jahre miteinander aushalten müssen. Wichtiger aber noch ist, dass verschiedene Umstände ihre Zusammenarbeit erfordern, oder gar erzwingen: die Unruhen in anderen Ländern des Nahen Ostens, Israels wachsende Abhängigkeit von den USA bei den Verhandlungen um das iranische Atomwaffenprogramm, die festgefahrene Lage im palästinensischen Friedensprozess.

So wie das Wahlergebnis in Israel ausging, muss Netanjahu eine Regierungskoalition bilden, die größer ist als die derzeitige rechte Koalition. „Es steht außer Frage, dass die zerrüttete Beziehung zwischen einem israelischen Ministerpräsidenten und einem amerikanischen Präsidenten [dann] besser wird", sagt Aaron David Miller von der Denkfabrik Wilson Center, der früher für republikanische und demokratische Regierungen mit deren Gegenparts im Nahen Osten verhandelte.

Nach gängiger Meinung wird Netanjahu nun etwas nachgiebiger sein. Nachdem seine Likud-Partei bei den Parlamentswahlen Sitze verloren hat, ist er geschwächt und werde es deshalb weniger auf eine dauerhafte Konfrontation mit Israels wichtigstem internationalem Partner anlegen, glauben viele.

Doch so einfach ist es dann auch wieder nicht. Wie Netanjahu sich künftig positionieren wird, hängt davon ab, ob er eine Koalition bildet, die sich mehr mit innenpolitischen Themen befasst oder eine, die vor allem das Problem mit den Palästinensern angeht.

In jedem Fall liegen die größten Herausforderungen zwischen Obama und Netanjahu anderswo. Die Unruhen in Ägypten und der Bürgerkrieg in Syrien zwingen die USA und Israel zu einer strategischen Zusammenarbeit. Beide haben ein großes Interesse daran, dass der Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel erhalten bleibt und der Syrien-Konflikt nicht nach Israel überschwappt. Und das ist wichtiger als persönliche Auseinandersetzungen.

Unterdessen könnte sich auch im Iran-Konflikt etwas tun. Bisher hat Obama – mehr als Netanjahu – die Strategie im Umgang mit dem Land bestimmt. Vor einem Jahr sah es so aus, als ob Natanjahu einen Militärschlag gegen den Iran starten könnte, um die Atomforschungen zu stoppen.

Genügend Raum für Auseinandersetzungen

Nun könnte es dafür zu spät sein. Die iranischen Atomanlagen könnten zu weit voneinander entfernt liegen und so schwer zu zerstören sein, dass das selbst der vielgerühmten israelischen Luftwaffe nicht gelingen könnte. Vielleicht ist nur das amerikanische Militär, das auch weitreichende Luftangriffe durchführen kann und über spezielle Bomben zum Zerstören von Bunkern verfügt, dazu in der Lage.

Sollte dies der Fall sein, muss sich Netanjahu auf seine amerikanischen Partner verlassen, wenn es um wirtschaftliche Sanktionen, diplomatischen Druck, ungewöhnliche Maßnahmen und auch einen potenziellen Militäreinsatz geht, um Iran am Bau der Atombombe zu hindern.

Während ihrer Wahlkampfkampagnen äußerten sich sowohl Netanjahu als auch Obama zu einer Zusammenarbeit beider Länder. Netanjahu nahm sich an Obama ein Beispiel und lobte die wirtschaftlichen Sanktionen, die gegenüber dem Iran verhängt wurden. Obama machte es Netanjahu gleich, indem er erklärte, dass die USA es nicht zulassen würden, dass Iran Atomwaffen besitzt. Nun müssen die beiden Männer nur noch einen gemeinsamen Weg finden.

Bleibt noch der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Obama und Netanjahu sind beide für eine Zwei-Staaten-Lösung. Aber viel weiter geht ihre Vereinbarung nicht. Wenn es darum geht, wie dieses Ziel erreicht werden und wie die Lösung im Detail aussehen soll, gehen ihre Meinungen weit auseinander.

Es gibt also noch genug Raum für ernsthafte Auseinandersetzungen an dieser Front. Aber weil der diplomatische Prozess zum Scheitern verurteilt ist, gibt es – zumindest im Moment – sowieso wenig Streitpunkte. Es sieht zwar so aus, als wünsche sich die israelische Bevölkerung eine diplomatische Lösung, doch sie scheint die Hoffnung darauf bereits aufgegeben zu haben. Die Palästinenser sind nicht nur geografisch, sondern auch hinsichtlich ihrer politischen Meinung geteilt und kommen derzeit nicht als Partner für eine friedliche Lösung infrage.

Kurzfristig warten auf Obama und Netanjahu also im israelisch-palästinensischen Konflikt kaum Streitpunkte. Wenn der amerikanische Präsident aber auch langfristig Fortschritte erreichen will, sagt Miller, müsse er Israel hier und da auch etwas mehr entgegenkommen: „Man fängt mehr Fliegen mit einem Tropfen Honig als mit einem Fass Essig."

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