Singapur gilt als Zentrum des Geschäfts mit illegalen Fußball-Wetten. Ermittler von Europol glauben, dass von dem Stadtstaat in Südostasien aus Hunderte von Spielen weltweit manipuliert worden sind.

Jetzt reagiert die Führung in Singapur: Die Polizei hat den mutmaßlichen Führer des Rings befragt. Auch haben Beamte des Stadtstaats die internationale Polizeibehörde Interpol über die Reisepläne eines Mitglieds des Kartells informiert, so dass der Verdächtige Admir Suljic vergangene Woche auf einem Flughafen Malpensa bei Mailand verhaftet werden konnte.

Der verhaftete Admir Suljic, Mitte, in einem Videostandbild der Polizei nach seiner Verhaftung am Donnerstag. Reuters

Anfang Februar hatte Europol erklärt, es lägen Beweise für Wettbetrug des internationalen Syndikats vor. Den Singapurern wurde vorgeworfen, sie hätten zu langsam reagiert. Diesem Verdacht wollen die Beamten jetzt offenbar entgegenwirken: „Singapur fühlt sich verpflichtet, Spielbetrug als transnationales Verbrechen auszulöschen und die Integrität des Sports zu schützen." Verdachtsfälle würden „energisch" verfolgt, sagten die Beamten. Zuvor hatten sie erklärt, sie bräuchten stärkere Belege, bevor sie gegen die Verdächtigen ermitteln könnten.

Dass Singapur jetzt gegen den mutmaßlichen Kartellchef Dan Tan Seet Eng ermittelt und zur Verhaftung von Admir Suljic in Italien am Donnerstag beigetragen hat, sei ein „guter Anfang", sagt der investigative Journalist Declan Hill. Allerdings müsse das Land zu härteren Maßnahmen greifen. Die Anschuldigungen könnten Singapurs Ruf als Rechtsstaat, der Korruption eisern bekämpft, untergraben.

Tan, ein 48-jähriger Singapurer, steht schon länger im Visier der Behörden. Doch seine Vernehmung markiert einen Wendepunkt: Bisher haben die Behörden in dem Stadtstaat regelmäßig die Anfragen ihrer Europäischen Kollegen, gegen Tan vorzugehen, abgeschmettert.

Im Jahr 2011 hatte die italienische Justiz einen Haftbefehl auf Tan, den 32-jährigen Slowenen Admir Suljic und 15 andere ausgestellt. Sie sollen Spiele in Italien und anderen Ländern manipuliert haben. Die Behörden glauben, dass Tan den Ring geführt hat – während der ehemalige Fußballspieler Suljic geholfen haben soll, in Italien die Betrügereien zu arrangieren.

Zu Tan wollen die Singapurer Behörden nur sagen, er würde „bei den Ermittlungen helfen". Wie genau er das tut und ob er in Haft ist, sagten die Polizisten nicht. In einem Interview aus dem Jahr 2011 mit einer Singapurer Zeitung hatte der mutmaßliche Chef-Betrüger noch alle Vorwürfe abgeschmettert.

Von Suljic erhoffen die internationalen Behörden sich Erkenntnisse über den kriminellen Ring. Seine Verhaftung sei eine wichtige Entwicklung, so Interpol-Generalsekretär Ronald Noble. „Wir hoffen, dass er mit der Strafverfolgung kooperiert, und uns alles sagt was er weiß", so Noble.

Fußball ist ein Sport, der schon oft von Wettskandalen heimgesucht wurde. Dieser hat allerdings eine neue Dimension: Statt einzelnen Mannschaften oder Ligen steht hier eine komplexe, weltweite Organisation im Visier – mit der Macht, über Kontinente hinweg die Spielergebnisse zu beeinflussen.

Europol hat erklärt, die Beamten hätten Belege dafür, dass 680 Spiele manipuliert wurden, von niedrigen Ligen und kleinen Ländern bis hin zu den größten Teams der Welt. Laut den Ermittlungen soll es um Wettgewinne von mehr als 8,3 Millionen Euro und um Schmiergeld von mehr als 2 Millionen Euro gegangen sein. Gegen 425 Spieler, Funktionäre und andere Verdächtige wird ermittelt, Dutzende sind verhaftet.

Die Ermittler von Europol erklären, dass bei Qualifikationsspielen für Welt- und Europameisterschaften der Verdacht auf Manipulation besteht. Auch bei der Champions League wurde möglicherweise betrogen. Der Betrug beschränkt sich nicht auf Europa: Europol überprüft auch 300 Spiele in Afrika, Asien und Lateinamerika.

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