Vor 17 Jahren sagte Bernard Connolly die Eurokrise voraus. Weil der EU-Spitzenbeamte seine kontroversen Thesen in seinem Buch „The Rotten Heart of Europe" veröffentlichte, verlor er seinen Posten. Dass seine Prophezeiungen eingetreten sind, verschafft ihm keine Genugtuung. Aber daran, dass die EU bereits das Schlimmste überstanden hat und jetzt vor einem neuen Aufschwung steht, glaubt er nicht. Aus seiner Sicht rottet das Herz Europas immer noch vor sich hin.

Die politische Klasse glaube, dass die Krise ihren Höhepunkt im vergangenen Sommer überschritten habe: „Damals bestand aus ihrer Sicht die unmittelbare Gefahr, dass ihr schöner Traum verschwindet", sagt Connolly. Aber aus der Perspektive „normaler Menschen, Familien, Unternehmen und Volkswirtschaften verschlechtert sich die Lage zusehends". Die Wirtschaftsleistung der Eurozone ist im vierten Quartal 2012 um 0,9 Prozent zurückgegangen. Im ganzen Jahr fiel das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent.

Laut Connolly gibt es nun zwei direkte Auswege – keiner ist allerdings besonders reizvoll. Entweder Deutschland müsse „jedes Jahr etwa 10 Prozent des BIP" an die Krisenländer zahlen, um sie in der Eurozone zu halten. Oder die wirtschaftliche Lage in Griechenland oder Spanien werde sich so verschlechtern, dass die Wähler ihren Regierungen sagen: „Wir schmeißen euch alle raus". Dabei denkt er an das Aufkommen von Extremisten wie der „Goldenen Morgenröte" in Griechenland.

Connolly ist dabei keine Kassandra, die mit düsteren Prophezeiungen um sich wirft. Bis Januar 1996 leitete er in der EU-Kommission das Referat für Geldpolitik, das für die Einführung des Euro maßgeblich verantwortlich war. Er macht die Thesen in seinem Buch dafür verantwortlich, dass er seinen Job verlor. Schon bevor seine Entlassung offiziell war, hatte er in Brüssel Hausverbot. Im Vorwort zur Taschenbuchausgabe des Buches beschreibt er, dass an den Eingängen der Kommissionsbüros sein Foto aushing, als ob er ein gesuchter Krimineller sei.

Lage in Frankreich verdüstert sich

Danach arbeitete Connolly als Volkswirt in der Privatwirtschaft. Seine Analysen für die Handelssparte der American International Group AIG +1,11% American International Group Inc. U.S.: NYSE $56,47 +0,62 +1,11% 18 Sept. 2014 13:45 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,68 Mio. KGV 9,32 Marktkapitalisierung 79,69 Milliarden $ Dividendenrendite 0,89% Umsatz/Mitarbeiter 1.079.890 $ waren ebenfalls für ihre gewagten Prognosen bekannt. Als der damalige Fed-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf damals beispiellos niedrige 1 Prozent senkte, bezeichnete Connolly die US-Wirtschaft als schuldengetriebenes Schneeballsystem. Die Zinsen müssten noch weiter fallen, damit dieses System überleben könne.

Heute schreibt Connolly exklusive Analysen für Kunden, die sich seine Einsichten einiges kosten lassen. Er vermeidet es, mit der Presse zu sprechen. Und er äußert sich nicht öffentlich, um seine Klienten nicht „aufzuregen". Aber weil sein Buch neu aufgelegt wird, erklärt Connolly im Büro seines Verlegers, warum der Euro auf die schiefe Bahn geriet, warum noch nichts repariert wurde und womit er als nächstes rechnet.

Oberflächlich betrachtet hat die offizielle Sichtweise, dass die Krise weitgehend überstanden ist, eine faktische Basis. Die Zinsen auf Staatsanleihen, die Defizite in der Leistungsbilanz und die Haushaltslöcher sind geringer geworden. Die Gefahr, dass Griechenland aus der Währungsunion austritt, scheint erst einmal gebannt. Aber die Arbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland liegt bei etwa 27 Prozent. Die Wirtschaft in der Eurozone ist 2012 geschrumpft. Und – für Connolly besonders wichtig – die Lage in Frankreich verdüstert sich. Paris wird seine Ziele zum Schuldenabbau in diesem Jahr wegen schlechter Wachstumsperspektiven nicht einhalten können.

Rettungspakete für Griechenland oder Irland seien das eine, sagt Connolly. „Aber wenn die Deutschen irgendwann denken ‚Wir müssen Frankreich retten, und zwar dauerhaft', dann ist die Frage, ob sie das tun. Ich weiß es nicht. Aber diese Frage muss beantwortet werden."

Offiziell sind die Rettungspakete für Griechenland, Irland und Portugal und vielleicht bald Spanien Ausnahmen. Sobald diese Länder ihren Haushalt in den Griff bekommen, läuft auch die Wirtschaft wieder, und alles wird vergessen sein. „Propaganda", nennt Connolly das.

Und das führt zum Kern seiner These vom verrotteten Herzen der Gemeinschaftswährung. Laut der „Propaganda" sei der Grund für die Krise in Ländern wie Griechenland die mangelhafte Haushaltsdisziplin und in Ländern wie Irland die mangelhafte Disziplin der Finanzbranche. „Daher zielt die Antwort auf Haushaltsregeln, Rettungspakete und Regulierung des Finanzsektors, vielleicht mit Aussicht auf eine Bankenunion, auch wenn das unklar bleibt."

„Der Boom in Spanien und Irland war drei oder vier Mal so intensiv wie in den USA"

Aber selbst wenn die Griechen undiszipliniert gewesen sein – „sowohl die Staatsschuldenkrise als auch die Bankenkrise sind Symptome, keine Ursachen. Das grundlegende Problem war die große Blase, die weltweit durch Geldpolitik geschaffen wurde – besonders in der Eurozone", sagt Connolly und meint die Linie der Europäischen Zentralbank.

Die Blase habe sich folgendermaßen gebildet: Als Länder wie Irland, Griechenland und Spanien dem Euro beitraten, fielen die Zinsen ihrer Staatsanleihen rapide, fast auf dasselbe Niveau wie die Deutschlands. „Diese Länder fanden plötzlich heraus, dass sie niedrige Zinsen haben konnte, ohne dass ihre Währungen zusammenbrachen, wie es zuvor der Fall war. Dieser Optimismus verleitete die Leute dazu zu denken, dass es eine Revolution bei den Renditen gab."

In Ländern wie Spanien und Irland bildete sich nach der Euro-Einführung eine massive Immobilienblase. Das hat bis heute Folgen. Reuters

Die Gewinnraten waren in Irland „und zum Teil auch in Spanien" schon vor der Euro-Mitgliedschaft als Ergebnis von Strukturreformen gestiegen. Aber als der Euro dann da war, floss viel zu viel Geld in diese Länder. „Was das Geld fließen ließ", sagt Connolly, sei der Glaube gewesen, dass eine andauernde Wertsteigerung auf dem Immobilienmarkt die Gewinnraten in der Baubranche hoch halten werde. „Das war nicht anders als das, was in den USA in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts passiert ist. Aber es war viel größer."

Wie viel größer? „Wenn man die Baubeginne ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzt, dann war der Boom in Spanien und Irland drei oder vier Mal so intensiv wie in den USA an der Spitze. Das ist Wahnsinn." Dieser Geldstrom ließ die Löhne schneller steigen als sich die Produktivität erhöhte. Niedrige Verschuldungskosten führten zu Ausgaben auf Pump. Nach der Panik auf den Finanzmärkten 2008 platzte diese Blase.

Was jetzt benötigt werde, sei nicht nur Haushaltskonsolidierung oder eine Bankenreform. Die Löhne und Preise müssten auf ihre früheren Niveaus zurückkehren, damit die Länder wieder wettbewerbsfähig sein könnten. Ein Weg dahin sei eine massive Abwertung des Euro – „wirklich massiv".

„Deutschland zahlt"

Wenn das nicht durchführbar sei, dann könne Europa versuchen, eine neue Blase zu schaffen, indem man erneut die Bedingungen schafft, zu denen sich Spanien so billig verschulden konnte. „Das ist de facto das, was Draghi versucht", sagt Connolly. Der EZB-Präsident hat durch die Ankündigung, notfalls auf dem Markt für Staatsanleihen zu intervenieren, die spanischen Zinsen deutlich gesenkt. Aber weil sich das Bankensystem in einer Schieflage befindet und die Immobilienpreise weiter fallen, führt auch das nicht zu verstärkten Investitionen. Selbst wenn Mario Draghi Erfolg habe, sagt Connolly, werde man lediglich „die gefährliche, nicht haltbare Situation neu schaffen, die wir in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts hatten."

Damit bleibe Europa eine letzte Option: Deutschland zahlt. Connolly formuliert es so: „Man kann einem Land wie Spanien sagen: Du brauchst deine Wettbewerbsfähigkeit nicht zu erhöhen, du brauchst keine ‚Vollbeschäftigungshandelsbilanz'. Du kannst immer noch eine ‚Vollbeschäftigungsleistungsbilanz' haben, denn wir überweisen Dir Geld. Und wenn man damit eine Anpassung vermeiden will, muss man das dieses Jahr machen, nächstes Jahr, das Jahr danach und so weiter."

Das sieht man in Brüssel und Frankfurt anders. Dort glaubt man, dass die Krisenländer nur ein wenig Hilfe benötigen, um wieder zurück auf den rechten Pfad zu finden. Dann könnten die Transfers eingestellt werden. Irland ist diesem Ziel bereits am nächsten gekommen. Aber Irland, erklärt Connolly, „ist eine flexiblere und offenere Wirtschaft als Spanien, Griechenland, Portugal, Frankreich oder Italien". Diese unflexiblen Volkswirtschaften brauchen für die Anpassungen länger, wodurch die Löhne hoch bleiben. Das führt zu Massenarbeitslosigkeit.

„Es gibt keinen europäischen Demos"

Damit ist man wieder bei der Politik der Eurokrise angelangt. Irgendwann werden die Menschen in den betroffenen Ländern ein Ende des Spardiktats fordern und eine Regierung einsetzen, die bereit ist, das Unmögliche zu erwägen– einen Austritt aus dem Euro beispielsweise.

Um das zu verhindern, könne Deutschland sich bereit erklären, für eine Transferunion zu zahlen: Entweder in dem Glauben, dass die Transfers nicht dauerhaft sein werden, oder dass die billiger kämen als die Kosten eines Zusammenbruchs des Euro. Aber Connolly warnt, dass wenn einmal ein Transfermechanismus von Deutschland in die Defizitländer installiert ist, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Frankreich auf die Empfängerliste komme. Das wäre etwas, dass nicht einmal Berlin leisten wolle – oder könne.

Die deutsche Wiedervereinigung hat den früheren Westteil etwa 5 Prozent des jährlichen BIP gekostet. Ein Ende ist nicht in Sicht. Diese Ausgaben seien politisch durchsetzbar gewesen, sagt Connolly, weil es das gemeinsame Ziel gegeben habe, das Land wieder zu vereinen. Eine Solidarität wie diese existiere nicht für Europa. „Es gibt keinen europäischen Demos. Und man schafft keinen Demos, in dem man ein System errichtet, dass sagt: Wir geben euch Geld, und ihr befolgt dafür die Regeln. Das funktioniert einfach nicht."

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