flew
Aktualisiert Mittwoch, 5. Dezember 2012, 10:12 Uhr

Unser CEO des Monats im November

Das Jahr geht zu Ende, doch die deutschen Vorstandschef sind gedanklich längst schon weiter. Längst arbeiten die Top-Manager an ihren Plänen für das Jahr 2013 und darüber hinaus. In den vergangenen Wochen haben einige Dax-Konzerne die Weichen neu gestellt, andere müssen noch liefern. Lesen Sie, wer im November am stärksten im öffentlichen Fokus stand.

image

Platz 5: Heinrich Hiesinger
Der Ruhrkonzern Thyssen-Krupp lässt sich in der Außenwahrnehmung derzeit auf seine Großbaustellen reduzieren – die verlustträchtigen Stahlwerke in Brasilien und den USA. Das mag den 170.000 Mitarbeitern in fast 80 anderen Ländern nicht gerecht werden. Aber es muss sie beschäftigen, denn wohl auch ihre Existenz hängt ab von einer möglichst eleganten Lösung dieser Fässer (fast) ohne Boden. Heinrich Hiesinger beschäftigt es sicher. Als Chef des Hauses muss er in einem wackeligen Wirtschaftsumfeld nach Abnehmern suchen, die den finanziellen Schmerz für die Thyssen-Bilanz so gering wie möglich halten. Keine leichte Aufgabe für den als Anti-Ruhrbaron beschriebenen Schwaben. Doch es geht nicht nur um zwei Werke weit jenseits von Duisburg. Es geht eigentlich um das Überleben des Traditionskonzerns, der für weit mehr als für Stahl steht. Schon Hiesingers Vergangenheit als Chef der Siemens-Industriesparte verdeutlicht, dass er kein Herz aus Stahl hat. So ist die Edelstahlsparte inzwischen verkauft. Jetzt soll der übrige Konzern aufgepäppelt werden. Und zwar dort, wo sich – anders als derzeit beim Stahl – noch Geld verdienen lässt. Mit Aufzügen, im Großanlagenbau, im Marinesegment. Perfekt wäre die Thyssen-Krupp-Welt aber erst, wenn sich ein zahlungswilliger Interessant für Steel Americas meldet. Doch der sollte wissen, dass Hiesinger am Wochenende gerne mal das Handy abschaltet. Tim Schulz/dapd

image

Platz 4: Christoph Franz
Es war kein angenehmer Sommer für Christoph Franz – Streik des Kabinenpersonals, hämische Kommentare zur Einführung der Holzklasse namens Germanwings, Sparprogramm, ein unvollendeter Airport in Berlin. Doch der Wind hat sich für den Lufthansa-Chef gedreht, Image und Stimmung heben langsam wieder ab. Erst hat die mehrwöchige Schlichtung – überraschend geräuschlos, wenngleich nicht ganz billig – Frieden mit den Flugbegleitern gebracht. Und jetzt wird die Airline mit Liebesbezeugungen der Analystengilde überschüttet. Gerade die großen US-Häuser mögen die Lufthansa, die anders als die dortigen Carrier trotz Krise Gewinne schreibt und offenbar auf die richtige Strategie fliegt. „Top Pick" heißt es bei J.P. Morgan, für Morgan Stanley ist sie klarer Favorit in Europa. Das tut dem Manager gut, der sich weder vor angelsächsischen Preisbrechern noch Petro-Dollar-Fliegern verstecken will. Allerdings hat er an anderer Stelle weiter mit Liebesentzug zu kämpfen. Die Politik, so seine Klage, verstehe die Luftfahrtbranche nur noch als Goldesel – Stichwort Luftverkehrsabgabe. Franz sieht sie dagegen – ganz Aerodynamiker - als Wachstumsmotor der Volkswirtschaft. Nur mit ausreichender Rendite könne die Lufthansa zu alter Stärke zurückfinden, ihren langen Einkaufszettel für neue Flugzeuge auch bezahlen. Mitläufer zu sein, kommt für Franz nicht in Frage und widerspräche auch dem Selbstbild von Europas größter Fluggesellschaft. Eine Position der Stärke will er für sein Unternehmen sichern, für den Fall von Großfusionen … Michael Probst/dapd

image

Platz 3: Martin Blessing
Schön ist es nicht, wenn einem gesagt wird, man sei nicht wirklich wichtig, und man möchte doch bitte sein Testament machen. Doch so richtig unglücklich wird Martin Blessing nicht gewesen sein. Als Bank global nicht systemrelevant zu sein, bedeutet eben auch, sich nicht unter das Joch verschärfter Eigenkapitalanforderungen zu beugen. Und der letzte Wille ist kein Commerzbank-Spezifikum, sondern in der neuen Welt der Bankenregulierung zum Branchen-Muss geworden. Doch es bleibt die Frage, wo die Commerzbank steht und wofür. Immerhin, sie macht noch Gewinne, aber weniger als zuletzt und ohne klare Aussicht auf grundlegende Besserung. Und sie hat eine neue Strategie: Sparen – was aber nicht wirklich neu ist. Nett zu den Privatkunden und zum Mittelstand sein, um Geschäft ins Haus zu holen - ebenfalls wenig neu und schon gar kein Alleinstellungsmerkmal. Fast neu ist zumindest das Filialkonzept mit vier Stufen von Bundesliga bis Kreisklasse. Und das neue Onlinekonzept? Gibt es da nicht schon eine Internetbank namens Comdirect …? Kaum ein Analyst mag dies als großen Wurf interpretieren, eher als Prinzip Hoffnung. Dass da Fragen nach der eigenen Person aufkommen, wird Martin Blessing nicht überraschen. Also: Eine wirklich neue Commerzbank durch einen neuen Chef? Nein, sagt der begeisterte Langstreckenläufer. Er will den Umbau „bis zum Ende" begleiten. Denn nur dann mache ein Marathon richtig Spaß. Doch da gibt es noch die Kampfrichter, auch Aufsichtsrat genannt. Und die können Disqualifikationen aussprechen. Thomas Lohnes/dapd

image

Platz 2: Anshu Jain & Jürgen Fitschen
Strategiewechsel eingeleitet, jetzt geht es ans Image. Nicht nur für das eigene Haus, die Deutsche Bank, sondern am liebsten für die Branche insgesamt. Denn, so hat Anshu Jain festgestellt, wer in diesen Tagen bei einer Party auf die Frage nach seinem Beruf antworte, er sei Banker, ernte betretenes Schweigen. Das Banker-Bild aufpolieren möchte sein Chef-Kollege Jürgen Fitschen im neuen Nebenjob. Der auch in der Politik gut vernetzte Deutschbanker wird zum einflussreichen Sprachrohr der (privaten) Deutschen Banker. Das steht für sinnvolle Arbeitsteilung, schließlich lobbyiert Jain im Vorstand der internationalen Bankergilde IIF. Gemeinsam wird dagegen in den Frankfurter Doppeltürmen über einen neuen Slogan gebrütet, denn „Leistung aus Leidenschaft" soll nicht länger erbracht werden. Nicht passen würde allerdings „Dabei sein ist alles". Denn gerade das mochte sich Anshu Jain nicht antun, als der Finanzausschuss des Bundestags fachkundige Nachhilfe in Sachen Libor-Affäre einforderte. Zwar schickte er mit Personalvorstand Stephan Leithner einen hochkompetenten Vertreter. Doch eigentlich wäre das Chefsache gewesen, makelte Chef-Vorgänger Josef Ackermann aus dem Hintergrund. Und nicht nur er grummelte, mit ihm viele Banker und – natürlich – die Politiker. Leitung (und Leistung) aus Leidenschaft war das nicht. dapd

image

Platz 1: Peter Löscher
Zugluft tut selten gut. Das wird Peter Löscher bestätigen, denn bei der Bahn ist man nicht gut auf den Siemens-Lokführer zu sprechen. Sein Versprechen, die neuen schnittigen ICE3 im Dezember fertig zu haben, haben sich als heiße Luft herausgestellt. Die Bremsen der über 300 kmh schnellen Züge lassen seine Techniker verzweifeln. Wieder Bremsen, mag sich Löscher denken. Erst die Euphoriebremse für die Märkte durch die Gewinnwarnung im Sommer. Dann wurde sein Lieblingssolarthermieprojekt vom Desinteresse der Kunden ausgebremst. Dazu die Genehmigungsbremse bei Offshore-Windanlagen wegen Schweinswal-Lärmbelästigung. Auch bei der Feminisierung der Führungsebene leuchten die Bremslichter. Der Vertrag der ersten Frau im Konzernvorstand wurde – Quote hin oder her - einfach nicht verlängert.
Löscher läuft zu Begin seines zweiten, fünf Jahre laufenden Vertrags Gefahr, den Ruf als erfolgreicher Erneuerer zu verspielen. Nun soll eine Auswechslungsrunde im Konzernportfolio die Bremsen lösen: Osram fällt raus (an die Aktionäre), zuvor tritt Löscher bei der Lichttochter noch einmal heftigst auf die Kostenbremse. Dafür kauft er mit Invensys in Britannien zu. Sinnigerweise ein Spezialist für Bahn- und Signaltechnik. Vielleicht bringen die Londoner ja Licht in die ICE-Bremsmechanismen.
Clemens Bilan/dapd