Kritiker halten der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel Beliebigkeit in ihren politischen Positionen vor. Vor dem Parteitag nörgelten Mitglieder, der CDU fehle die Richtung. Doch Merkels Strategie ging auf. Gerade diese Unbestimmtheit ist der Erfolgsfaktor der CDU-Chefin. In ihrer rund einstündigen Parteitagsrede breitete Merkel die Arme aus und schloss alle politischen Strömungen mit ein. „Was wir geschaffen haben, sucht seinesgleichen", lobte Merkel sich und die Partei. „Es ist die CDU Deutschlands, die uns mit klarem Kompass auf stürmischer See steuert." Kein kritisches Wort an die Euro-Skeptiker, keine Ermahnungen an die Initiatoren der ungeliebten Debatte über die steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe. Die Delegierten dankten es Merkel mit dem besten Wahlergebnis, dass sie als CDU-Chefin jemals errungen hat. Mit 97,94 Prozent der Stimmen wurde Merkel zum siebten Mal wiedergewählt. „Ich bin echt platt und gerührt", sagte die CDU-Chefin danach sichtlich bewegt.

In ihrer Rede schwor die Merkel die Partei auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf ein. Bodenständigkeit und Bürgernähe sind die Schlagworte. „Aus Dankbarkeit allein ist noch niemand gewählt worden. Die Menschen erwarten mehr", mahnte sie. Auch in Zukunft müssten Arbeit und Wohlstand gesichert sein. „Ludwig Erhards Formel ‚Wohlstand für alle' ist noch immer unübertroffen", betonte die Kanzlerin. Immer wieder ermunterte sie die Delegierten, auf die Menschen zuzugehen. Die CDU sei die „Volkspartei der Mitte", rief Merkel unter dem Applaus der Delegierten aus. „Wir leben Freiheit in Verantwortung".

Auf dem Parteitag wird wieder deutlich: Die CDU steht ganz im Glanz der populären Bundeskanzlerin, die regelmäßig Sympathiewerte von rund 70 Prozent erhält. Das Programm für den Bundestagswahlkampf heißt deshalb Angela Merkel. Platz für andere gibt es kaum. Parteistrategen sehen darin Chance und Gefahr zugleich. Wie SPD, Grüne und FDP wirbt auch die CDU um die Mitte, der sich aber die Mehrheit der Wähler in Deutschland zugehörig fühlt. Angela Merkel trifft den Ton aber am besten.

Mit einer Harmoniedecke werden auf dem Parteitag alle kontroversen Themen zugedeckt. Merkel hat auf alles eine Antwort. Sie ist die Wundermedizin der Partei. So will sie sich für eine Lohnuntergrenze und Mütterrenten einsetzen. In dem als winderlweich kritisierten Kompromiss über eine flexible Frauenquote in Aufsichtsräten übt Merkel den Brückenschlag. Kein Wort über die erbitterte Debatte, die sich Familienministerin Kristina Schröder und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen lieferten. Nein, Merkel fand einen anderen Adressaten und ermahnte ungewohnt deutlich die Wirtschaft. "Meine Geduld bei dem Thema geht zu Ende. Ich will jetzt endlich Resultate sehen", rief sie aus. Harmonie ind en eigenen Reihen und Aufbruch sind die Signale, die vom Parteitag ausgehen soll.

Zum Abschluss ihrer Rede gibt Merkel den Delegierten eine Weisheit aus ihrem Wahlkreis Rügen mit auf den Weg. „Gottes sind Wogen und Wind, Segel und Steuer sind Euer." So steht es auf einem Brunnen im Ostseebad Göhren. Die Botschaft heißt: Packen wir es an. Acht Minuten stehender Beifall ist der Lohn.

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