Nachdem Facebook jahrelang Fotos und persönliche Informationen von mehr als einer Milliarde Nutzern gesammelt hat, enthüllte das soziale Netzwerk am Dienstag ein Suchwerkzeug, das die Informationen und Profile durchsuchbar macht. Damit dringt das US-Unternehmen weiter in Googles Revier ein.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei der Präsentation am Firmensitz in Menlo Park. dapd

Die beiden Unternehmen wetteifern darum, das wichtigste Internet-Portal zu sein. Google diente dabei lange als erste Adresse im Web, um Websites und Informationen zu finden, Facebook, um zu tratschen und Fotos mit Freunden zu teilen. Doch die Unterschiede verschwimmen zunehmend. Auf dem Spiel steht eine Menge Geld.

Facebook erklärte am Dienstag, dass es die Nutzer schon bald in die Lage versetzen will, komplexe Anfragen zu den Profilen ihrer Freunde zu stellen. Ein Beispiel: „Sehenswürdigkeiten in Frankreich, die meine Freunde gesehen haben."

Facebook zielt auf Googles wichtigstes Produkt

Damit greift Facebook Googles Kernkompetenz und mit Abstand lukrativstes Produkt an – die Suche. Facebook will seine Nutzer davon überzeugen, dass sie Google nicht benötigen, um Informationen zu finden.

Google generiert einen Großteil des jährlichen Umsatzes von 40 Milliarden US-Dollar durch den Verkauf von Werbung in der Websuche. In den USA hat Google 2012 nach einer Schätzung von E-Marketer 13 Milliarden Dollar durch die bei Suchanfragen eingeblendete Werbung verdient. Das wären 75 Prozent des gesamten Marktes.

Googles riesiger Informationsindex bleibt unangefochten. Nach Angaben des Unternehmens hat die Suchmaschine 30 Billionen einzigartige Unterseiten auf insgesamt 230 Millionen Websites indiziert. Vergangenes Jahr änderte Google seine Suchmaschine, um es für die Nutzer einfacher zu machen, Informationen über Menschen, Orte und Produkte zu finden, indem Fotos, Fakten und andere „direkte Antworten" auf Suchanfragen über den eigentlichen Suchergebnissen angezeigt werden, statt nur Links auf Webseiten.

Als Beobachter des Aufstiegs von Facebook hat Google den Vorstoß in Richtung Suche vorhergesehen und 2011 seinen eigenes soziales Netzwerk Google+ aufgebaut. Damit verfolgt das Unternehmen das Ziel, Informationen über einzelne Personen wie den Namen, persönliche Interessen und die Freunde der Personen zu erfassen. Später integrierte der Konzern Google+ in die Websuche, sodass Nutzer, die nach einer bestimmten Website, einem örtlichen Restaurant oder einem Produkt suchen, informiert werden, falls ein Kontakt auf Google+ dieses zuvor positiv oder negativ bewertet hat. Ein Google-Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.

Allerdings hat Facebook ein deutlich größeres soziales Netzwerk und einen beträchtlichen Vorsprung, nachdem es seine Nutzer seit Jahren dazu ermutigt, Fotos und alle möglichen persönlichen Informationen auf ihre Profile hochzuladen. Die Daten reichen dabei von einfachen Angaben wie Wohnort, Name des Arbeitgebers und Interessen bis hin zu heikleren Daten wie Alter, Religionszugehörigkeit und Beziehungsstatus.

Ein Großteil dieser Informationen lässt sich dank Facebooks neuer Funktion Graph Search nun nach über einem Jahr Entwicklungszeit durchsuchen. Am Dienstag hatte zunächst nur eine kleine Zahl von Nutzern Zugriff auf diese Funktion. Websuchen, zu denen Facebook keine Daten liefern kann, übernimmt die Suchmaschine Bing von Facebook-Partner Microsoft.

Yelp-Aktie gibt nach

Durch Facebooks Vorstoß könnte das Geschäftsmodell von einer Reihe anderer Internetunternehmen wie Yelp, Linkedin und Amazon vor einer Zäsur stehen. Die Dienste werden dazu genutzt, um Orte, Geschäfte, Geschäftsbeziehungen beziehungsweise Produkte zu finden. Die Aktien von der Online-Bewertungs-Seite Yelp gaben am Tag nach der Facebook-Ankündigung um mehr als 7 Prozent nach.

Amazon und das soziale Business-Netzwerk Linkedin wollten sich nicht äußern, ein Sprecher von Yelp konnte nicht sofort erreicht werden.

„Ich glaube nicht, dass eine einzige Abfragemöglichkeit heute ein ganzes Geschäftsmodell zerstört, doch viele dieser Unternehmen müssen sich Sorgen machen, weil sie sozialer Natur sind", sagte Gartner-Analyst Brian Blau.

Neue Einnahmemöglichkeiten für Facebook

Facebook hat noch keine neuen Einnahmequellen durch die genannten Möglichkeiten vorgestellt, die auf mobilen Geräten zunächst nicht verfügbar sein werden. Ein wachsender Teil der Facebook-Nutzerschaft greift mit dem Smartphone auf das Netzwerk zu.

Es ist jedoch wahrscheinlich, dass das neue Produkt auch neue Möglichkeiten zum Geldverdienen erschließt, beispielsweise die Einblendung von Werbung bei Suchanfragen. Das Unternehmen arbeitet nach einem missglückten Börsenstart im Mai daran, neue Einnahmequellen zu erschließen.

Derzeit verdient Facebook das meiste Geld damit, kleine Werbeanzeigen mit Text oder Bildern auf der Seite anzuzeigen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte, dass Graph Search dem Unternehmen helfen könne, mehr Geld einzunehmen. Er wollte aber nicht sagen, ab wann das Unternehmen plant, die neuen Möglichkeiten für Einnahmen umzusetzen.

Facebooks Börsengang

„Langfristig könnte das ein Geschäft sein. Aber jetzt sind wir zunächst sehr darauf konzentriert, das Produkt für die Nutzer zu verbessern", sagte Zuckerberg bei der Präsentation der neuen Funktion in der Facebook-Zentrale im kalifornischen Menlo Park.

Anleger schienen von der Nachricht nicht überrascht. Schon Tage zuvor gab es Spekulationen, dass Facebook ein Suchwerkzeug anbieten würde. Die Aktien des Unternehmen, die seit dem Tiefpunkt im September um mehr als 75 Prozent gestiegen sind, schlossen am Dienstag um 2,7 Prozent tiefer bei einem Wert von 30,10 Dollar.

Neue Facebook-Produkte sollen Umsatz ankurbeln

Facebook hat in den vergangenen Monaten eine Reihe neue Produkte vorgestellt, die darauf abzielen, den Profit zu steigern. Zu den Neuerungen zählen beispielsweise eine eigenständige mobile App für Kurznachrichten, eine Werbe-Auktionsplattform namens Facebook Exchange und der Online-Geschenke-Shop Gifts. Bei Facebook Exchange wird in Echtzeit Werbung für bestimmte Zielgruppen versteigert. Die Zahlen des vierten Quartals stellt Facebook am 30. Januar vor.

Facebook besitzt schon lange eine einfache Suche, mit der der Nutzer nach dem Namen von Personen oder dem Namen einer Fanpage eines Unternehmens suchen konnte. Mit Graph Search fügt Facebook darin seine Daten ein, kategorisiert sie und ermöglicht es den Nutzern, sie einfacher mittels natürlicher Sprache zu finden.

Wenn beispielsweise jemand Fotos der eigenen Freunde finden möchte, die als Aufnahmen im Yellowstone-Nationalpark markiert wurden, kann der Nutzer schlicht nach „Fotos meiner Freunde in Yellowstone" suchen. Eine breitere Suche wäre beispielsweise „Fotos von Freunden in Nationalparks". Wie bei Google erscheinen die Resultate schon, während die Suchanfrage noch eingeben wird.

Privatsphäre soll geschützt sein

Bei der Präsentation versuchte Facebook den Einwänden von Datenschützern von vorne herein entgegenzutreten. Das soziale Netzwerk wurde in der Vergangenheit von Verbraucher- und Datenschützern scharf für den Umgang mit persönlichen Daten kritisiert – insbesondere in Deutschland. Bei der Präsentation in Menlo Park versicherte das Facebook-Team, dass durch die neue Funktion nur Informationen angezeigt würden, die ohnehin schon für den Nutzer einsehbar sind.

Bevor die neue Suche für das gesamte soziale Netzwerk verfügbar ist, werden die Nutzer außerdem durch eine Nachricht ganz oben auf Facebook dazu aufgefordert, die Privatsphäre-Einstellungen zu überprüfen, um einzustellen, was via Graph Search auffindbar sein soll. „Der Schutz der Privatsphäre ist in dieses Produkt von Anfang an eingebaut", sagte Zuckerberg.

Arbeit an Graph Search seit Mitte 2011

Die ernsthafte Arbeit an Graph Search begann als internes Entwicklungsprojekt bei Facebook Mitte 2011. Damals zeigte Lars Rasmussen, Facebooks Chefprogrammierer für die Suche, Zuckerberg einen einfachen Prototyp der Suche.

Während des Treffens, das in Zuckerbergs Konferenzraum stattfand, sagte Rasmussen, dass sein Team eine Suche bauen könne, die sofort Resultate von Informationen aus dem gesamten Netzwerk anzeigen könne. Zuckerberg mochte die Idee, war allerdings anfangs skeptisch.

„Er sagte, dass ich das niemals hinbekommen würde. Aber wenn es klappen sollte, dann wäre es super", sagte Rasmussen, der das Projekt zusammen mit Facebooks Chef für das Produktmanagement der Suche, Tom Stocky, leitete.

Facebooks Programmier-Team für die Suche, das aus mehr als 50 Mitarbeitern besteht, arbeitete in den vergangenen Monaten hart an dem Projekt. Das Team legt eine Art Programmier-Sprint von 34 Tagen im Winter hin, in der sich das Team einschloss, sagte Stocky. Während dieser Zeit sei Zuckerberg häufig vorbeigekommen.

Mitarbeit: Shira Ovide und Greg Bensinger

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