Exorbitante Bankerboni sind seit der Finanzkrise ins Gerede gekommen. Sie gelten als einer ihrer Auslöser. Mit dem Wertpapierhaus Morgan Stanley MS +0,03% Morgan Stanley U.S.: NYSE $32,54 +0,01 +0,03% 20 Aug. 2014 16:01 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,21 Mio. NACHBÖRSLICH $32,54 0,00 % 20 Aug. 2014 19:39 Volumen (​15 Min. verzögert) : 29.230 KGV 15,00 Marktkapitalisierung 63,87 Milliarden $ Dividendenrendite 1,23% Umsatz/Mitarbeiter 781.374 $ macht jetzt offenbar ein großes Wall-Street-Unternehmen mit neuen Regelungen ernst. Das Geldhaus teilt an seine Händler, Investmentbanker und andere Angestellte künftig Schuldscheine statt Bargeld aus. Die Zahlungen sollen in vier Raten überwiesen werden, sagten mit dem Plan vertraute Personen. Die erste Summe der aktuellen Boni werde im Mai ausgezahlt, die letzte im Januar 2016. Mitarbeiter, die das Unternehmen vorher verlassen oder gekündigt werden, verlieren ihre Ansprüche auf die aufgeschobene Zahlung, sofern sie nicht einen separaten Deal mit dem Management aushandeln.

"Ich glaube, in den Handelsräumen von Morgan Stanley wird es keine Jubelstürme geben", sagt der frühere Mitarbeiter der US-Notenbank und heutige Dozent an der Boston University, Mark Williams. "Die Boni wurden genutzt, um Häuser und Autos zu kaufen. Sie waren Sparinstrumente." Der neue Plan werde viele Angestellte irritieren. Dazu zählten besonders diejenigen, die nach eigener Einschätzung im Jahr 2012 viel geleistet hatten und nun wenig Gegenleistung erhielten.

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Daniel Loeb, whose hedge-fund firm last week disclosed a stake in Morgan Stanley, has started prodding the securities firm about its pay levels. Rick Brooks joins Markets Hub. Photo: AFP/GettyImages.

Zu den stärksten Verfechtern des neuen Bonussystems zählt der Chairman und Chef von Morgan Stanley, James Gorman. Seine Herangehensweise findet viel Gegenliebe bei Aufsehern und Experten für Risikomanagement. Händler verhielten sich deutlich weniger risikofreudig, wenn sie wissen, dass ihr Arbeitgeber ihnen Millionen Dollar an aufgeschobenem Gehalt schulde, lautet das Argument.

Ein Morgan-Stanley-Sprecher verwies angesichts des neuen Bonusplans auf einen Kommentar von Gorman aus dem vergangenen Jahr. "Die Aktionäre müssen Geld machen. Wir können es nicht für uns selbst erwirtschaften." Die Vorstandsetage hat ihren Managern in den vergangenen Tagen die Änderungen erläutert. Die meisten Angestellten, die mehr als 350.000 Dollar pro Jahr verdienen, werden erstmals ihren Bonus nicht im Laufe der kommenden Wochen einstreichen können. Bisher war das allgemeine und anerkannte Praxis.

Für die hochbezahlten Manager sind das schlechte Nachrichten. Viele Angestellte müssen Anschaffungen aufschieben, ihr Erspartes anzapfen oder ihren Lebensstil einschränken. Die aufgeschobenen Zahlungen gelten erst ab Boni von mehr als 50.000 Dollar und werden zur Hälfte in bar und zur Hälfte in Aktien beglichen. Finanzberater sind vom neuen Entlohnungsplan nicht betroffen, sagten die informierten Personen weiter.

Die direkte Auswirkung des Bonusplans wird gedämpft durch Auszahlungen, die seit dem Jahr 2011 und früher zurückgehalten wurden. Im vergangenen Jahr deckelte Morgan Stanley alle Barboni ab 125.000 Dollar für die bestbezahlten Angestellten und fror den Rest ein. Der für klare Worte bekannte Australier Gorman hat die Zahlung von Boni seit Amtsantritt im Jahr 2010 immer wieder aufgeschoben und verringert. Für unzufriedene Manager hielt er eine deutliche Botschaft bereit: Sie sollten sich einfach nach einem neuen Arbeitgeber umschauen, wenn ihnen die neue Zahlungsstruktur zu sehr missfalle. Gleichzeitig machte er Hoffnung auf wieder erklecklichere Auszahlungen. Sollten Umsätze und Renditen im Zuge einer allgemeinen Wirtschaftserholung klettern, legten auch die Gehaltskomponenten wieder zu.

Die Vorstandsetage von Morgan Stanley wandert auf einem schmalen Grat. Sie muss eine Balance finden zwischen den Forderungen der Anleger und den Ansprüchen von gutverdienenden Bankern und Händlern. Für die Bilanz von Morgan Stanley rechnet sich das neue Bonussystem. Die eingefrorenen Boni müssen erst verbucht werden, sobald sie ausgezahlt werden. Damit wird es für die Unternehmensleitung attraktiver, die Boni für 2012 über mehrere Jahre zu strecken. Innerhalb der ersten neun Monate 2012 kletterte das durchschnittliche Gehalt je Angestelltem um rund 3 Prozent auf knapp 210.000 Dollar. Analysten und Gehaltsberater rechnen für das Gesamtjahr mit unveränderten oder leicht gestiegenen Bezügen.

"Das ist ein großer Einschnitt", sagt Jura-Professor Jonathan Macey von der Yale University. "Das hilft dem Ruf von Morgan Stanley. Wenn ich ein Geschäftspartner von Morgan Stanley wäre, würde ich gerade deswegen mit ihnen Verträge machen. Ich kann kaum glauben, dass es so lange gedauert hat." Morgan Stanley überarbeitete nach eigenen Angaben seine Gehälterstruktur nach der Finanzkrise sehr schnell. Der damalige Chef John Mack strich ab Anfang 2008 für drei Jahre keine Boni ein.

Die Firma erstellte zudem nach der Krise einen Plan, wonach Angestellte für geplatzte Deals haftbar gemacht werden können, selbst nachdem der Bonus eingelöst wurde. Die Leitung von Morgan Stanley reagiert sehr sensibel wegen Verlusten mit Immobiliengeschäften im Jahr 2007, bei der neun Milliarden US-Dollar den Bach runtergingen. Das Wall-Street-Unternehmen konnte sich keinen signifikanten Zugriff auf die bereits ausgezahlten Gehälter der Händler und Risikofachleute sichern. Vor der Krise zahlten New Yorker Finanzfirmen oft Millionen Dollar Barboni an Händler aus und lieferten damit eine Steilvorlage für riskante Deals. Langfristig stellten sie damit natürlich das eigene Geschäft auf wackliges Fundament.

"Werden die besten Talente abgeschreckt?"

Damals war es durchaus üblich, dass Händler bis zu 70 Prozent ihres gesamten Gehalts in Form von Barboni einsammelten. Dieser Prozentsatz hat sich nunmehr vielfach auf null verringert, etwas, das in dieser Größenordnung an der Wall Street für so viele Angestellte noch nie passiert ist. Doch der neue Trend kennt auch entschiedene Kritiker. Diese Art der eingefrorenen Boni lenkten talentierte Banker in das berüchtigte "Schattenbanksystem" der Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften, gibt der Dozent Williams zu bedenken. "Werden die besten Talente abgeschreckt?"

Andere entgegnen: Die aufgeschobenen Bonuszahlungen ermöglichten es Gorman, Angestellte zu halten, die seiner Vision folgten. Das neue System ziehe außerdem Talente an, die davon ausgehen, ihren Erfolg auch in künftigen Jahren zu wiederholen. Eingefrorene Gehaltskomponenten sind inzwischen an der Wall Street durchaus an der Tagesordnung. Rund 40 Prozent der Rentenhändler, 15 Prozent der Aktienhändler und zehn Prozent der Mitarbeiter in den Investmentbanksparten mussten sich die Hälfte bis Dreiviertel ihrer Boni zurückhalten lassen, ergeben Zahlen der New Yorker Beratungsfirma Options Group.

—Mitarbeit: Jenny Strasburg

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